Ganztagsbetreuung

OGS: Mütter fühlen sich allein gelassen

Sandra Göhre, Uschi Schulz, Carina Tschenker und Nicole Nowak bei der Abschiedsfeier im Kindergarten: Obwohl sie berufstätig sind, haben ihre Kinder keinen OGS-Platz bekommen. Und mit diesem Problem sind die vier Frauen nicht allein.
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Sandra Göhre, Uschi Schulz, Carina Tschenker und Nicole Nowak bei der Abschiedsfeier im Kindergarten: Obwohl sie berufstätig sind, haben ihre Kinder keinen OGS-Platz bekommen. Und mit diesem Problem sind die vier Frauen nicht allein.

Obwohl beide Eltern berufstätig sind, bekommt nicht jeder Schüler einen Platz in der Ganztagsbetreuung.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Eigentlich hätte Nicole Nowak nach dem Sommer, wenn ihre Tochter vom Kindergarten in die Grundschule gewechselt ist, gerne ihre Elternzeit beendet. Die Lehrerin würde an ihrer Grundschule in Solingen dringend gebraucht. Auch Eveline Mohr hätte die Einschulung ihres Sohnes gerne genutzt, um ihre 20-Stunden-Stelle etwas aufzustocken. Ihr Arbeitgeber hätte das begrüßt, sagt sie. Doch ob daraus was wird, steht für die zwei Frauen in den Sternen. Denn obwohl in beiden Fällen beide Eltern berufstätig sind, hat keines der Kinder einen OGS-Platz bekommen.

Mit diesem Schicksal sind die Familien nicht allein. Allein in ihrem Kindergarten würden ein knappes Dutzend Elternpaare vor einem ähnlichen Problem stehen, berichtet Nicole Nowak. Die Auswirkungen sind zum Teil erheblich. „Ich werde dann wohl noch weniger arbeiten können”, sagt zum Beispiel Sandra Göhre, derzeit in Teilzeit bei der Sparkasse beschäftigt. Ähnlich geht es Sozialarbeiterin Uschi Schulz, die auf flexible Arbeitszeiten für sich und ihren Mann hofft oder auf die Unterstützung einer Freundin zurückgreifen will. „Sonst bliebe nur die dritte Möglichkeit, dass ich meinen Job kündige.”

Offener Ganztag: Grundschulen in Remscheid begrüßen Rechtsanspruch

Das Problem: Die betroffenen Familien haben ihre Kinder in der Grundschule Reinshagen angemeldet. Deren OGS platzt aus allen Nähten. „Die waren überbelegt und haben jetzt noch weiter überbelegt”, sagt Olaf Bärwaldt, bei der Schulverwaltung der Stadt für die Koordination mit externen Trägern verantwortlich. „Aber irgendwann ist das Glas voll.” Grund dafür seien vor allem fehlende Räumlichkeiten.

Von denen weiß auch Schul- und Sozialdezernent Thomas Neuhaus zu berichten. Er verweist auf stadtweit gut Betreuungsquoten, in Remscheid gebe es für rund 60 Prozent der Grundschüler einen OGS-Platz. Doch das gelte eben nur in der Gesamtbetrachtung, an einzelnen Schulstandorten sei man von dieser Quote weit entfernt. Neben der Grundschule Reinshagen nennt Neuhaus vor allem die in Struck: „Da bietet das Grundstück überhaupt keine Möglichkeiten mehr.” Dabei greife man teilweise auch zu „hemdsärmeligen” Lösungen, sagt der Dezernent, miete zum Beispiel nahe gelegene Sporthallen oder Gemeindehäuser an. Doch solche Möglichkeiten gebe es nicht überall.

Familien baden dieVersäumnisse der Politik aus

So bleibe den OGS-Trägern im Einzelfall nichts anderes übrig, als die raren Plätze priorisiert zu vergeben, sagt Olaf Bärwaldt. Die Kriterien dafür habe der Stadtrat vor Jahren festgelegt. „Die meisten Punkte gibt es für die Berufstätigkeit der Eltern”, so Bärwaldt. Gerade an den Grundschulen mit wenigen Plätzen werde so oft der zeitliche Umfang der Berufstätigkeit der Eltern zum ausschlaggebenden Punkt, sagt Olaf Bärwaldt: Je mehr Wochenstunden, umso eher gibt es einen Platz, nachzuweisen durch eine Bescheinigung des Arbeitgebers.

Eine Lösung bringe nur ein weiterer Ausbau, sagt Thomas Neuhaus: „Wir wissen in jeder Grundschule in dieser Stadt, was zu tun ist.” Doch das benötige Zeit. Bis dahin rät der Dezernent dazu, die OGS-Situation bei der Auswahl der Grundschule zu berücksichtigen: Wenn der OGS-Platz entscheidend sei, müsse man unter Umständen eine Schule in Betracht ziehen, an der die Situation entspannter ist.

Nicole Nowak, Eveline Mohr und den anderen Müttern hilft das wenig. „Im Grunde wird hin- und hergeschoben, wer sich darum kümmern müsste”, sagt Sandra Göhre. Die betroffenen Familien würden die Versäumnisse der Politik ausbaden. Darunter würden vor allem die beruflichen Ambitionen der Mütter leiden, betont Eveline Mohr: „Da muss ich als Frau in den sauren Apfel beißen und weniger arbeiten.” Sie und die anderen würden sich mit ihrem Problem allein gelassen fühlen, sagt Nicole Nowak: „Als ob es unsere Schuld wäre, dass wir keine Betreuung für unsere Kinder haben.”

Rechtsanspruch

Ab 2026 soll es einen Rechtsanspruch auf einen OGS-Platzgeben, zunächst fürs erste Schuljahr, bis 2029 dann für alle Klassen. Dafür müssen bundesweit noch 800.000 Plätze geschaffen werden, sagt die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ NRW.

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