Gedenken an die Reichspogromnacht

Remscheider Opfer bekommen ein Gesicht

Aufschlagen des virtuellen Gedenkbuches der Stadt Remscheid. Dazu betätigten OB Burkhard Mast-Weisz (v. l.), Innenminister Herbert Reul, Andrea Blesius und Polizeipräsident Markus Röhrl einen roten Knopf am Stehpult. Foto: Doro Siewert
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Aufschlagen des virtuellen Gedenkbuches der Stadt Remscheid. Dazu betätigten OB Burkhard Mast-Weisz (v. l.), Innenminister Herbert Reul, Andrea Blesius und Polizeipräsident Markus Röhrl einen roten Knopf am Stehpult.

Innenminister Herbert Reul war in Remscheid zu Gast.

Von Alexandra Dulinski

Remscheid. Eine entscheidende Wende in der Judenverfolgung stellte der 9. November 1938 dar. So bezeichnete Artour Gourari, Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, den Tag, an dem im ganzen Land die Synagogen brannten, jüdische Wohn- und Geschäftshäuser zerstört und geplündert wurden: die Reichspogromnacht. Sie jährte sich am Dienstag zum 83. Mal. Der Opfer wurde zum Jahrestag in der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall gedacht.

Innenminister Herbert Reul, der nach Remscheid angereist war, lobte das Engagement der Schülerinnen und Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums, auf deren Initiative die Gedenk- und Bildungsstätte zurückgeht. „Hier bekommen die Opfer ein Gesicht. Der Pferdestall ist ein Ort zur Mahnung für die Lebenden.“

Er appellierte vor allem an die jungen Menschen: „Sie sind Botschafter.“ Ob im Klassenchat, auf dem Pausenhof oder im Sportverein – überall, wo Zivilcourage gefragt ist, gelte es, aufzustehen und klare Haltung zu zeigen. „Unser Rechtsstaat muss Tag für Tag gewahrt werden, und jeden Tag muss ein stückweit dafür gekämpft werden“, sagte Reul.

Hans Heinz Schumacher: „Wir wollen jedem Remscheider Opfer seine Würde zurückgeben“

Er erinnerte an zwei Attentate der jüngsten Vergangenheit, die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und den Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale. „Diese Beispiele zeigen, dass zur Tat geschritten wird. Das passiert leider immer wieder“, erklärte Reul,

Hans Heinz Schumacher, Vorsitzender der Gedenkstätte, berichtete von einem Telefonat mit einem Zeitzeugen, Siegmund Freund, der im KZ Sachsenhausen und Auschwitz von den Nazis gefoltert wurde. „Wir wollen jedem Remscheider Opfer seine Würde zurückgeben“, sagte Schumacher.

Im Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus, das während der Gedenkfeier digital eröffnet wurde, bekommen die Opfer von nun an ein Gesicht. „Die Nazis haben versucht, sie zu Nummern zu machen. Aus Zahlen sollen Identitäten werden“, erklärte Artour Gourari.

Auch für die Polizeiausbildung spielt die Geschichte eine Rolle

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz erklärte, dass es nur einen starken Staat geben kann, wenn sich die Menschen für ihn einsetzen. „Wenn wir eines aus der Geschichte lernen, dann, dass alle verpflichtet sind, unseren Staat und die Demokratie zu schützen“, sagte er. Gefährlich sei das Gift des Nicht-Kümmerns, des Geschehen-Lassens und des Desinteresses. Denn es gebe immer mehr Menschen, die die Verfassung infrage stellen würden – das zeigten die vielen Angriffe auf Polizeibeamte und Rettungskräfte.

Polizeipräsident Markus Röhrl zitierte aus dem Fernschreiben an die Polizeistellen 1938, laut dem die Polizei in der Pogromnacht unter anderem insbesondere wohlhabende Juden festnehmen sollte. Als „wohlkalkulierte Meilensteine auf dem Weg zum Holocaust“ bezeichnete Röhrl die Novemberpogrome. Die Polizeigeschichte spielt in der heutigen Ausbildung von angehenden Polizeibeamten deshalb eine große Rolle. „Sie werden in ethischen, verfassungsrechtlichen Fragen geschult“, erklärte Röhrl. Doch alle Erziehung und Lehre könnten nicht verhindern, dass Einzelne im Polizeidienst rechtsextremistisch denken. „Wir setzen immer wieder an, wie wir die Kollegen immunisieren können gegen Zynismus, Dummheit, Menschenfeindlichkeit und Frustration“, sagte Röhrl.

Arzum Arslan, Schülerin der EMA-Geschichts-AG, erinnerte an die Pogromnacht. „Deutschland war kein sicheres Land mehr. Oder heißt es, Deutschland ist kein sicheres Land mehr?“, stellte sie die Frage an das Publikum.

Zeitzeuge

Gad Frank, Sohn eines EMA-Schülers und ehemaliger Remscheider, ist 1934 als Vierjähriger nach Palästina ausgewandert. In einem aufgezeichneten Video-Interview mit Hans Heinz Schumacher berichtete er, wie sein Vater seine Geige verkaufte, um für Gad Franks in Deutschland lebenden Großeltern eine Einreisegenehmigung zu erkaufen. Die Eltern wollten in Deutschland bleiben – und wurden kurze Zeit später nach Theresienstadt deportiert.

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