Historie

Im Kreishaus wurden Verfolgte gefoltert

Das Kreishaus in Lennep Ende der 1930er-Jahre. In der Nazi-Zeit wurde in dem Haus auch gefoltert. Opfer trugen Traumata davon. Foto: HiZ Remscheid
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Das Kreishaus in Lennep Ende der 1930er-Jahre. In der Nazi-Zeit wurde in dem Haus auch gefoltert. Opfer trugen Traumata davon.

Lenneper Gebäude war im Nationalsozialismus eine wichtige Stütze des Unterdrückungsapparates.

Von Johannes Kessler

Remscheid. Die Bedeutung des ehemaligen Lenneper Kreishauses im Nationalsozialismus ist im kollektiven Gedächtnis der Stadt Remscheid nur unzureichend verankert. Dabei war das Gebäude in den ersten Jahren der Diktatur eine wichtige Stütze des lokalen Unterdrückungssystems und Ort des Leidens für politisch Verfolgte. Später fungierte es als Sitz der NSDAP-Kreisleitung Bergisch-Land, der Machtzentrale der Partei in der Region.

Bis zum 1. Januar 1935 lag die Verfügung über die Immobilie beim Kreis Opladen. An dessen Spitze stand mit Landrat Fritz Mißmahl ein führender NSDAP-Funktionär, der das Amt im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung übernommen hatte. Schon im April 1933 überließ er die unteren Räume dem Lenneper SA-Sturm 21/171 und weiteren NS-Organisationen zur Nutzung. Nach einer kurzen Instandsetzung richteten die lokalen Einheiten von SA, Motor-SA, NSBO, NSKK sowie Kriegsopferversorgung und des Kampfbundes des gewerblichen Mittelstandes hier ihre Dienststellen ein.

SA- oder SS-Leute schlugen mit Knüppeln und Peitschen auf Opfer ein

Auf der linken Seite befanden sich die Zimmer der SA-Führer, die Wachstube sowie der Schlafraum der SA, der zeitweise mit 8 bis 10 Personen belegt war. Zusätzlich erhielt die SA einen Kellerraum, wo sie eine Küche für arbeitslose SA-Leute betrieb. Der ehemalige Sitzungssaal diente den Parteiformationen im Wechsel für Appell- und Schulungszwecke. Die offizielle Übergabe des mittlerweile in Hermann-Göring Haus umbenannten Gebäudes erfolgte mit einem Festakt am 22. April 1933.

Der weitere Ausbau zur regionalen Machtzentrale erfolgte rasch. Im Sommer 1933 bezog die Lenneper Geschäftsstelle der Parteizeitung „Bergischer Beobachter“ ein Büro, ab Mai 1934 unterhielt dort auch die NS-Ortsgruppe Lennep ihre offizielle Dienststelle. Der bedeutendste Schritt geschah im Sommer 1935 mit der Verlagerung des Sitzes der NSDAP-Kreisleitung von Schloss Burg in das Hermann-Göring-Haus. Aufgrund des größeren Repräsentations- und Platzbedarfs des ranghöchsten regionalen NS-Machthabers und seines Mitarbeiterstabs wurden einige der anfänglichen Parteidienststellen ausgelagert.

Ende 1936 fand die Umwandlung des ehemaligen staatlichen Landratsamts zur NS-Kreisverwaltungsstelle ihren formalen Abschluss, als sich die Stadt Remscheid und die Kreisleitung auf die Überlassung des Gebäudes an die Partei (gegen Übernahme der laufenden Unterhaltskosten) einigten.

Nach dem aktuellen Forschungsstand sind zwölf Personen, zumeist ortsbekannte Funktionäre der KPD, bekannt, die im Hermann-Göring-Haus schwer misshandelt wurden. Ihre Verfolgung stand im Zusammenhang mit der 1933 einsetzenden Terrorwelle gegen politische Gegner und andere Gruppen, an der sich auch Lenneper Nationalsozialisten beteiligten. Bei den Verhören schlugen oft mehrere SA- oder SS-Leute mit Knüppeln, Peitschen oder Stahlruten auf ihre Opfer ein, die schwere körperliche Schäden und Traumata davontrugen.

Lediglich drei Täter wurden zu einer Gefängnisstrafe verurteilt

Dabei griffen die Peiniger offenbar gezielt auf auswärtige Helfer zurück, wohl um eine enthemmende Anonymität der Täter zu sichern. Nach Zeugenberichten versuchten sie zudem mehrfach, die Schreie der Gefolterten nicht nach draußen dringen zu lassen, indem sie ein Radio überlaut abspielten oder ein SA-Trommlerkorps vor dem Haus postierten. Die Misshandlungen und Folterungen erfolgten in den Diensträumen von SA und SS.

Die Einrichtung eines Gefängnisraums zur längerfristigen Inhaftierung der Verschleppten oder gar eines separaten Folterraums wurde nicht nachgewiesen. Zumeist wurden die Misshandelten noch am selben Tag nach Hause entlassen. Andere wurden in die Polizeigefängnisse Remscheid und Wuppertal überführt und später in das berüchtigte KZ Kemna verschleppt.

Die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen im Lenneper Kreishaus kam erst Jahre nach Kriegsende in Gang. Wegen der schwierigen Bedingungen konnten die Strafverfolger nur einen kleinen Täterkreis ermitteln.

Lediglich drei Täter, ein SA-Sturmführer und zwei Mitglieder der Allgemeinen SS, wurden zu einer Gefängnisstrafe von je einem Jahr und wenigen Monaten verurteilt.

Hintergrund

Der bis heute äußerlich kaum veränderte Bau an der Kölner Straße in Lennep wurde zwischen 1887 bis 1889 als repräsentatives Amtsgebäude errichtet. Auf dem Hochparterre befanden sich neun Büroräume und ein großer Sitzungssaal. Darüber lagen Privatwohnung und Dienstraum des Landrats. Nach Auflösung des Kreises Lennep im Zuge der preußischen Kommunalreform 1929 und der Ämterverlagerung an den neuen Kreissitz Opladen standen die Räume leer. Trotz der Eingemeindung Lenneps übernahm Remscheid das Gebäude aufgrund strittiger Besitzverhältnisse erst 1935.

Gedenken an die Reichsprogromnacht: Remscheider Opfer bekommen ein Gesicht.

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