Asyl

Remscheid nimmt mehr Geflüchtete auf

Quasi über Nacht musste Remscheid 2015 Hunderte Flüchtlinge aufnehmen. Dafür wurde auch die Pestalozzi-Schule hergerichtet. Archivfoto: Michael Sieber
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Quasi über Nacht musste Remscheid 2015 Hunderte Flüchtlinge aufnehmen. Dafür wurde damals auch die Pestalozzi-Schule hergerichtet.
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    VonFrank Michalczak
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Zahl der Menschen hat sich im letzten Quartal im Vergleich zum Jahresanfang verfünffacht.

Remscheid. Remscheid bietet wieder mehr Geflüchteten ein Obdach: Die Zahl der Menschen, die der Stadt zuletzt zugewiesen wurde, stieg im vierten Quartal auf 102 Personen an. Zum Vergleich: Zwischen Juli und August kamen 41 Personen an, in den drei Monaten zuvor waren es 16 Menschen. „Wir beobachten eine deutliche Zunahme, die sich zu verstetigen scheint“, berichtet Claudia Schwarzweller, zuständige Fachdienstleiterin bei der Stadtverwaltung.

In dieser Situation sei sie froh, dass die Stadt über Reserven in den Unterkünften und bei den Wohnungen verfüge, die für die Geflüchteten angemietet wurden. Von den 1253 zur Verfügung stehenden Plätzen seien 60 Prozent belegt. Dabei sei aber zu beachten, dass sowohl für Familien als auch für Einzelpersonen entsprechende Räumlichkeiten vorgehalten werden müssten. Zudem gelte es, die pandemie-bedingten Vorgaben einzuhalten. „Wir benötigen Kapazitäten für Quarantäne-Fälle, so dass der vorhandene Raum schnell ausgeschöpft sein kann“, erläutert Schwarzweller.

„Wir haben bereits jetzt leerstehende Immobilien im Blick.“

Barbara Reul-Nocke über zusätzliche Flüchtlingsunterkünfte

Extreme Engpässe im Flüchtlingsjahr 2015, als quasi über Nacht Hunderte Menschen in Remscheid ankamen, will Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke unbedingt vermeiden, wie sie sagt: „Wir haben bereits jetzt leerstehende Immobilien im Blick, die wir möglichst schnell nutzen können. Außerdem führen wir Gespräche mit den Wohnungsunternehmen, ob sie uns weitere Wohnungen vermieten können.“ Zudem sei es auch denkbar, Wohncontainer anzuschaffen. Auch hier sei die Suche nach geeigneten Flächen vorsorglich bereits im Gange.

Noch gut kann sich Barbara Reul-Nocke an einen Juli-Abend vor sieben Jahren erinnern, als die damalige Pestalozzi-Schule in Lennep binnen 24 Stunden zur Unterkunft umgewandelt werden musste. 150 Geflüchtete kamen an, die kurz darauf ihr Kurzzeit-Zuhause wieder verlassen mussten, um für andere Menschen Platz zu schaffen. Sie wurden auf weitere NRW-Städte verteilt und mit Bussen dorthin gefahren, kurz nachdem sie in Remscheid ein Dach über dem Kopf gefunden hatten. Situationen wie diese müssten dringend vermieden werden: „Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir einen Puffer in den Unterkünften vorhalten und die Entwicklung bei den Zuweisungen genau beobachten“, betont Barbara Reul-Nocke, die schon Hinweise aus dem zuständigen NRW-Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration erhalten hat, dass die Zahl der Flüchtlinge steigt.

Unter den Geflüchteten, die zuletzt ankamen, befinden sich auch die ersten Ortshelfer, die der Bundeswehr in Afghanistan zur Seite standen. Es handelt sich um eine siebenköpfige Familie, wie Claudia Schwarzweller berichtet. Ansonsten sei ein Anstieg von Flüchtlingen aus Afghanistan nicht zu verzeichnen. Sie stammen aktuell aus diversen Ländern wie Nigeria, Türkei, Irak, Iran oder Vietnam. Auch Nordmazedonien und Syrien zählen zum Spektrum der Herkunftsländer. Während die Ortshelfer aus Afghanistan bereits ein Bleiberecht haben, müssen die meisten anderen Geflüchteten zunächst einmal das Asylverfahren bestehen, das nicht in jedem Fall positiv beschieden wird.

So kam es auch 2021 wieder zu Abschiebungen in Remscheid. 23 Personen mussten die Bundesrepublik verlassen. 21 Menschen, die in Remscheid lebten, kehrten freiwillig in ihre Heimat zurück, erklärt Fachdienstleiterin Claudia Schwarzweller.

Jahresvergleich

In den beiden Vorjahren kamen vergleichsweise wenige Geflüchtete in Remscheid an. 2020 waren es 105 Menschen, 2019 insgesamt 118. In diesem Jahr zählt die Verwaltung bereits 179 Personen. Dies unterschreitet die Werte der Jahre 2015 und 2016 aber deutlich: Damals musste die Stadtverwaltung 1030 bzw. 725 Menschen unterbringen. Derzeit leben rund 2700 Geflüchtete in Remscheid, ein Großteil haben aus humanitären Gründen ein dauerhaftes Bleiberecht.

Standpunkt: Weitsichtiges Handeln

frank.michalczak@rga.de

Kommentar von Frank Michalczak

Die Stadtverwaltung hätte nach Ende der Flüchtlingswelle jede Menge Wohnungen kündigen und Sammelunterkünfte schließen können – denn scheinbar war Wohnraum überflüssig. Jene, die gekommen waren, fassten mehr und mehr selbstständig in der neuen Umgebung Fuß – oder verließen Remscheid, weil sie in anderen Orten Perspektiven suchten. Zudem galt es, deutlich weniger Menschen in akuter Not zu versorgen, die Remscheid zugewiesen wurden. Dass die Verantwortlichen dennoch die Kapazitäten in den Flüchtlingsheimen und auf dem Wohnungsmarkt kaum abbauten, entpuppt sich angesichts der aktuellen Entwicklung als weitsichtig. Denn: Die Kommune kann jetzt auf Reserven zurückgreifen. Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke weiß aber genau, dass sich Remscheid auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen darf. Angesichts der Krisen, die das Weltgeschehen belasten oder sich derzeit abzeichnen, muss sich die Stadt möglichst viele Optionen sichern, um für den Fall gewappnet zu sein, binnen kurzer Zeit wieder deutlich mehr Geflüchtete aufzunehmen und menschenwürdig unterzubringen.

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