Interview der Woche

Pandemie trifft Kinder in vielen Bereichen

Dr. Thomas Fischbach, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt und Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, warnt vor psychischen, sozialen und emotionalen Auswirkungen der Schulschließung. Foto: Christian Beier
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Dr. Thomas Fischbach, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt und Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, warnt vor psychischen, sozialen und emotionalen Auswirkungen der Schulschließung.

Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Fischbach befürchtet irreversible Schäden

Von Simone Theyßen-Speich
Wie groß ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtzahl der Corona-Infizierten?

Dr. Thomas Fischbach: Für unsere Region kenne ich jetzt keine genaue Statistik, wie viele Kinder genau betroffen sind, aber der Anteil der Kinder an der Gesamtzahl der positiv Getesteten ist eher gering. Aber natürlich erkranken auch Kinder an Covid-19, wie wir auch in unserer Praxis immer wieder feststellen. Zum Glück ist der Verlauf der Erkrankung aber eher milde. Dass Kinder wegen Covid-19 ins Krankenhaus mussten, habe ich bislang nicht erlebt.

Wo stecken die Kinder sich schwerpunktmäßig an?

Dr. Fischbach: Im Spätsommer, vor allen Dingen nach den Sommerferien, haben wir festgestellt, dass viele Kinder sich auch bei Erziehern oder Lehrern, die teilweise eine Infektion aus dem Urlaub mitgebracht haben, angesteckt haben. Mittlerweile hat sich das geändert. Jetzt – vor allen Dingen seit Kitas und Schulen geschlossen sind – steckt sich der überwiegende Teil der mit Corona infizierten Kinder in der Familie an.

In welchem Umfang wurden Kinder getestet?

Dr. Fischbach: Wir haben in unseren Praxen zwischen Mai und Dezember alleine bei 4500 Kindern einen Corona-Abstrich vorgenommen. Auch in allen anderen Kinderarztpraxen wurde getestet, dazu haben Kinder- und Jugendärzte auch im Testzentrum Bethanien Abstriche genommen. Auch als die Schulen noch geöffnet waren, war es auffällig, dass es relativ wenig Ansteckungen der Kinder untereinander in den Klassen gegeben hat.

Ist die Schließung der Schulen und Kitas aus Ihrer Sicht richtig?

Dr. Fischbach: Ein Kritikpunkt ist, dass der Sommer seitens der Schulpolitik verschlafen wurde, statt die Zeit zu nutzen, um für die Schulen bessere Unterrichtsmöglichkeiten zu schaffen. Die Schulen zu schließen, ist ein einfacher Weg, wichtiger wäre es aus meiner Sicht, stattdessen die vorhandenen Kontakt- und Hygieneregeln in allen gesellschaftlichen Bereichen besser zu kontrollieren. Je länger die Schulen komplett geschlossen sind, desto größer ist die Gefahr, dass die Kinder und Jugendlichen Schaden nehmen. Diesen Schaden sehe ich nicht nur beim Bildungsfortschritt, sondern auch im psychischen, sozialen und emotionalen Bereich. In der Schule findet über das reine Lernen hinaus ein wichtiger Prozess der Persönlichkeitsentwicklung statt. Auch alle anderen Bereiche, von Sportvereinen über Musikunterricht bis zum Treffen mit Freunden, sind den Kindern ja derzeit genommen. Neben den schwer erkrankten oder verstorbenen Covid-Opfern sind die Kinder aus meiner Sicht die Hauptverlierer der Pandemie.

Welche langfristigen Gefahren und Probleme befürchten Sie?

Dr. Fischbach: Ich stelle im Praxisalltag beispielsweise fest, dass Kinder immer dicker werden, weil sie sich weniger bewegen. Sie werden träger, die Motivation – auch für das Homeschooling – sinkt. Bei anderen Kindern ist hyperaktives oder aggressives Verhalten zu beobachten. Auch die Stressbelastung in den Familien insgesamt mit Homeoffice der Eltern, Homeschooling der Kinder, eventuell Quarantäne oder finanziellen Einbußen hat enorme Auswirkungen – besonders auf die Kinder. Teilweise sind die Folgen irreversibel. Verpasste Entwicklungsprozesse kann man nicht nachholen. Chronisch kranke Kinder oder Kinder aus schwachen sozialen Schichten sind dabei besonders betroffen. Natürlich ist es richtig, in der Pandemie alte Menschen zu schützen, aber auch Kinder haben einen grundrechtlichen Anspruch auf Schutz.

„Ich stelle im Praxisalltag beispielsweise fest, dass Kinder immer dicker werden, weil sie sich weniger bewegen.“ Welche Maßnahmen würden Sie sich wünschen?

Dr. Fischbach: Mit Maßnahmen muss auf die Inzidenz in den einzelnen Regionen reagiert werden. Je jünger die Kinder, desto wichtiger ist eine zügige Rückkehr in den Prä–senzunterricht. Dazu müssen die entsprechenden Bedingungen geschaffen werden. Wechselunterricht, wie er in Solingen ja angedacht war, wäre eine Maßnahme. Bei hoher Inzidenzzahl ist die Maske auch im Unterricht sinnvoll. Auch muss überlegt werden, andere externe Räume für den Schulunterricht zu nutzen. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin hat dazu gemeinsam mit dem Deutschen Lehrerverband eine Stellungnahme herausgegeben.

Dürfen Kinder auch gegen Corona geimpft werden?

Dr. Fischbach: Alle zugelassenen oder in der Zulassung befindlichen Impfstoffe sind erst für Jugendliche ab 16 Jahren zugelassen. Für Jüngere gibt es keine Untersuchungen. Deshalb fordern wir als Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte auch Impf- und Zulassungsstudien für Kinder seitens der Hersteller. Wenn Kinder nicht geimpft werden, hat das ja auch Auswirkungen auf ihre gesellschaftliche Teilhabe – im Alltag, beim Sport. Und gerade chronisch kranke Kinder, etwa mit Asthma oder nach einer Krebserkrankung, sind in der Corona-Pandemie besonders gefährdet und müssen dementsprechend geschützt werden.

Auch die Ärzte und Mitarbeiter in den Praxen sind nicht in der ersten Impfgruppe mit dabei.

Dr. Fischbach: Das sehe ich auch kritisch, weil wir ja auch im täglichen Kontakt mit infizierten Kindern stehen. Und viele Ärztinnen und Ärzte sind über 60 Jahre alt, teilweise haben sie Risikofaktoren. Sorge bereitet mir auch, dass sich viele in Pflege und medizinischer Versorgung derzeit noch nicht impfen lassen wollen.

Welche Pandemie-Entwicklung erwarten Sie?

Dr. Fischbach: Ich hoffe, dass die Fallzahlen – analog zum vergangenen Jahr – Ende März witterungsbedingt runtergehen. Der Impfeffekt wird – vielleicht mit Ausnahme der Zahl der Verstorbenen – bis dahin noch nicht erkennbar sein.

Im Live-Blog finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Pandemie in Remscheid.

Zur Person

Privat: Dr. Thomas Fischbach ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Beruflich: Der niedergelassene Kinder- und Jugendarzt ist Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Damit vertritt der Solinger Mediziner etwa 12 000 Kinder- und Jugendärzte bundesweit.

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