Interview der Woche

Professor Horst Wessel zum Blauen Mond: „Wir wussten das Recht auf unserer Seite“

„Was hindert die Verwaltung daran, die Realität anzuerkennen?“: Horst Wessel vor dem MW-Turm in der Burger Straße.
+
„Was hindert die Verwaltung daran, die Realität anzuerkennen?“: Horst Wessel vor dem MW-Turm in der Burger Straße.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
    schließen

Professor Horst Wessel über die Aufrichtung des Mannesmann-Turms und „Leben unter dem Blauen Mond“.

Herr Wessel, wie lange ist es her, dass der „Blaue Mond“ zum letzten Mal leuchtete?

Horst Wessel: Bereits Ende der 90er Jahre gab die 1961 in Betrieb genommene Neonbeleuchtung ihren Geist auf und wurde nicht wieder repariert. Das erklärt, warum der Turm 2004 ohne die Beleuchtung unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Die Tochter von Frau Heinze, die vor mehr als sieben Jahre mit ihrer Frage nach dem „Blauen Mond“ das Signal für den Kampf um den Wiederaufbau gab, bedauert, den „Blauen Mond“, unter dem ihre Mutter aufgewachsen ist, nie habe leuchten sehen. Heute sagt sie: „Am 21. August wird der Mannesmann-Turm für mich ein Weihnachtsbaum.“

Sieben Jahre Ringen um einen geschichtsträchtigen Turm liegen hinter Ihnen. Zwischenzeitlich hatte man den Eindruck, dass sich nicht alle Beteiligten für das Wahrzeichen ins Zeug legen. Täuscht das?

Wessel: Nach dem Niederlegen haben alle zunächst erwartet, dass der Kopf umgehend montiert wird – insbesondere die Stadtverwaltung hat das zu erkennen gegeben. Dann jedoch spielte Aldi Nord auf Zeit und versuchte, den Wiederaufbau nicht nur hinauszuzögern, sondern nach Möglichkeit zu verhindern. Schließlich erfüllte er in ihren Augen als „Antennenhalter“ auch kopflos seinen Zweck. Die Stadtverwaltung setzte auf die Unterstützung durch die Justiz, aber deren Mühlen mahlen bekanntlich langsam. Zeitweise entstand der Eindruck, auch dort fehle es an dem ungebrochenen Willen, das Wahrzeichen der Stadt wiederherzustellen. Schließlich lag der Turmkopf ungeschützt auf dem Parkplatz und rostete vor sich hin.

Hatten sie zwischenzeitlich die Hoffnung aufgegeben, dass sich der Koloss wieder in die Höhe reckt?

Wessel: Inzwischen hatten interessierte Bürger die IG „Blauer Mond“ gegründet, der mit dem Verein MannesmannHaus e.V. durch Unterschriftensammlung, Protestveranstaltungen, in der Stadt aufgehängten Bannern und weiteren Aktionen für den Wiederaufbau kämpfte. Da uns die Medien unterstützten, konnte eine breite Öffentlichkeit gewonnen werden. Auch wenn der Kampf lang war, wir haben die Hoffnung, Aldi Nord zum Wiederaufbau zu bewegen, nie aufgegeben. Dazu war die Zustimmung, die wir erhielten, zu groß. Außerdem wussten wir, was die Wiederherstellung des eingetragenen Denkmals betraf, das Recht auf unserer Seite.

Was führte letztlich zum Durchbruch?

Wessel: Zum Umdenken hat Aldi Nord weniger der für das Unternehmen negative Gerichtsentscheid bewogen, denn der sollte angefochten werden. Ausschlaggebend war der von einer bemerkenswert großen Zahl von Bürgern getragene Kampf der IG Blauer Mond. Immerhin waren an die 5000 Unterschriften gesammelt worden. In einer Sitzung der IG im Restaurant Rautzenberg verkündete Franziska Bach, die für die Immobilien des Unternehmens verantwortlich zeichnet, die Bereitschaft, den Turm zu sanieren und wiederherzustellen. Sie ließ jedoch keinen Zweifel, dass dies nur den Turm betreffe. Eine Beleuchtung sei ausgeschlossen. Allerdings gestand sie zu, dass diese auf eigene Kosten montiert und betrieben werden dürfe – nur müsste die Montage innerhalb der Frist durchgeführt werden, die Aldi seitens der Stadt für die Wiederherstellung gesetzt worden sei.

Welche Relevanz hat der am 21. August 1961 von zwei Töchtern des Erfinders Reinhold Mannesmann in Betrieb genommene Turm heute überhaupt noch?

Wessel: Am 21. August wurde die Beleuchtung in Betrieb genommen. Das ist ein historisches Datum: In der Nacht vom 21. auf den 22. August 1886 haben die Brüder Reinhard und Max Mannesmann nur rund 100 Meter entfernt das erste Stahlrohr nach dem von ihnen erfundenen „Schrägwalz-Verfahren“ aus dem massiven Block gewalzt. Diese Erfindung hat die Welt verändert. Sie hat nicht nur sichere Konstruktionsteile für den Maschinen-, Anlagen- und Leitungsbau bereitgestellt, sondern auch bezahlbare Rohre für den Bau zum Beispiel von Fahrrädern und Automobilen. Noch heute wird das Verfahren weltweit angewandt. Im benachbarten Röhrenwerk arbeitet die weltweit größte Kaltpilgermaschine.

In Zeiten des Energiesparens wird über die nächtliche Beleuchtung mit Sicherheit diskutiert werden. Was entgegnen Sie?

Wessel: Der Stromverbrauch der neuen LED-Anlage ist äußerst gering und lohnt kaum ein Abschalten, um Energie zu sparen. Allerdings könnte es sinnvoll sein, das Licht während gewisser Nachtstunden zu löschen, um die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass jeder seinen Beitrag zur Energieersparnis leisten muss.

Aldi hat den Turm auf seinem Grund aufgerichtet, die Kosten für die nicht unter Denkmalschutz stehende Beleuchtung wird über Spenden finanziert, mittlerweile 40 000 Euro. Sind diese gesichert?

Wessel: Die Wiederherstellung war für Aldi Nord teuer – schätzungsweise dürfte für die Kraneinsätze, die Sandstrahl-, Maler- und Schlosserarbeiten rund eine halbe Million zu veranschlagen sein. Die Kosten für die Lichtanlage musste, da diese nicht zum Denkmal Mannesmann-Turm gehörte, vom Verein MannesmannHaus getragen werden. Ursprünglich war an 12 000 Euro gedacht; weil jedoch der angedachte Landesbeitrag nicht kurzfristig zu beschaffen war, mussten weitere 12 000 Euro übernommen werden. Durch weitere nicht vorhersehbare Kosten stieg die Gesamtsumme auf 40 000 Euro. Dieser Betrag konnte – auch dank der finanziellen Unterstützung durch die Stadt – weitgehend durch Spenden erbracht werden. Sollte ein Betrag ungedeckt bleiben, wird diesen MannesmannHaus übernehmen.

Nach Aufstellen und Beleuchtung muss eine letzte Hürde genommen werden: die Stromversorgung. Ist dafür eine zuverlässige Lösung gefunden worden?

Wessel: Die endgültige Stromversorgung ist nicht gesichert, weil der Anschluss fehlt. Hier bleibt die Verwaltung mit den Stadtwerken bemüht, das Problem zu lösen.

Wer wird sich in Zukunft um die Wartung kümmern?

Wessel: Auf unseren Antrag hin hat die Untere Denkmalbehörde erfolgreiche Schritte unternommen, die neue LED-Anlage in den Denkmalschutz einzubeziehen. In Zukunft besteht das Denkmal Mannesmann-Turm aus der Turmkonstruktion mit Beleuchtung des seit 1912 geschützten MW-Zeichens. Wenn in Zukunft etwas an der Lichtanlage zu machen ist, ist dafür der Besitzer des Turms zuständig.

Ist die Arbeit der IG Blauer Mond nach der Inbetriebnahme am Sonntagabend beendet?

Wessel: Die IG Blauer Mond erhält eine neue Aufgabe: Sie wird sich mit Nachdruck dafür einsetzen, das der Mannesmann-Park durch weitere Märkte belebt wird – unter dem Motto „Leben unter dem Blauen Mond“. So ist vorgesehen, durch Info-Tafeln auf die Geschichte des Parks und seiner Umgebung hinzuweisen.

Kabel ist durch: „Blauer Mond“ kann leuchten

Kann der Südbezirk von einer Aufwertung des Mannesmann-Parks um den Turm herum profitieren?

Wessel: Der Südbezirk ist anerkanntermaßen unterversorgt. Es fehlt unter anderem eine Drogerie und ein Frische-Markt. Sogar ein Café würde sich in dieser Umgebung gut machen. Investoren stehen seit längerem bereit. Der Verhinderungsgrund „Gewerbegebiet“ überzeugt mich nicht. Schließlich war das Areal die Heimat der Mannesmann-Villen. Die Familie Mannesmann hat das Wohngelände an das Unternehmen Mannesmann verkauft. Diese hat es für den Fall einer Werkserweiterung umwidmen lassen. Das Unternehmen hat den Park an Aldi Nord verkauft und diese hat darauf zwei Märkte errichten lassen, die streng genommen keineswegs mit „Gewerbegebiet“ zu vereinbaren sind. Was hindert die Verwaltung daran, die Realität anzuerkennen, das Gelände formal umzuwidmen und den seit Jahren mit Nachdruck vorgebrachten Wünschen der Einwohner zu entsprechen?

Zur Person

Professor Dr. Horst Wessel, geboren am 12. April 1943 in Bonn; lebt mit seiner Ehefrau in Hilden. Wessel war 25 Jahre Leiter des Mannesmann-Unternehmensarchivs, eines der weltweit größten Firmenarchive; ist der Experte für die Familiengeschichte der Mannesmänner und Autor zahlreicher Bücher, das aktuelle aus 2019 heißt „Tüchtige Handwerker – Geniale Ingenieure – Wagemutige Unternehmer: Vier Generationen der Familie Mannesmann in Remscheid“. Mitte der 90er Jahre habilitierte Wessel und ist seit 2000 als Professor an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf für Wirtschaftsgeschichte, speziell Unternehmensgeschichte tätig. Demnächst geht er in den Ruhestand. Im Oktober steht Horst Wessels nächste Publikation an, diesmal über einen anderen Remscheider Unternehmer: „Mitten im Leben: Ernst Blissenbach, ein Hidden Champion wird 85“.

der Woche

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Weihnachtstreff: Das soll als Ersatz für die Eisbahn kommen
Weihnachtstreff: Das soll als Ersatz für die Eisbahn kommen
Weihnachtstreff: Das soll als Ersatz für die Eisbahn kommen
Bayram Ö. wegen versuchten Totschlags angeklagt
Bayram Ö. wegen versuchten Totschlags angeklagt
Bayram Ö. wegen versuchten Totschlags angeklagt
Wochenmärkte in Remscheid kämpfen ums Überleben
Wochenmärkte in Remscheid kämpfen ums Überleben
Wochenmärkte in Remscheid kämpfen ums Überleben
Die Erben der Corona-Proteste: So ticken die Donnerstagsspaziergänger
Die Erben der Corona-Proteste: So ticken die Donnerstagsspaziergänger
Die Erben der Corona-Proteste: So ticken die Donnerstagsspaziergänger

Kommentare