Erinnerung an großes Unrecht

Patrioten im Fischkutter festgenommen

Louis Delabruyère, 1921 in Paris geboren und im 2. Weltkrieg Mitglied der „Buhara“-Gruppe, wurde 1941 wegen „Feindbegünstigung“ zu lebenslang Zuchthaus verurteilt, die er bis zur Befreiung 1945 im Zuchthaus Lüttringhausen verbüßen musste. Foto: Privatarchiv Dr. Isabelle Neuschwander
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Louis Delabruyère, 1921 in Paris geboren und im 2. Weltkrieg Mitglied der „Buhara“-Gruppe, wurde 1941 wegen „Feindbegünstigung“ zu lebenslang Zuchthaus verurteilt, die er bis zur Befreiung 1945 im Zuchthaus Lüttringhausen verbüßen musste.

Fünfter Teil der RGA-Serie über die ausländischen Häftlinge im Zuchthaus Lüttringhausen in der Nazi-Zeit.

Von Armin Breidenbach

Remscheid. Unter den 1074 ausländischen Häftlingen, die während des Zweiten Weltkriegs aus politischen oder anderen Gründen im Zuchthaus Lüttringhausen inhaftiert waren, befanden sich nach einer 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten Liste insgesamt 132 Franzosen. Damit stellten diese nach den Niederländern und Polen die drittgrößte ausländische Häftlingsgruppe in Lüttringhausen dar.

Bis auf eine Ausnahme handelte es ich dabei ausschließlich um Strafgefangene, also um Häftlinge, die bereits von einem Gericht verurteilt worden waren. Ein „Durchgangsgefangener“, bei dem unklar ist, ob es sich um einen Strafgefangenen oder um einer Untersuchungshäftling handelte, befand sich nur knapp 14 Tage in Lüttringhausen in Haft.

Nachweislich war aber die Zahl der tatsächlich dort eingekerkerten Franzosen höher, was sich beispielsweise anhand des „Aufnahmebuchs des Polizeigefängnisses Remscheid von 1944/45“ und anderer Quellen belegen lässt. Nicht erwähnt werden in der eingangs genannten Liste: Edmund Desmet, Gildas le Dreff, Robert Mery, Pierre Blangy, Hubert Cauvin und Odette A. Letztere saß 1943 als Untersuchungshäftling für wenige Tage in Lüttringhausen ein und ist bislang die einzige namentlich bekannte Ausländerin, die während des Zweiten Weltkriegs in jener Strafanstalt gefangen gehalten wurde.

Mit der „Le Buhara“ unterwegs von der Normandie nach England

Alle drei gehörten zu einer Gruppe von 15 jungen französischen Patrioten, die versucht hatten, im Februar 1941 mit dem alten Fischkutter „Le Buhara“ von der Normandie aus nach England zu gelangen, um sich den freien französischen Streitkräften in England anzuschließen. Der Kutter wurde jedoch von einem deutschen Patrouillenboot aufgebracht; seine Besatzung wurde festgenommen und zunächst in Cherbourg inhaftiert.

Am 20. März 1941 fällte ein deutsches Feldkriegsgericht die Urteile gegen die Mitglieder der „Buhara“-Gruppe: Zwei der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt und am 12. April 1941 erschossen. Der jüngste Angeklagte, 16 Jahre alt, wurde zu sieben Jahren Zuchthaus, die anderen 12 wegen „Feindbegünstigung“ zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt, darunter Raymond Canvel, Louis Delabruyère, Auguste Zalewski.

Die meisten Verurteilten aus diesem Prozess wurden Mitte Mai 1941 in das Zuchthaus Lüttringhausen eingeliefert, wo sie bis auf wenige Ausnahmen bis zur Befreiung der Strafanstalt durch amerikanische Truppen am 15. April 1945 einsaßen.

Fast alle der 41 Franzosen wurden spätestens im Mai 1945 entlassen

Insgesamt 41 Franzosen befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch im Zuchthaus Lüttringhausen; fast alle von ihnen wurden spätestens im Mai 1945 entlassen. Auffällig ist, dass einige politische Häftlinge, die zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden waren, wenige Tage nach der Befreiung entlassen wurden. Wie die Sterbebücher des Standesamtes Lüttringhausen dokumentieren, kamen in den Kriegsjahren 1941 bis 1945 unter anderem drei französische Häftlinge im Zuchthaus Lüttringhausen ums Leben:

Raymond Canvel und Auguste Zalewski starben dort am 16. August 1944 bzw. am 16. September 1944. In der Nähe des Flugplatzes von Quimper-Pluguffan erinnert eine Stele aus Granit unter anderem auch an Raymond Canvel.

Georg Dauchy war am 15. November 1941 wegen unbefugten Waffenbesitzes zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden. Zwecks Strafverbüßung wurde er am 19. Juni 1942 in das Zuchthaus Lüttringhausen überstellt, wo er bereits einige Wochen später, am 5. August 1942, verstarb.

Genaue Todeszahlen sind unbekannt

Wie viele weitere ehemalige französische Lüttringhausen-Häftlinge das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht überlebten, ist bisher unbekannt. Nicht überlebt haben beispielsweise Lucien Fortien und Frederic Jouvenet, die im Zuge der Räumung frontnaher Strafanstalten 1944 mit Sammeltransporten vom Zuchthaus Lüttringhausen aus in das Zuchthaus Hameln überführt wurden, wo sie am 21. Februar 1945 bzw. 29. März 1945 starben.

Leon (oder Leo) Blochowicz kam am 8. April 1944 im österreichischen Konzentrationslager Gusen ums Leben. Abel Toussirot, der 1945 in ein KZ verschleppt worden war, überlebte die KZ-Haft nur um wenige Wochen; er starb am 21. Juni 1945 in Paris.

Dritter Teil der RGA-Serie über die ausländischen Häftlinge im Zuchthaus Lüttringhausen in der Nazi-Zeit.

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