Energiekrise

Energiesparen: Flüchten die Deutschen in die Sonne?

Die Kataloge haben Sabine Reuter (l.) und Marion Jockel zur Hand. Aber: Es bucht kaum jemand Urlaub.
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Die Kataloge haben Sabine Reuter (l.) und Marion Jockel zur Hand. Aber: Es bucht kaum jemand Urlaub.

Wetter trist, Heizen teuer – dennoch gibt es in Remscheid kaum Winterflucht.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Nicht nur der Blick aus dem Fenster ist dieser Tage trist, auch die Weltlage drückt vielen Menschen aufs Gemüt. Wer dann noch an die anstehende Heizperiode und explodierende Energiekosten denkt, könnte – sofern er es sich leisten kann – doch auf die Idee kommen, der ganzen Misere zu entfliehen. Die Reisebüros haben das erkannt, locken mit langfristigen Urlauben. „Vier Wochen Türkei, all-inclusive, 900 Euro. Da sparen sie ja nicht nur die Heizkosten, sondern gleich auch noch sämtliche Einkäufe“, werben Marion Jockel und Sabine Reuter von der Flugbörse.

Passend dazu: Krisenstab will durch den Winter helfen

Doch im Reisebüro im Allee-Center herrscht eben nicht Hochbetrieb. Für die Remscheider scheint die aktuelle Situation kein Push-Faktor Richtung Süden zu sein. „Man merkt, dass die Leute nicht viel Geld in die Hand nehmen. Der Sommerkatalog ist da und lockt mit Frühbucherrabatten, aber die Familien sind sehr verhalten.“ Das Gefühl sei eher, dass der Familienurlaub auf der Kippe stehe: Da buche derzeit niemand. Das gelte auch für die Winterflucht.

Wobei Rentner, die sich das erlauben könnten, in der Flugbörse ein anderes Thema umtreibt: Corona. „Die steigende Inzidenz besorgt ältere Reisende. Es besteht die Befürchtung, dass es wieder zu Einschränkungen kommt.“ Das lasse viele vorsichtig werden, insbesondere, weil Registrierungen im Ausland meist per Handy zu tätigen sind.

Den Eindruck, dass sich die Menschen zurücknehmen und versuchen, zu sparen, bestätigt Bianca Leyendecker. Auch im Reisebüro Hallen in der Kreuzbergstraße ist es ruhig. Das sei zum Ende der Herbstferien hin aber normal, sagt Leyendecker. Sorgen bereitet ihr eher der Ausblick auf die kommenden Wochen: Jetzt würden normalerweise die umsatzstärksten Monate anbrechen, wenn die Menschen Richtung Sommer blicken. „Die Leute warten aber ab, überall sind die Kosten gestiegen. Ich gehe davon aus, dass die Situation auch in den kommenden Wochen zurückhaltend bleibt.“ Der Betrieb sei derzeit insgesamt rückläufig.

Zurückhaltung spüren auch Claudia Heckmann-Maier und Volker Maier vom Reisebüro Heckmann mit Blick auf den kommenden Sommer. Aber: An der Hastener Straße läuft das tagesaktuelle Geschäft bedeutend besser. „Kreuzfahrten laufen gut, dazu klassisch Ägypten, Kanaren, Türkei. Da können wir arbeitsmäßig nicht klagen“, sagt Maier. Die Leute fahren weg. Maiers Gefühl: „Viele versuchen, noch vor Corona-Welle und Energieengpass wegzukommen.“

Es wird verreist – aber nicht, um Heizkosten zu sparen

Aber: Lange Reisen, ausgiebige Winterflucht – Fehlanzeige. „Die Reisen, die gebucht werden, gehen über sieben bis zehn Tage.“ Natürlich bedrücke viele die finanziell unsichere, nahe Zukunft, sagt Maier: „Aber unsere Erfahrung zeigt, dass die Preise für den kommenden Sommer genau jetzt am günstigsten sind.“ Auch hier spielt Corona und die steigende Inzidenz eine Rolle. Denn wenn nach einer prophezeiten Winterwelle die Zahlen im Frühjahr wieder sinken, dann buchen sie alle: „Und die Preise steigen deutlich.“

Standpunkt von Timo Lemmer: Mutmacher gesucht

timo.lemmer@rga.de

An dieser Börse finden Angebot und Nachfrage derzeit nicht zusammen: Die Flugbörse im Allee-Center ruht. Reisen stehen momentan nicht besonders hoch im (Aktien-)Kurs. Das berichten die meisten der hiesigen Agenturen. Die Reisebüros spüren Kaufzurückhaltung, wie sie auch aus anderen Branchen übermittelt wird. Wir brauchen Mutmacher.

Ein Schleier aus Unsicherheit hat sich über viele Bereiche des Lebens gelegt. Die Menschen halten ihr Geld zusammen, vermögen nicht zu erahnen, wie hoch Energie- und Heizkosten noch ansteigen werden. Die Unbekümmertheit ist weg. Wer sich einen ganzen Winter im warmen Ausland leisten kann, kann sich auch immer noch das Heizen leisten.

Wären sich dessen auch die Familien gewiss, in der Flugbörse wäre wieder mehr los. Klar ist damit: Zum notwendigen Mutmacher taugen die politisch diskutierten Konzepte rund um Preisdeckel und Energiehilfen noch nicht. Da muss mehr (Zuversicht) kommen.

Lesen Sie auch: Missbrauchskomplex Wermelskirchen: Anklage erhoben - „unvorstellbares Ausmaß“

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