Gedenkstätte Pferdestall

Nachkommen des niederländischen Widerstandskämpfers Karel Reusen besuchen die JVA Lüttringhausen

Familie Auwerda und Mitglieder der Gedenkstätte Pferdestall vor der Gedenktafel für Karel Reusen (v.l.): Hans Heinz Schumacher, Klaus Blumberg, Nick Schmeißer, Christiaan Auwerda, Andrea Blesius, Peter-Hans Auwerda mit Sohn Alexander und Ehefrau Mirjam sowie Tracy Tay. Foto: Doro Siewert
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Familie Auwerda und Mitglieder der Gedenkstätte Pferdestall vor der Gedenktafel für Karel Reusen (v.l.): Hans Heinz Schumacher, Klaus Blumberg, Nick Schmeißer, Christiaan Auwerda, Andrea Blesius, Peter-Hans Auwerda mit Sohn Alexander und Ehefrau Mirjam sowie Tracy Tay.

Familie Auwerda reist aus der Karibik an.

Von Peter Klohs

Remscheid. Am Anfang dieser Geschichte steht Andrea Blesius, die Schriftführerin der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall. Seit ihrem 18. Lebensjahr beschäftigt sie sich mit den Folgen des Nazi-Regimes im Bergischen Land.

Zu diesem Thema hat Blesius einen persönlichen Bezug, ihr Großvater arbeitete in besagter Zeit als Wärter in der heutigen Justizvollzugsanstalt, die damals Zuchthaus hieß. Andrea Blesius studierte die Liste der Zwangsarbeiter und Insassen des Zuchthauses. Intensiv befasste sich die Schriftführerin mit den niederländischen Insassen in Kriegszeiten. Den Namen Karel Reusen sah sie nicht nur in diesen Listen, weil der 1880 in Leiden geborene Reusen ein niederländischer Widerstandskämpfer war, der verraten wurde und von 1942 bis 1945 im Zuchthaus eingekerkert war.

Rundgang durch die Justizvollzugsanstalt

Auch in ihren Online-Recherchen bei „Oorlogsgravenstichtig“, dem holländischen Pendant zur Kriegsgräberfürsorge las sie den Namen, inklusive einem Portrait über Karel Reusen sowie den Namen seines Urenkels: Peter-Hans Auwerda. Andrea Blesius nahm im Dezember 2020 Kontakt zu Peter-Hans Auwerda auf. Die Antwort des Niederländers kam prompt, allerdings aus Aruba, einer Insel, die zu den Kleinen Antillen gehört.

Peter-Hans Auwerda hatte die Bibel seines Urgroßvaters im Besitz. In dieser befindet sich eine Zeichnung der Zelle, die Karel Reusen angefertigt hat. Und recht schnell war klar: Sobald die Familie ihre Verwandten in den Niederlanden besuchen würden, stünde auch ein Besuch der JVA in Lüttringhausen auf dem Programm.

Andrea Blesius, die Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall und die JVA-Leiterin Katja Grafweg machten diesen Besuch möglich. Peter-Hans Auwerda war mit Frau Miriam und seinen beiden Söhnen Alexander und Christiaan angereist. Vor der JVA stand Auwerda noch mit staunenden Augen und sagte in gutem Deutsch: „Ich kann es nicht glauben, dass ich hier bin. Hier war mein Urgroßvater.“

Katja Grafweg ließ es sich nicht nehmen, den kleinen Rundgang durch die JVA persönlich anzuführen. Der Gang führte auch zu den Zellentrakten, in denen zur Zeit 390 Insassen im geschlossenen Vollzug einsitzen. Hier bekam die Besucher auch die Gelegenheit, eine nicht besetzte Zelle, die jedoch auch schon in den 40er Jahren in Betrieb war, zu besichtigen.

Peter-Hans Auwerda stand allein in der unmenschlich kleinen Zelle, bewegungslos, in stiller Andacht. Seine Frau Miriam wartete eine halbe Minute, bevor sie sich zu ihm gesellte und ihn im Trost hält. Wenig später kamen auch Christiaan und Alexander hinzu. Keiner der Anwesenden wagte es, diese Szene durch unbedachtes Gespräch zu zerstören.

Sichtlich bewegt bedankte sich Peter-Hans Auwerda bei Katja Grafweg. Später wird er sagen, was er beim Anblick der leeren Gefängniszelle fühlte: Einsamkeit. Und die Unsicherheit seines Urgroßvaters.

Beim Besuch der Kirche innerhalb der JVA sagt Peter Auwerda: „Karel war ein sehr gläubiger Mann.“ In Gedenken an seinen Urgroßvater, der vor beinahe 80 Jahren möglicherweise das Gleiche getan hat, sang er ein „Panis Angelicus“, den Atem der Engel. Ein kurzes Gebet schloss sich an.

An der außerhalb der JVA angebrachten Gedenktafel wurden anschließend Blumen niedergelegt und Kerzen entzündet. Erinnerungen an Karel Reusen wurden erzählt, Alexander las Psalm 103 aus der Bibel, Hans Heinz Schumacher hielt eine Rede auf Englisch, Peter-Hans Auwerda hielt die seine in Deutsch, beide aus Respekt vor dem Anderen. Seine Abschlussworte liegen wie ein lange währender Atem über diesem Treffen: „Love conquers all!“

Am Ende dieser Geschichte steht Peter-Hans Auwerda – und die Remscheiderin Andrea Blesius, ohne deren Bemühungen es nie zu diesem Besuch gekommen wäre.

Hintergrund

Peter-Hans Auwerda ist finanzieller Berater des Ministers für Erziehung, Wissenschaft und Nachhaltigkeit auf Aruba. Die Insel vor Venezuelas gehört zu den Niederlanden. Zum Besuch in der JVA hatte er die Bibel seines Urgroßvaters mitgebracht. Karel Reusen verließ im April 1945 das Zuchthaus Lüttringhausen, kehrte in die Niederlande zurück. Er starb am 28. 12. 1954 in Den Haag.

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