Interview der Woche

Neuer Rögy-Schulleiter Jörg Bergemann: „Miteinander muss wieder gelernt werden“

Wechselte innerhalb von Lennep: Jörg Bergemann, der elf Jahre Schulleiter an der Albert-Schweitzer-Realschule war, ist seit dem 1. Oktober neuer Chef des Röntgen-Gymnasiums. Foto: Doro Siewert
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Wechselte innerhalb von Lennep: Jörg Bergemann, der elf Jahre Schulleiter an der Albert-Schweitzer-Realschule war, ist seit dem 1. Oktober neuer Chef des Röntgen-Gymnasiums.
  • Andreas Weber
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Jörg Bergemann, der neue Rögy-Schulleiter, über seine Ziele, die Bildungslandschaft Lennep und die Folgen von Corona.

Herr Bergemann, was hat Sie nach 22 Jahren Realschule und elf Jahre Leitung der Albert-Schweitzer bewogen, ein Gymnasium zu übernehmen?
Jörg Bergemann: Als die Stelle am Rögy nach dem Ausscheiden von Matthias Lippert vor zwei Jahren vakant wurde, fand ich die Perspektive interessant, vor allem, weil ich die Bildungslandschaft Lennep mit Haupt-, Realschule und Gymnasium bestens kenne. Der Reiz liegt für mich natürlich auch darin, dass ich als Remscheider weiter in Lennep tätig sein kann.
Naheliegender wäre als „Karriereschritt“ vielleicht gewesen, wie ihr Vorgänger eine neue Herausforderung in der Schulaufsicht bei der Bezirksregierung zu finden.
Bergemann: Das ist für mich überhaupt kein Thema. Ich bin durch und durch ein Mann der Praxis und dem Schulalltag verbunden. Wie gesagt: Über die Bildungslandschaft Lennep bleibe ich ja unserem Mikrokosmos erhalten. Wir stehen zwar mit anderen Schulen im Wettbewerb, pflegen aber in Remscheid ein sehr gutes Miteinander. Und besonders in Lennep, wo die Drähte der drei weiterführenden Schulen kurz sind, jederzeit unbürokratisch etwas schnell in die Wege geleitet werden kann.
Seit dem 1. Oktober sind Sie der neue Chef am Rögy. Wie werden Sie die Kunde an die 760 Schüler übermitteln, die heute aus den Herbstferien zurückkehren?
Bergemann: Ich habe einen Plan erstellt und werde mich nach und nach in allen Klassen vorstellen. Darüber hinaus gibt es nach den Lockerungen und der schrittweisen Rückkehr zur Normalität Schultermine, bei denen ich mich bekannt machen werde. Am 15. November (19 Uhr) ist zum Beispiel der Info-Abend für die Viertklässler und deren Eltern und am 20. November findet der Adventsbasar statt, der coronabedingt so weit wie möglich draußen auf den Schulhof verlegt werden soll.
Über die Bildungslandschaft Lennep sind Sie mit dem Rögy vertraut und können sich ein Urteil erlauben. Wie haben Sie das Röntgen-Gymnasium bislang als Außenstehender wahrgenommen?
Bergemann: Ich empfinde das Rögy als sehr gut strukturiert und aufgestellt mit vielen Angeboten außerhalb des Unterrichts, nicht nur im MINT-Bereich. Ich denke zum Beispiel an den Schüleraustausch mit England, Frankreich, Spanien und China. Israel wird auch noch dazukommen. Soziales Lernen spielt eine große Rolle. Das Rögy ist eine aktive Schule, die sich sehr gut in der Stadt vernetzt und seinen Schülern weit mehr als nur kognitive Fähigkeiten vermittelt.

„Im Distanzunterricht ist viel liegengeblieben und einiges verlorengegangen.“

Jörg Bergemann, Rögy-Schulleiter
Wie lässt sich die Bildungslandschaft in Zukunft noch optimieren?
Bergemann: Gerade im kulturellen Bereich, Theatervorführungen mit pädagogischem Charakter zum Beispiel zu Cyber-Mobbing oder Drogenprävention wären möglich. Wir könnten bei der Gesundheitserziehung verstärkt zusammenarbeiten, im Sport schulübergreifende Mannschaften bilden oder gemeinsame Fortbildungen der Kollegien abhalten.
Sie sind Lehrer für Deutsch und Geschichte, das Rögy hat seinen Schwerpunkt im naturwissenschaftlichen Bereich. Welchen Zugang haben Sie persönlich zu Mathe, Physik und Co.?
Bergemann: Natürlich habe ich meine Studienfächer einst nicht ohne Grund gewählt. Generell spüre ich heute hier keine strikte Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften. Das Rögy ist keinesfalls nur MINT-orientiert. Es geht uns nicht darum, in den Naturwissenschaften die Spitze zu fördern, sondern unseren Schülern die Freude an den Fächern zu vermitteln.

„Ich halte es für zweifelhaft, dass es jetzt Sinn macht, die Masken wegfallen zu lassen.“

Jörg Bergemann, Rögy-Schulleiter
Wo wollen Sie am Rögy Impulse setzen?
Bergemann: Das erste Ziel nach der langen Covid-Zeit muss es sein, dass wir das Schiff wieder flott bekommen. Es ist in den vergangenen 19 Monaten im Distanzunterricht viel liegengeblieben und einiges verlorengegangen. Gerade beim sozialen Miteinander und dem Lernen in der Gemeinschaft. Unser Schwerpunkt sollte die Vermittlung und Revitalisierung der sogenannten Sekundärtugenden sein, die für ein respektvolles Miteinander so wichtig sind. Wir wollen aber auch die Bildungslandschaft wieder mit Leben erfüllen, Rögy-Labor und die Kooperation mit dem Röntgen-Museum reaktivieren. Eine weitere Aufgabe ist die Rezertifizierung des Rögys als MINT-EC-Schule, die gerade läuft. Dann freue ich mich, dass sich unsere Schülervertretung vor den Ferien in einer Klausurtagung entschieden hat, sich stärker gegen Rassismus zu positionieren und mit ihrer Arbeit weit über reine Symbolpolitik hinausgeht. SV und Schulleitung werden sich in den kommenden Wochen zusammensetzen. Am Ende bleibt aber ein guter Unterricht unser Kerngeschäft.
Damit verbunden: Wie steht es um Unterrichtsausfall am Rögy, der ja ein leidiges Thema an Schulen ist?
Bergemann: Fakt ist, dass Personalfragen immer ein Thema sind. Aufgrund vieler Faktoren kommt es zu Unterrichtsausfall, im Herbst und Winter vermehrt saisonal bedingt durch Krankheiten. Ich nehme das sehr ernst, und wir sind gefordert, Ausfälle durch ein schlüssiges Vertretungskonzept abzufangen.
Nach den Herbstferien soll die Maskenpflicht in Unterrichtsräumen fallen. Was ist Ihr Kenntnisstand?
Bergemann: Status quo ist momentan, dass die Landesregierung plant, die Maskenpflicht auf den Sitzplätzen in den Klassen ab dem 2. November abzuschaffen. Eine Maskenpflicht bestünde dann nur noch im übrigen Schulgebäude. Ansonsten werden sich alle Schüler weiter dreimal die Woche montags, mittwochs und freitags morgens selbst testen, sofern sie nicht geimpft oder genesen sind, und wir werden weiter alle 20 Minuten die Räume stoßlüften.
Wie stehen Sie persönlich zum Wegfall der Masken?
Bergemann: So sehr ich es den Jugendlichen gönne, dass sie sich ohne Schutz bewegen können, ich halte es in einer Jahreszeit, in der die grippalen Infekte sprungartig zunehmen und die Covid-Zahlen nach oben gehen, für zweifelhaft, dass es jetzt Sinn macht, die Masken wegfallen zu lassen. Auch wenn die Verständigung im Unterricht ohne Maske für Schüler und Lehrer bedeutend einfacher wird.
Ist Corona im Schulalltag weitgehend ausgestanden?
Bergemann: Nein, zumindest die Folgen werden uns länger beschäftigen. Beim Distanzlernen hat sich deutlich gezeigt, wie viel das System Schule eigentlich leistet. Der Praxisunterricht ist durch nichts zu ersetzen. Die Spanne zwischen denjenigen, die sich zu Hause perfekt organisiert haben und Schülern, die sich aus unterschiedlichen Gründen, oft familiär bedingt schwer mit dem heimischen Lernen getan haben, ist riesig. Diese Lücke müssen wir nun wieder schließen. Es ist die Aufgabe aller Kollegen, ein waches Auge auf die Defizite zu haben, durch individuelle Förderung entgegenzuwirken, gegebenenfalls auch mit der Unterstützung zum Beispiel des schulpsychologischen Dienstes.

„Bei Distanzlernen hat sich gezeigt, wie viel das System Schule eigentlich leistet.“

Jörg Bergemann, Rögy-Schulleiter
Mit der Rückkehr zu G 9 wird sich baulich am Rögy einiges ändern, weil der Raumbedarf größer werden wird. Was kommt auf Sie zu?
Bergemann: Es wird im Bestand eine Menge Abriss- und Neubauaktivitäten geben. Die Pläne sind von dem kommissarischen Schulleiter Thomas Benkert in den vergangenen zwei Jahren in Abstimmung mit der Stadt erstellt worden. Die Zusammenarbeit läuft gut, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es mit Handwerkspersonal und Rohstoffen in Zukunft schwierig werden wird. Da gibt es große Unwägbarkeiten. Wenn alles klappt, könnten die Baumaßnahmen zumindest im Frühjahr 2022 beginnen.
Und wie steht es um die Digitalisierung?
Bergemann: Covid hat unter erheblichem Druck viel bewegt. Wir warten auf die Fertigstellung des Breitbandausbaus und sind nach jüngsten Gesprächen mit der Stadtspitze guter Dinge, dass dieser zügig vorangeht. Wir hoffen auch, dass das, was wir uns mühevoll mit den Tablets erarbeitet haben, in den Alltag integriert wird. Wünschenswert wäre eine Eins-zu-Eins-Ausstattung und dass das Tablet als Lernmittel anerkannt wird. Zurzeit läuft die Abstimmung für den Medienentwicklungsplan an Schulen. Da würden wir uns wünschen, dass das Rögy später in jedem Unterrichtsraum Präsentationstechnik anbieten kann, die schnell und störunanfällig ist. Wichtig dabei ist, dass alle Schulen auf denselben Stand gebracht werden und nicht einige technisch besser ausgerüstet werden als andere. Es muss in dieser Hinsicht Gerechtigkeit zwischen den Schulformen geben.

Zur Person

Jörg Bergemann wurde am 21. Oktober 53 Jahre alt; lebt in Remscheid, ist verheiratet und hat eine 14-jährige Tochter. Gebürtig stammt Bergemann aus Bielefeld, studierte in Kiel und danach in Münster Lehramt Sekundarstufe I und II. Sein zweites Staatsexamen absolvierte er 1999. Danach folgte ein Referendariat in Bochum und weitere Stationen im Ruhrgebiet. Seine erste feste Stelle hatte er sechs Jahre an einer Realschule in Meerbusch-Osterath. Bergemann pendelte in dieser Zeit von Remscheid. 2005 ging er als 2. Konrektor an die Alexander-von-Humboldt-Realschule, um 2010 schließlich Schulleiter an der Albert-Schweitzer-Realschule in Lennep zu werden. Seit dem 1. Oktober ist er der neue Chef am Rögy-Gymnasium. Bergemann löst Matthias Lippert ab, der Ende 2019 das Rögy nach achteinhalb Jahren in Lennep verließ. Kommissarisch war seither Thomas Benkert zuständig.

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