Abrechnung

Nebenkosten sorgen für einen Schock

Wohl fühlen sich Naijme Mohammad und Mohammed Aboyschanal in ihrer Wohnung an der Alleestraße, die jährliche Nebenkostenabrechnung allerdings erschreckt sie jedes Mal wieder. Und der Vermieter beziehungsweise dessen Verwalter reagiert nicht auf Anfragen. Foto: Roland Keusch
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Wohl fühlen sich Naijme Mohammad und Mohammed Aboyschanal in ihrer Wohnung an der Alleestraße, die jährliche Nebenkostenabrechnung allerdings erschreckt sie jedes Mal wieder. Und der Vermieter beziehungsweise dessen Verwalter reagiert nicht auf Anfragen.

Mieter ärgern sich über hohe Abrechnungen – Vermieter reagiert nicht auf Schreiben.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Der Brief, der Familie Aboyschanal Mitte Dezember ins Haus flatterte, war ein Schock. Mal wieder. Mehr als 3100 Euro Nebenkosten sollen sie für das Jahr 2019 nachzahlen, trotz bisher geleisteter Vorauszahlungen von 2904 Euro. Über 6000 Euro Nebenkosten für eine 76-Quadratmeter-Wohnung. Mehr als dreimal so viel wie der Deutsche Mieterbund als Durchschnittswert für eine vergleichbare Wohnung angibt.

Für die Aboyschanals war es nicht das erste Schreiben dieser Art. Seit ihre Eltern vor rund zehn Jahren die Wohnung bezogen hätten, gebe es Jahr für Jahr überhöhte Nebenkostenabrechnungen, sagt Tochter Delberin Aboyschanal. Und den anderen Parteien im Haus gehe es genauso. Nachbar Peter Wutke, der erst im Dezember 2019 einzog, berichtet von seiner ersten Abrechnung, mit der seine Vorauszahlung um 65 Euro pro Monat erhöht wurde. Nachdem er nur einen Monat in der Wohnung gewohnt hatte. Ein anderer Mieter solle für seine 34 Quadratmeter große Wohnung 1900 Euro Nebenkosten zahlen, erzählt Delberin Aboyschanal. Obwohl er ein halbes Jahr gar nicht zu Hause gewesen sei.

„Man fragt sich immer, wann endlich eine normale Rechnung kommt.“
Delberin Aboyschanal

Jahr für Jahr lege man Widerspruch ein und verlange Einsicht in die Rechnungen, die der Betriebskostenabrechnung zugrunde liegen, sagt Delberin Aboyschanal. Und Jahr für Jahr geschehe nichts. Trotz eines entsprechenden gesetzlichen Anspruchs der Mieter. Auch nach einem Eigentümerwechsel habe sich das nicht verbessert. Und selbst eine von der Familie beauftragte Anwältin komme in der Sache nicht weiter. Weil sich die Verwaltungsgesellschaft genauso wenig rührt wie der alte Eigentümer. Für Andreas Hans Herget, Rechtsanwalt beim Mieterverein Remscheid-Wermelskirchen, ist die Sache klar: Solange Vermieter oder Verwalter keinen Einblick in die Rechnungen gewähren, müssen Familie Aboyschanal und ihre Nachbarn auch nicht zahlen. Einige Vermieter würden dann gerichtliche Mahnbescheide erwirken, berichtet er. Aber auch denen könne man in einem solchen Fall getrost widersprechen. Dann nämlich bleibe dem Vermieter nur eine Klage. „Und da muss er dann Ross und Reiter nennen.“

Das deutsche Recht sei mieterfreundlich, sagt Herget, auch beim Thema Betriebskosten. Das betreffende Gesetz schreibe genau vor, welche Kosten umgelegt werden dürften. So gelte bei Nebenkosten das Gebot der Wirtschaftlichkeit, der Vermieter dürfe keine überteuerten Dienstleister beauftragen und die Rechnungen einfach weiterreichen. Und beim Hausmeister müsse er die Kosten aufschlüsseln, Pauschalverträge seien nach einem BGH-Urteil nicht zulässig.

Bei den Aboyschanals resultieren die hohen Nachzahlungsforderungen vor allem aus hohen Heiz- und Warmwasserkosten. Zudem habe der neue Vermieter unabgesprochen eine Reinigungskraft beauftragt, die nun die Mieter zahlen sollen, sagt Delberin Aboyschanal. Hinzu kommen fürs ganze Haus mehr als 15 000 Euro Hausmeisterkosten. „Und der Hausmeister ist einfach nie erreichbar.“ Obwohl sie – zumindest vorerst – juristisch auf der sicheren Seite sind, belaste die Situation, sagt Delberin Aboyschanal. Die Unsicherheit nage an der Familie, die über das Thema auch schon in Streit geraten sei.

Als letzte Lösung bleibe nur ein Umzug. „Aber meine Mutter fühlt sich in der Wohnung eigentlich wohl.“ Und weil die 62-Jährige 80 Prozent schwer behindert sei, sei es nicht so einfach, eine passende Wohnung zu finden. Zumal die Angst bleibe, in der neuen Wohnungen noch von Nachforderungen des alten Vermieters überrascht zu werden.

Die Verwaltungsgesellschaft ließ eine Anfrage des RGA zu diesem Vorgang bisher unbeantwortet.

Hintergrund

Ärger um Neben- oder Betriebskosten gehört zu den häufigsten Streitpunkten zwischen Mietern und Vermietern. Hilfe finden Mieter, die Unregelmäßigkeiten vermuten, unter anderem bei den Mietervereinen, und auch bei der Verbraucherzentrale. Beide Institutionen sind derzeit wegen der Coronapandemie aber nur telefonisch erreichbar. Der Remscheider Mieterverein unter Tel. (02191) 38 58 50, die Verbraucherzentrale unter Tel. (02191) 84 24 79 1.

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