Versorgung bricht zusammen

Städtische Kinderarztpraxis wirft Fragen auf

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) sucht das Gespräch mit dem Sana-Klinikum.
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Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) sucht nach Lösungen..
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Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) sucht nach Lösungen. Die Stadt Remscheid soll selbst ins unternehmerische Risiko gehen: Ärztinnen wollen nur als Angestellte arbeiten.

Von Axel Richter

Remscheid. Dr. Bettina Stiel-Reifenrath freut sich. Dass die Stadt Remscheid den Betrieb einer eigenen Kinderarztpraxis prüft und damit in Erwägung zieht, sei „ein großartiges und ganz wichtiges Zeichen in Richtung der besorgten Eltern von annähernd 2000 Kindern in Remscheid“, sagt die Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung.

Wie der RGA berichtete, stimmten am Donnerstagabend die Politiker aller Ratsfraktionen und -gruppen im Hauptausschuss für einen von der SPD eingebrachten Antrag. Danach wird die Verwaltung bis zur nächsten Ratssitzung am 24. September prüfen, ob die Stadt als Träger eines Medizinischen Versorgungszentrums infrage kommt.

Wenn ja, könnte die Stadt die Praxis betreiben, in der Kinderärztinnen und -ärzte als ihre Angestellten arbeiten. Sie kämen aus den Kinderarztpraxen in Alt-Remscheid und Lüttringhausen, die zum Jahreswechsel schließen. Die heute dort beschäftigten Medizinerinnen sind wohl bereit, weiter als Angestellte zu arbeiten. Nicht aber dazu, selbstständig eine eigene Praxis zu führen.

„Darüber mag man denken, wie man will. Fakt ist: Für die inhabergeführte Praxis gibt es keinen Nachwuchs mehr. Also muss man andere Modelle finden. Modelle die an anderen Orten ja bereits gut funktionieren“, sagt Dr. Thomas Schliermann, ehemaliger Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Sana-Klinikum.

Schliermann meint die Stadt Neuenrade im Märkischen Kreis. Dort wusste sich der CDU-Bürgermeister Anfang 2020 nicht mehr anders zu helfen, als eine kommunale Hausarztpraxis zu eröffnen, um die medizinische Versorgung seiner Bürger zu sichern. Für den städtischen Haushalt war das keine gute Idee: Statt eines kleinen Ertrags rechnet Neuenrade aktuell mit einem Defizit von 80 000 Euro.

„Die Ärzteversorgung und der Betrieb einer Arztpraxis ist keine kommunale Aufgabe“, hielt Thomas Neuhaus (Grüne), Sozialdezernent von Remscheid, im Hauptausschuss fest und pflichtete damit der CDU-Fraktion bei. Zwar stimmte auch die für den Antrag der SPD, wonach die Verwaltung den Betrieb einer kommunalen Praxis prüft. Doch Fraktionschef Jens Nettekoven warnte: „Bei den Hausärzten sieht es doch nicht anders aus.“

„Natürlich nagen wir gewiss nicht am Hungertuch.“

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath

Gerät auch dort absehbar wegen Praxisschließungen aus Altersgründen die Versorgung in Gefahr? „Diese Befürchtung muss man durchaus haben“, gab der Sozialdezernent zur Antwort. Und weiter gefragt: Steht die Stadt deshalb möglicherweise auch dort irgendwann vor der Situation, dass sie selbst Praxen in kommunaler Trägerschaft eröffnen und organisieren soll, weil die jungen Ärzte von heute das unternehmerische Risiko nicht mehr tragen wollen?

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, die selbst in Lennep eine Hausarztpraxis betreibt, hält die Sorge für unbegründet. „Unser Hausarztsystem ist zwar auch überaltert, aber nicht so dramatisch wie bei den Kinderärzten.“ Das Durchschnittsalter bei den Hausärzten liege bei 56 Jahren. „Zwar werden einige in den nächsten Jahren aussteigen, es kommen aber immer auch welche nach“, sagt Stiel-Reifenrath. Gleiches gelte für die Facharztstellen in Remscheid. In der Corona-Krise sei es gleichwohl schwer, einen Neurologen oder Psychiater zu bekommen. Beide sind gerade besonders gefragt.

Für die Zurückhaltung der Nachwuchsmediziner, für die die eigene Praxis längst keinen Ärztetraum mehr darstellt, zeigt die Lenneperin übrigens Verständnis. „Natürlich nagen wir gewiss nicht am Hungertuch“, sagt sie. Insgesamt aber sei die Selbstständigkeit unattraktiver geworden. Aufgrund bürokratischer Hürden, immer neuer Dokumentationspflichten, immer mehr Patienten, Notdiensten und Arbeitszeiten von 60 bis 70 Stunden in der Woche.

Standpunkt: Wir brauchen neue Ärzte

Von Axel Richter

axel.richter@rga-online.de

Es ist nicht die Aufgabe der Stadt, für eine ausreichende Zahl von Arztpraxen zu sorgen. Die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung obliegt den Kassenärztlichen Vereinigungen. Doch auch die, so brachte es die Remscheider Vorsitzende Dr. Bettina Stiel-Reifenrath gegenüber dem RGA auf den Punkt, kann sich eben auch keinen neuen Kinderarzt backen. Schon gar nicht solche, für die sich mit der eigenen Praxis mit ihren Mitarbeitern und Patienten nach wie vor ein Traum erfüllt.

Deshalb muss die Stadt für ihre Bürger in die Bresche springen, denn, so formulierte es SPD-Ratsfraktionschef Sven Wolf in seinem Antrag: „Wenn der Markt keine Lösung bringt, dann müssen wir uns auf den Staat verlassen können.“ Doch der Staat ist eben nicht der bessere Unternehmer. Das zeigt das Beispiel Neuenrade, wo die Praxis unter städtischer Regie prompt keinen Gewinn, sondern 80 000 Euro Miese einfährt. Die städtische Arztpraxis darf deshalb nicht zur Regel, sondern muss die Ausnahme bleiben. Remscheid braucht Ärztinnen und Ärzte, die Verantwortung übernehmen wollen und unternehmerisches Risiko nicht scheuen. Trotz aller Widrigkeiten.

Update vom 11. September 2020 11 Uhr

Remscheid prüft die Einrichtung einer städtischen Kinderarztpraxis. Das beschlossen die Politiker im Hauptausschuss am Donnerstagabend. Danach könnte in Zukunft ein Medizinisches Versorgungszentrum in kommunaler Trägerschaft die Versorgung von annähernd 2000 Kindern sicherstellen.

Wie berichtet, werden zum Jahreswechsel zwei Kinderarztpraxen schließen. Nachfolger sind nicht in Sicht. Damit reduziert sich die Zahl der Kinderärzte in Remscheid von zehn auf sechs. Die Mediziner sehen die ärztliche Versorgung der kleinen Patienten danach vor dem Zusammenbruch stehen. Mit ihrem Prüfauftrag folgten die Politiker einem Antrag der SPD-Fraktion. „Wenn der Markt keine Lösung bringt, dann müssen wir uns auf den Staat verlassen können“, hatte Ratsfraktionschef Sven Wolf erklärt und als Beispiel die Stadt Neuenrade im Märkischen Kreis angeführt. Dort war es binnen weniger Monaten gelungen, ein verlässliches Angebot zur Patientenversorgung aufzubauen. „Warum sollte das nicht auch in Remscheid funktionieren?“, fragte Wolf.

Nach Gesprächen mit der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Sana-Klinikum stellte Gesundheitsdezernent Thomas Neuhaus (Grüne) für die Zeit nach dem 31. Dezember eine Übergangslösung in Aussicht. Wie das Provisorium aussehen könnte, sagte er mit dem Hinweis auf weitere Verhandlungen nicht. Für den Vorschlag der SPD stimmte auch die CDU. Fraktionschef Jens Nettekoven warnte indes: Bei den Hausärzten könne sich absehbar das gleiche Problem stellen. -ric-

Update vom 7. September 2020

Kinderärzte: Netzwerk arbeitet an Lösung

Remscheid. Der Krisengipfel zur Kinderarzt-Versorgung in Remscheid endete am Montagnachmittag mit der Absichtserklärung der Beteiligten, eine gemeinsame Lösung erarbeiten zu wollen. Das teilte Burkhard Mast-Weisz (SPD) am Abend auf RGA-Anfrage mit. Neben dem Oberbürgermeister nahmen an dem Gespräch im Rathaus teil: Sozialdezernent Thomas Neuhaus, Kämmerer Sven Wiertz, Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Neveling, Dr. Bettina Stiel-Reifenrath als Vorsitzende der hiesigen Kassenärztlichen Vereinigung, Sana-Geschäftsführerin Svenja Ehlers sowie vier Kinderärzte.

„Niemand zieht sich aus dem Prozess raus“, betonte Mast-Weisz. Man habe erste Lösungsansätze, die nun abgearbeitet werden, diskutiert. Noch sei nichts spruchreif. Klar ist die Zielsetzung, aus dem genannten Netzwerk heraus die kinderärztliche Versorgung in der Stadt in den kommenden Jahren sicherstellen zu wollen. Wie in der vergangenen Woche berichtet, haben sich die Remscheider Kinderärzte in einem Brandbrief an das Rathaus, die Ratsfraktionen und das Sana-Klinikum gewendet. Darin warnen die Ärzte vor einem Zusammenbruch der Versorgung. Hintergrund: Zum Jahresende schließen zwei weitere Praxen, die Zahl der Kinderärzte schrumpft auf sechs. Im Oktober wollen die Beteiligten erneut zusammenkommen. -böh-

Artikel vom 2. September 2020

Kinderärzte: OB Mast-Weisz bittet zum Krisengipfel ins Rathaus

Remscheid. Auf der Suche nach einer neuen Kinderarztpraxis sucht Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) das Gespräch mit dem Sana-Klinikum. In der kommenden Woche soll es dazu im Rathaus eine Art Krisengipfel geben. Dazu eingeladen ist die Kassenärztliche Vereinigung, das Krankenhaus und Lothar Kirchner, Sprecher der Remscheider Kinderärzte.

Wie berichtet, zählt Kirchner zu den Verfassern eines Brandbriefes, der im Namen der Remscheider Kinderärzte an das Rathaus, die Ratsfraktionen und das Sana-Klinikum gegangen ist. Darin warnen die Ärzte vor einem Zusammenbruch der Versorgung. Hintergrund: Zum Jahresende schließen zwei weitere Praxen, die Zahl der Kinderärzte schrumpft auf sechs.

„Wir wollen schauen, wie wir den drohenden Versorgungsengpass lösen können“, erklärt Mast-Weisz auf der RGA-Facebookseite. „Als Stadt sind wir dafür zwar eigentlich nicht zuständig, aber ich will natürlich, dass unsere Kinder gut versorgt sind.“ Auf Nachfrage, wie Sana zum Beispiel zur Idee eines Medizinisches Versorgungszentrum steht, erhielt der RGA keine Antwort. -ric-

Artikel vom 1. September 2020

Kinderärzte: Versorgung bricht zusammen

Zum Jahresende schließen zwei Praxen: Verbleibende Mediziner schreiben einen Brandbrief.

Von Axel Richter 

Dr. Claudia Müller, Lothar Kirchner und Jörg Sprenger sind Kinderärzte. Ihre Praxis ist voll.

Remscheid. Remscheids Kinderärzte schlagen Alarm: Mit Beginn nächsten Jahres „werden einige Tausend Kinder in Remscheid nicht mehr kinderärztlich versorgt“, schreiben Dr. Claudia Müller, Lothar Kirchner und Jörg Sprenger. Auch der Notdienst an Wochenenden und Feiertagen sei dann nicht mehr sichergestellt.

Mit ihrem Brandbrief reagieren die Mediziner auf die bevorstehende Schließung von zwei weiteren Kinderarztpraxen in Remscheid. Wie berichtet, wird das Krankenhaus Bethanien sein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in der Lüttringhauser Richthofenstraße zum Jahreswechsel schließen. Dazu stellt auch die Praxis Albrecht / Arnold in der Peterstraße den Betrieb ein.

Für beide Praxen fanden sich keine Nachfolger. Mit anderen Worten: Es fallen vier Arztstellen weg und die Zahl der noch verbleibenden Kinderärzte in Remscheid schrumpft auf sechs. Und das Problem wird sich in Zukunft weiter verschärfen, denn von den sechs verbleibenden niedergelassenen Kinderärzten befinden sich bereits vier in einem Alter jenseits des 60. Lebensjahres. „Es wird uns nicht gelingen, die Kinder der schließenden Praxen mitzuversorgen“, erklären Claudia Müller, Lothar Kirchner und Jörg Sprenger, die sich mit ihrem Schreiben stellvertretend für die verbliebenen sechs Kollegen unter anderem an die Remscheider Parteien wandten: „Die verbleibenden Praxen sind personell, räumlich und arbeitszeitlich jetzt schon zu 100 Prozent ausgelastet.“

Auch das Sana-Klinikum haben die Kinderärzte deshalb angeschrieben. Sagen konnte das Krankenhaus dazu gestern nichts. „Wir hoffen auf ein Unternehmen, das als Investor auftritt und ein neues MVZ in Remscheid eröffnet“, sagt Jörg Sprenger auf RGA-Nachfrage. Personal dafür sei vorhanden. Schließlich stünden nach der Schließung der beiden Praxen in Lüttringhausen und Alt-Remscheid drei Kolleginnen ohne Anstellung dar. „Sie wollen weiterarbeiten“, sagt Sprenger. Das allerdings nur als Angestellte, eine Praxis übernehmen wollen sie nicht.

Eben das ist das Problem. Nach Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung sind heute zwei Drittel aller Studienanfänger in der Medizin Frauen. Doch nicht einmal die Hälfte wagt sich nach der Approbation in die Selbstständigkeit.

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, Hausärztin in Lennep und Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Remscheid, wirbt mit Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Neveling an den Unis um Ärzte für Remscheid. Kinderarzt Jörg Sprenger glaubt nicht an einen Erfolg. „Wir müssen dafür sorgen, dass die vorhandenen Ärztinnen, die bald ohne Job dastehen, in Remscheid gehalten werden können.“ Anderenfalls müssten die politisch Handelnden „davon ausgehen, dass die Versorgung in kurzer Zeit vollständig zusammenbricht – selbst ohne coronabedingte Ausfälle.“

Standpunkt: Doppelt gebeutelt

Von Michael Albrecht

michael.albrecht@rga-online.de

Es ist ein Trauerspiel. Seit Jahren bemüht sich Remscheid um junge Mediziner, die sich hier niederlassen und eine Praxis übernehmen oder eröffnen wollen. Doch häufig vergeblich. Das ist mehr als ärgerlich. Aber noch ärgerlicher ist, dass sich keine Kinderärzte finden, die die sich in Remscheid auftuende Lücke schließen möchten. Das verstehe, wer will. Schließlich hat Remscheid viel zu bieten. Und damit sind nicht nur die schöne bergische Landschaft, das örtliche Kultur- und Vereinsleben oder die guten Bildungseinrichtungen gemeint. Remscheid hat auch eine ausgesprochen gute geografische Lage, die jungen Medizinern mit den Großstädten Köln und Düsseldorf einiges zu bieten hat.

Quasi im Grünen wohnen und arbeiten, alle Vorteile genießen und in nur 20 bis 30 Minuten in den Rheinmetropolen sein, wo gibt es das sonst? Aber das sind nur einige Aspekte. Wesentlich dürfte auch sein, dass viele junge Ärzte das Dasein eines niedergelassenen Mediziners scheuen. Deshalb müssen neue Modelle her, die die Versorgung durch angestellte Ärzte sicherstellen. Vielleicht sind ja Poli-Kliniken eine Lösung?

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