Emotionale Geschichtsstunde

Realschüler erlebten Zeugnisse jüdischen Lebens

Jochen Bilstein begann seine emotionale Führung an der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall.
+
Jochen Bilstein begann seine emotionale Führung an der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall.

Die Geschichte der Juden, die in Remscheid gelebt haben, soll nicht vergessen und stattdessen an die Jugend weitergegeben werden.

Von Peter Klohs

Remscheid. Lehrerin Sabina Yündem von der Alexander-von-Humboldt-Realschule an der Grunerstraße setzt sich in besonderer Weise dafür ein. Sie lehrt Politik und legt besonderen Wert auf die Aufarbeitung der neueren deutschen Geschichte.

In regelmäßigen Abständen lädt sie ihre Schülerinnen und Schüler ein, auf einem Gang durch die Stadt die Zeugnisse jüdischen Lebens zu sehen und zu begreifen. Leider waren am Dienstag nur sechs Schülerinnen und Schüler dabei. Schulleiterin Gundula Krüger bedauerte die augenblicklich in der Schule herrschende Krankheitswelle, die eine größere Teilnehmerzahl verhinderte.

Die Stolpersteinführung, angereichert durch so manches bewegendes Detail aus Familiengeschichten, führte Jochen Bilstein durch, ein Kenner des Themas. Die Führung begann an der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall. Jochen Bilstein erläuterte die Vergangenheit des Gebäudes, das in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts erbaut wurde, bis heute im Original erhalten geblieben ist und in dem zur Zeit des Nationalsozialismus auch Juden inhaftiert waren. „Bis zu ihrer Deportation oder – was eher selten geschah – bis zu ihrer Entlassung.“ Er ging auf die zwei Dauerausstellungen der Bildungsstätte ein, die das Schicksal der Juden und das der Sinti und Roma thematisieren.

„Widerstand ist enorm wichtig, wie sich zurzeit im Iran zeigt.“

Jochen Bilstein

Vergleichsweise haben nie sehr viele Juden in Remscheid gelebt, was an der Industrialisierung der Stadt lag, die sie für Juden, die zur Hauptsache vom Handel lebten, nicht besonders interessant machte. „Rund 200 Juden lebten 1933 in Remscheid“, erläuterte Bilstein. „Der alltägliche Antisemitismus war der jüdischen Bevölkerung natürlich bekannt, und sie lebte damit. 1933, als die Nazis die Macht übernahmen, brach diese ‚Normalität‘ natürlich zusammen. Obwohl es in Remscheid einen recht erheblichen Arbeiterwiderstand gab, konnten die Nazis dadurch nicht besonders beeindruckt werden. Aber Widerstand ist enorm wichtig, wie sich zurzeit im Iran zeigt.“ Die jungen jüdischen Menschen, so Bilstein, hätten natürlich bemerkt, in welche Richtung sich der Wind in Deutschland drehte und wanderten, so eben möglich, aus. „Aber das heißt nicht, dass sie überlebt haben.“

In unmittelbarer Nähe des Pferdestalls, genau im Haus Martin-Luther-Straße 77, lebte bis 1941 die Familie Strauss. Vor dem Haus liegen unscheinbar zwei Stolpersteine, die dem Andenken an Agnes und Oskar Strauss gewidmet sind. Jochen Bilstein berichtet vom Leben der Familie, vom Schulverweis wegen Angehörigkeit zum Judentum, von Vater Werner, der nach Palästina auswanderte, 2001 in Remscheid zu Gast war und sich unter Qualen erinnerte, bis hin zum Tod von Agnes und Oskar 1943 in einem polnischen Ghetto. Vater Werner erfuhr erst viel später vom Schicksal seines Sohnes und dessen Frau.

500 Meter die Martin-Luther-Straße Richtung Stadtmitte entlang kommt man zum Haus Nummer 27. Dort wohnte die Familie Wisbrun. Vor dem Haus weisen drei Stolpersteine auf das tragische Schicksal von Gustav und Suse Wisbrun und deren Tante Hilde Lilienfeld hin. Die Familie floh zu Beginn der 40er Jahre mit einem Dampfer über die Donau in Richtung Palästina. Damals stand der Nahe Osten unter der Verwaltung der Engländer, und diese wollten keine Juden ins Land lassen. Die Folge davon war, dass an besagtem Schiff eine Sprengladung angebracht wurde, die dazu führte, dass das Schiff sank. Gustav überlebte, Suse ertrank.

Weiter geht der Weg der Schüler und von Jochen Bilstein, der die kleine Gruppe bis in die Mitte der Alleestraße führt. Nach weit über einer emotionalen geschichtlichen Stunde schloss dort die Stolpersteinführung.

Hintergrund

Sabina Yündem, Lehrerin an der Alexander-von-Humboldt-Realschule, begleitete die sechs teilnehmenden Schülerinnen und Schüler, die in den 9. Klassen unterrichtet werden. Sie möchte das Interesse und die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus wachhalten und die Schüler so sensibilisieren, dass diese in absehbarer Zeit selber Stolpersteinführungen organisieren und durchführen können. Die in Münster geborene Yündem ist politisch bei den Grünen aktiv und Mitglied der Seebrücke Remscheid sowie der Steuerungsgruppe Fairtrade-Town Remscheid.

Passend zum Thema: Auf den Spuren jüdischen Lebens in Lüttinghausen

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Der lange Weg zurück zum Führerschein
Der lange Weg zurück zum Führerschein
Der lange Weg zurück zum Führerschein
Miss Germany 2023: Diese Kandidatin aus Hückeswagen ist im Halbfinale
Miss Germany 2023: Diese Kandidatin aus Hückeswagen ist im Halbfinale
Miss Germany 2023: Diese Kandidatin aus Hückeswagen ist im Halbfinale
Auf der Asche entstehen Doppelhäuser
Auf der Asche entstehen Doppelhäuser
Auf der Asche entstehen Doppelhäuser
RS-Virus: So ist die Situation in der Kinderklinik in Remscheid
RS-Virus: So ist die Situation in der Kinderklinik in Remscheid
RS-Virus: So ist die Situation in der Kinderklinik in Remscheid

Kommentare