Viele der Kinder waren noch nie im Wald

Natur-Projekt erdet die Frauenhaus-Kids in Remscheid

Anna Weber geht mit den Kindern regelmäßig raus in die Natur. Auch der Garten hinter dem Frauenhaus ist schön grün. Foto: Melissa Wienzek
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Anna Weber geht mit den Kindern regelmäßig raus in die Natur. Auch der Garten hinter dem Frauenhaus ist schön grün.

Der LVR fördert das pädagogische Angebot mit 13.750 Euro.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Sie waren während der Pandemie zu Hause eingesperrt und dabei oft Opfer oder Zeugen von Gewalt. Die 12 Kinder zwischen 0 und 13 Jahren, die derzeit im Frauenhaus Remscheid mit ihren Mamas leben, sind wohl einige derjenigen, die am meisten unter dem Lockdown gelitten haben. Denn Kitas und Schulen waren zu, die Kinder konnten sich nicht mitteilen, die soziale Kontrolle fehlte. Die Folgen bekommen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses nun zu spüren. „Das eine Kind kann sich schwer binden, das andere ist sehr schüchtern und traut sich wochenlang gar nichts“, erzählt Anna Weber. „Viele durften zu Hause auch nicht laut sein, weil sie sonst Schläge bekommen hätten.“ Im Remscheider Frauenhaus, dem geschützten Ort für Frauen und Kinder, könnten sich die Kleinen endlich öffnen.

Das liegt auch dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) am Herzen. Der LVR fördert die 30 Einrichtungen im Rheinland mit insgesamt 300 000 Euro, so auch das Remscheider Frauenhaus, getragen vom SKF Bergisch Land. Es hat 13.750 Euro erhalten. Das Geld fließt in die Projektstelle von Sozialarbeiterin Anna Weber. Die 22-jährige Wuppertalerin, die in Remscheid aufgewachsen ist und im Frauenhaus bereits ein Praktikum absolviert hat, führt gemeinsam mit der Natur-Schule Grund ein umweltpädagogisches Projekt mit den Kindern durch. Bedeutet: alle Mann raus in die Natur.

Das Projekt komme genau zur richtigen Zeit, sagt Weber, die ihren Bachelor of Arts in Sozialer Arbeit bereits abgeschlossen hat und derzeit ein Masterstudium draufsattelt. „In Coronazeiten gab es mehr Bedarfe, als erfüllt wurden.“ Die beiden Erzieherinnen, die sich in Teilzeit um die Kinderbetreuung und Elterngespräche kümmerten, hätten gar keine Zeit für Projekte. Überstunden häuften sich. Und da das Frauenhaus mit seinen acht Plätzen für schutzsuchende Frauen auch immer viele Kinder beheimate, sei die LVR-Förderung Gold wert. „So können wir den Kindern etwas anderes bieten.“

Erschreckend: Viele der Kleinen waren noch nie im Wald, kennen keine Brennnesseln, haben noch nie mit den Händen im Bachlauf geplanscht. „Viele unserer Kinder leben in der Stadt, sind oft zu Hause eingesperrt. Oft fehlt den Müttern auch schlicht die Zeit, mit den Kindern in den Wald zu gehen“, erzählt die Projektleiterin. Das ändert sich nun. Bereits seit zwei Monaten erforschen alle Kinder wechselweise in Kleingruppen die Natur mit Anna Weber. Dreimal die Woche ist sie da, und nimmt auch gerne die eine oder andere Mutter mit. Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe zudem mit Diplom-Biologin Stefanie Barzen von der Natur-Schule Grund. Gemeinsam gehen sie in die umliegenden Parks und Wälder, riechen an Blumen, lauschen den zwitschernden Vögeln und untersuchen Käfer mit der Becherlupe. „Manchmal sitzen wir auch einfach nur eine Stunde lang am Bachlauf. Die Kinder erleben, wie sich nasse Hände und Füße im Wasser anfühlen oder lassen Steine flitschen“, erzählt Anna Weber, die selbst naturverbunden ist.

„Die Kinder haben oft ein schlechtes Immunsystem.“

Anna Weber

Das Projekt, das bis Ende des Jahres läuft, sei niederschwellig, aber effektiv: „Hier im Frauenhaus erleben die Kinder oft eine Reizüberflutung: Es ist laut, viele neue Eindrücke müssen verarbeitet werden. Die Natur beruhigt sie, erdet sie. Und sie sind dort nicht so begrenzt.“ Die Kinder hätten dadurch, dass sie nur in der Wohnung seien, oft ein schlechtes Immunsystem. Die Bewegung an der frischen Luft fördere auch gleich die Gesundheit. Zudem sammeln die Kids lebenspraktische Erfahrungen, indem sie zum Beispiel lernen, welche Kräuter und Pflanzen zum Kochen verwendet werden können. Und das wirkt dann ein Leben lang.

Kleidung gesucht

Anna Weber sucht für die Kinder des Frauenhauses winterfeste Regenkleidung, damit sie auch bei bergischem Nieselwetter raus in die Natur gehen können, ohne sich zu erkälten. Gesucht werden Gummistiefel, Matschhosen, Regenjacken & Co. für die Altersklassen 2 bis 13 Jahre. Wer Kleiderspenden abzugeben hat, kann sich per E-Mail melden:

anna.weber@skf-bergischland.de

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