RGA vor Ort

„Jeder Sonntag war bei den Gottesdiensten Weihnachten“

Im August ist er 25 Jahre Pfarrer in Hasten: Siegfried Landau, EMA-Abiturient 1977. Foto: Roland Keusch
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Im August ist er 25 Jahre Pfarrer in Hasten: Siegfried Landau, EMA-Abiturient 1977.
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Pfarrer Siegfried Landau wurde zum Vorreiter bei der Digitalisierung der Gottesdienste – Experimentierfreude zahlte sich aus – Das ganze Gespräch im RGA-Podcast.

Remscheid. Nach einem Urlaub am Steinhuder Meer bei Hannover kehrte Pfarrer Siegfried Landau (62) mit seiner Familie vergangenen Samstag zurück und schwang sich direkt auf sein Fahrrad, um im Morsbach nach dem Rechten zu sehen, Hilfsmöglichkeiten nach der Überflutung auszuloten. Landau hat nicht nur stets ein offenes Ohr, sondern ein zupackendes Wesen. Das hat sich in der Pandemie ausgezahlt. Bei der Digitalisierung der Gottesdienste war er Vorreiter in Remscheid. Das ganze Gespräch mit ihm gibt’s auch als RGA-Podcast.

Deshalb ist Hasten für Siegfried Landau der schönste Stadtteil Remscheids:

„Wir besitzen eine sehr intakte Infrastruktur mit den Kitas, Grundschule, Senioreneinrichtungen und der Kirche mit dem Gemeindehaus mittendrin. Es gibt gute Einkaufsmöglichkeiten, man ist schnell in der Natur, das Tal ist nah, die Innenstadt ebenso und man ist zügig in Wuppertal oder Düsseldorf. Meine Theorie ist, dass sich das Hastener Lebensgefühl zum Teil daraus speist, dass wir im 2. Weltkrieg im Gegensatz zum Stadtkegel kaum Zerstörungen hatten. Familien wohnen auf dem Hasten in alten bergischen Häusern über Generationen hinweg. Alle kennen sich. Wir haben noch den Hauch eines dörflichen Lebens. Das habe ich als gebürtiger Remscheider in den vergangenen 25 Jahren schätzengelernt. Man hält zusammen. Es gibt viele offene, aufgeschlossene Menschen.“

Über die gerade angelaufene Notfallhilfe im Morsbach:

„Ich bin nach meinem Urlaub im Steffenshammer / Clemenshammer gewesen und war erschüttert über die Zerstörung, die das Wasser hervorgerufen hat. Durchflutete Häuser, Menschen, die unter Schock standen, manche fürchteten um ihr Leben. Seit Samstag bin ich jeden Tag unten gewesen. Wir haben zu Spenden aufgerufen, als Gemeinde Geld zur Verfügung gestellt. Erste Beträge habe ich verteilt, denn es gibt Menschen, die alles verloren haben. Viele wissen nicht, ob sie in ihre Heime zurückkehren können. Bis Versicherungsgelder fließen, vergeht geraume Zeit. Die Gemeinde will schnell und unbürokratisch unterstützen.“

Über den Zusammenhalt in einer historischen Krise:

„Anfangs kam die Feuerwehr kaum durch in Steffenshammer/Clemenshammer. Da war die Hilfe untereinander wichtig und sehr stark. Das Gefühl von Gemeinschaft wurde wiederentdeckt, wie mir jemand gesagt hat. Natürlich spielt Corona rein, denn die Pandemie hat uns gezeigt, dass unser Leben nicht so verfügbar ist, wie wir es gerne hätten. Wir mussten auf Distanz gehen, aber bei diesem Unwetter geht es nicht ohne persönliche Nähe. Dieses Mitgefühl beeindruckt mich sehr.“

Über digitale Innovation in der Gemeinde:

„Es war der 13. März 2020, als bekannt wurde, dass es ab dem Wochenende keine Versammlungen mehr gibt. Ich hatte den Sonntags-Gottesdienst für den 15. vorbereitet und dachte: Was machst du jetzt? Einfach mal experimentieren. Ich habe ein digitales Aufnahmegerät und zum Psalm des Sonntags Gedanken formuliert. Diese Datei habe ich hochgeladen auf die Homepage, nur als Demo. Aber schwupps, schon hatte ich die erste Reaktion und den ersten Follower. Dann haben mich immer mehr Gemeindeglieder und Freunde angefeuert: Mach das weiter, die Leute brauchen Hoffnung, Perspektive und Anregung. So habe ich beschlossen, jeden Tag einen Podcast zu senden. Erst Audio, nach ein paar Tagen habe ich mich getraut, ein Video aufzunehmen. Hätte mir am 13. jemand gesagt, dass ich am 15. ein Youtuber bin, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Es hat tatsächlich Spaß gemacht, diese Möglichkeiten zu entdecken. Dadurch hatte ich ein Vielfaches mehr an Ausdrucksmitteln. Am 22. März sind wir mit einem aufgezeichneten Gottesdienst online gegangen, gefilmt mit meiner Spiegelreflexkamera und einem mäßigen Ton. Schon der zweite Gottesdienst hatte dann eine ordentliche Tonqualität.“

Über die Reaktion der Gemeinde auf das ungewohnte Online-Zeitalter:

„Wir haben jeden Sonntag Weihnachten gehabt in der Zeit. Die Nutzerzahlen waren alle dreistellig, wenn nicht gar vierstellig. Am 4. Advent hatten wir 1500 Abrufe unseres Gottesdienstes. Das war überwältigend. Das hat sich hinterher ein wenig gelegt, weil andere Gemeinden nachgezogen haben. Interessante Erkenntnis für mich war, dass die Menschen die Nähe ihrer Gemeinde suchen, sie hätten sich ja auch professionell gestaltete Gottesdienste im Fernsehen anschauen können. Diese Standorttreue war den Hastenern wichtig. Mir wurde immer zurückgespiegelt: Wie schön, dass wir wenigstens virtuell in unserer Kirche sein dürfen. Anrührend war der Anruf einer alten Hastenerin, die in Lennep im Seniorenheim lebt und voll des Dankes war, dass sie so ihrer alten Kirche verbunden bleiben kann.“

Wird der Online-Auftritt die Hastener Kirche nach Corona erhalten bleiben?

„Das Digitale werden wir beibehalten. Viele Senioren haben sich von ihren Kindern und Enkeln Tablets einrichten lassen, um an der digitalen Welt teilhaben zu können. Sie sind darauf angewiesen, denen dürfen wir das nicht wegnehmen. Deshalb bieten wir seit Sommer 2020 Live-Streaming an. Wir werden in Zukunft neben den Präsenzveranstaltungen zweigleisig fahren.“

Über Unterstützung für Senioren beim Entdecken der digitalen Welt:

„Es gab über die Paritätische Wohlfahrtsstftung NRW eine Ausschreibung zu ‘digitalen Lernorten’. Wir haben uns mit anderen Trägern in Remscheid beworben und den Zuschlag erhalten. Wir werden in Hasten ein solcher digitaler Lernort. Voraussichtlich ab Beginn 2022 wird im Gemeindehaus zu festen Zeiten ein Internetcafé für Senioren angeboten. Wir bekommen dafür 18 bis 20 Endgeräte. Momentan suche ich Ehrenamtler, die die Senioren beim Umgang mit den Tablets unterstützen. Mein Hintergedanke ist, Schwellenangst zu nehmen. Es ist eine tolle Möglichkeit für ältere Menschen, Kontakt zu Kindern und Enkeln zu halten. Ich habe beispielsweise vergangenes Jahr eine Beerdigung nach Mexiko übertragen, weil die Angehörigen durch den Lockdown nicht in Hasten sein konnten.“

Wie Kirche über moderne Technik hinaus Gemeindemitglieder bindet:

„Über ein breit aufgestelltes Angebot. Wir haben die Kita, mit Julia Sebig eine fähige Jugendleiterin, drei gemeindeeigene Senioreneinrichtungen. Wichtig ist, dass wir als Kirche mittendrin sind in der Gesellschaft. Wir versuchen bewusst, die Zusammenarbeit mit anderen Hastener Einrichtungen zu intensivieren und unseren schönen Park geöffnet, zum Beispiel für den Hastener Weihnachtstreff oder die Bücheler Einigkeit eingeladen, ihre Kirmes hier abzuhalten.“

Corona als Zeit der Rückbesinnung auf christliche Werte:

„Das kann man sagen. Das Lebensgefühl von uns wurde durch die Erfahrungen der Pandemie und das Unwetter auf den Prüfstand gestellt. Wir müssen neue Werte formulieren, weg vom Wachstum und Materiellen, immaterielle Werte neu schätzen lernen, wie Nähe und Beziehungen. Jeden Tag habe ich es x-fach gehört: ‘Mir fehlt es, mich unbefangen und frei treffen zu können.’ In der Krise liegt die Chance, umzudenken.“

Serie

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In der Reihe rund um die Stadtteile endet der Abstecher nach Hasten. Kommende Woche ist Lüttringhausen an der Reihe, mit sechs Beiträgen im täglichen Wechsel. Einen Überblick über die bisherigen Folgen gibt es unter:

rga.de/vor-ort

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