Premiere im WTT

Kammerspiel: Viele Fragen, aber nur wenige Antworten

Ein Kammerspiel, das zur szenischen Lesung wurde: „Der Durchbruch“ des Remscheider Autors Christian Wüster feierte eine beeindruckende Premiere im WTT. Foto: Michael Schütz
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Ein Kammerspiel, das zur szenischen Lesung wurde: „Der Durchbruch“ des Remscheider Autors Christian Wüster feierte eine beeindruckende Premiere im WTT.

Spannende und aussagekräftige Dialoge in Christian Wüsters „Der Durchbruch“.

Remscheid. Dass ein von einem Remscheider Autor verfasstes Theaterstück in einem Remscheider Theater Premiere feiern kann, geschieht nicht oft. Aber am Samstagabend war es soweit: Das Westdeutsche Tournee-theater (WTT) an der Bismarckstraße führte „Der Durchbruch“, ein Kammerspiel des Lüttringhauser Autors Christian Wüster, als szenische Lesung auf.

Wüster ist Vorsitzender und Autor der Lüttringhauser Volksbühne und freier Stückeschreiber. Da sich das WTT als offenes Haus versteht, sind Theaterstücke aus der freien Szene, zumal wenn sie über eine solche Qualität verfügen wie „Der Durchbruch“, bei der Intendantin des Hauses, Claudia Sowa, willkommen. Wüster hat das Stück als Kammerspiel konzipiert. Auf Grund der pandemischen Lage kam Claudia Sowa auf die Idee, es einer Metamorphose zu einer szenischen Lesung zu unterziehen. Die Premiere bewies, dass sich „Der Durchbruch“ auch auf diese spezielle Art beeindruckend umsetzen ließ.

Es geht um ein zur Zeit wieder hochaktuelles Thema: Wie denken und handeln Menschen mit politisch rechter Ideologie? Haben sie Gewissensbisse? Kann man mit ihnen diskutieren, sie womöglich überzeugen? Zu was sind die Menschen fähig?

Leopold Pleiditz als Gegenbeispiel zu Adolf Eichmann konzipiert

Leopold Pleiditz, ehemalige Nazigröße und als „Das Monster von Treblinka“ zu höchst zweifelhaften Ruhm gekommen, wartet im Jahr 1962 in einem Essener Gefängnis auf seinen Prozess, dessen Ausgang, zumindest am Anfang des einstündigen Stückes, offensichtlich ist: Pleiditz wird hängen. Eines Tages bekommt Pleiditz überraschenden Besuch, nicht durch die Zellentür (deren Auf- bzw. Abschließgeräusch die einzige externe Tonquelle im Stück ist), sondern durch einen in die Zelle führenden Tunnel. Vor dem Nazi steht David Magen, der sich dem Angeklagten wie folgt vorstellt: „Ich war dein Gast in Treblinka.“

Pleiditz wird von Christian Wüster als intelligenter, wortgewandter und heillos in seiner Ideologie gefangener Geist dargestellt, der auch fast 20 Jahre nach Kriegsende die Juden beschimpft und derbe Witze über sie reißt. Der Massenmörder und Nationalsozialist wurde vom Autor bewusst als Gegenbeispiel zu Adolf Eichmann konzipiert, als kleiner Stellmachersohn aus Glücksburg, dem Tischmanieren wichtig sind und der, wie recht bald klar wird, nichts von seinem Tun bereut.

Es folgen spannende und aussagekräftige Dialoge der beiden Menschen, in denen Pleiditz etwa sagt: „Fehlgeleitet und verwirrt waren wir alle“ oder Magen wissen will, ob der Nazi blind sei. „Blind im Herzen?“ Was dieser rüde mit „Ach, hören Sie doch auf mit dieser Gefühlsduselei“ beantwortet.

Björn Lenz liest den Nazi, mehr als sensibel und dynamisch. Manches Mal geht es mit ihm durch, und die Lesung erhebt sich dank effektiver Gebaren des Schauspielers auf eine andere Ebene. Björn Lukas liest David Magen kongenial. Thomas Ritzinger glänzt durch seinen bayrischen Dialekt, den der Anwalt des Nazis benutzt. Und Claudia Sowa fungiert als Erzählerin, später im Stück als Anwältin von Schmelz.

Das Theaterstück von Christian Wüster wirft viele Fragen auf und beantwortet wenig davon. Die Antworten sind in Jedermanns und Jederfraus Kopf. Warum flieht Pleiditz nicht durch den freigelegten Tunnel? Warum hat er keine Angst vor dem Sterben? Ist es wichtig zu begreifen, zu was der Mensch fähig ist? Die Beiden trennen sich mit der letzten Aussage des Angeklagten: „Geh und stirb dein Leben. Und ich lebe mein Sterben.“ Oder war das andersherum gemeint?

Weitere Termine

„Der Durchbruch“ wird am Freitag, 26. November, um 19.30 Uhr erneut im WTT aufgeführt. Karten (inklusive Freigetränk) sind zum Preis von 12 Euro erhältlich. Eine Kartenreservierung wird empfohlen. Es gilt 3G.

Lesen Sie auch: Theater kämpfen um ihr Publikum - Die größte Konkurrenz ist die Wohnzimmercouch.

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