Geplantes Gewerbegebiet

Nach Hochwasser: Gegenwind fürs Gleisdreieck bläst kräftiger

Wo es heute noch grünt, sollen bald Firmen angesiedelt werden, wünschen sich OB Burkhard Mast-Weisz (kl. Foto l.) und die Gestaltungsmehrheit. Ratsmitglied Bettina Stamm (Mi.) möchte zumindest wissen, ob Remscheid noch aus dem Projekt aussteigen kann. CDU-Fraktionschef Markus Kötter setzt stattdessen auf Flächenrecycling. Fotos: Michael Schütz/Roland Keusch
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Wo es heute noch grünt, sollen bald Firmen angesiedelt werden.

Angesichts des Hochwassers im Juli wird die Kritik am geplanten Gewerbegebiet lauter.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Der Gegenwind für das geplante Gewerbegebiet Gleisdreieck wird stärker. Auch unter dem Eindruck des Hochwassers Mitte Juli. Die Naturschutzverbände, die schon länger gegen die Pläne protestieren, berichten von deutlich mehr Zuspruch. Und auch die Politik muss sich erneut mit dem Thema beschäftigen. So fordert die Linke mit einer Anfrage im Bauausschuss eine „Neubewertung der Kosten-Nutzen-Relation“. Und Bettina Stamm von Echt Remscheid möchte im Stadtrat unter anderem wissen, welche Folgen ein Ausstieg Remscheids aus dem zusammen mit Wermelskirchen und Hückeswagen geplanten Gewerbegebiet hätte.

OB Burkhard Mast-Weisz

„Jeder asphaltierte Quadratmeter, der als Versickerungsraum für Regenwasser fehlt, trägt zu Starkregenereignissen und zur Klimaerwärmung durch Aufheizung bei“, schreibt Stamm zur Begründung. Die Linke weist auf den Eingriff in die Natur und Belastung für die Anwohner hin: „Vor diesem Hintergrund sollten, bevor noch mehr Ressourcen in die Planung und Vorbereitung der Projekte fließen und bevor politisch endgültig über die Realisierung der Vorhaben entschieden wird, geklärt und offengelegt werden ob und wann sich die Gewerbegebiete für die Stadt finanziell überhaupt lohnen.“

„Die Leute merken, dass es langsam ernst wird.“

Hubert Benzheim, BUND

Um auf die ökologischen Folgen aufmerksam zu machen, veranstalten Nabu, BUND und RBN bereits seit Januar 2020 regelmäßig Spaziergänge in dem Gebiet. Was anfangs eher unter Eingeweihten stattfand, erfährt inzwischen zunehmend Zulauf. Vor allem seit der Flut im Juli. Die Teilnehmerzahl habe zuvor im Schnitt bei 25 bis 30 gelegen, berichtet Hubert Benzheim vom BUND: „Beim letzten Mal waren es bestimmt 60 Leute, da waren wir selber erstaunt.“ Das liege wohl auch am Hochwasser, vermutet Benzheim. Aber auch ohne sei das Interesse an Umwelt-Themen stetig gewachsen: „Die Leute merken, dass es langsam ernst wird.“

Das hat wohl auch Burkhard Mast-Weisz gemerkt, der im RGA-Interview vor zwei Wochen sagte: „Wer jetzt noch den Klimawandel leugnet, hat den Knall nicht gehört.“ Trotzdem, das bestätigt der Oberbürgermeister noch einmal auf Nachfrage, halte er am Gleisdreieck und auch am Gewerbegebiet Erdbeerfelder fest. Man brauche solche Flächen, um Firmen in der Stadt zu halten. „Sowas wie Dönges darf uns nicht noch einmal passieren“, verweist Mast-Weisz auf das Beispiel des erfolgreichen Systemlieferanten für Feuerwehrbedarf, der mangels Platz für seine Expansion nach Wermelskirchen umzog.

Ratsmitglied Bettina Stamm (Mi.) möchte zumindest wissen, ob Remscheid noch aus dem Projekt aussteigen kann.

„Das Geld muss ja irgendwoher kommen“, sagt Mast-Weisz mit Blick auf den städtischen Haushalt. Und meint damit die Gewerbesteuereinnahmen genauso wie den Anteil an der Lohnsteuer, der wegfallen würde, wenn die Menschen ihrem Arbeitgeber in eine andere Stadt folgen würden.

Statt auf die geplanten Gewerbegebiete zu verzichten, setzt der OB auf die Entsiegelung ungenutzter Flächen, zum Beispiel nicht mehr vermarktbarerer Brachen. Und auf einen umweltfreundlichen Baustil: „Die Unternehmen sind ja nicht verantwortungslos“, sagt er und regt Dachbegrünung und wasserdurchlässiges Pflaster statt Teer an.

CDU-Fraktionschef Markus Kötter setzt auf Flächenrecycling.

Ähnlich lautet auch die Vereinbarung der Gestaltungsmehrheit aus SPD, Grüne und FDP, die zusammen genug Stimmen im Rat haben, um das Gleisdreieck durchzubringen: Nach der Kommunalwahl einigte man sich darauf, an den Plänen festzuhalten – das neue Gewerbegebiet aber „so umweltfreundlich wie möglich“ zu gestalten.

Für Markus Kötter, Fraktionsvorsitzender der CDU im Stadtrat, nur ein „Feigenblatt für die Grünen“: „Wenn das reichen würde, wären alle wirtschaftlichen Probleme mit einem Handstreich beseitigt.“ Wie die CDU mit der Zwickmühle, dass die Wirtschaft Flächen benötigt, man aber keine mehr versiegeln möchte, umgehen will, werde man in der Fraktion noch besprechen. Eine Möglichkeit sei die Reaktivierung von Brachen. „Das muss man dann aber auch attraktiver machen“, sagt Kötter. Zum Beispiel, indem man die Flächen aufarbeitet oder durch Fördergelder.

Hintergrund

Ende 2012 wurde die Remscheider Verwaltung beauftragt, die Möglichkeit eines gemeinsamen Gewerbegebiets mit Wermelskirchen und Hückeswagen zu prüfen, im Mai 2018 wurde eine entsprechende Vereinbarung geschlossen: Das Gewerbegebiet Gleisdreieck soll eine Fläche von rund 35 Hektar haben. Noch fehlen allerdings Gutachten, zudem wurden auch noch nicht alle Flächen angekauft. Auch die planungsrechtlichen Grundlagen müssen noch geändert werden, dafür bedarf es noch mehrfach der Zustimmung des Stadtrates.

Standpunkt

sven.schlickowey@rga.de

Kommentar von Sven Schlickowey

Selbst wenn es gelingen würde, alle Neuansiedlungen im geplanten Gleisdreieck von einer besonders umweltfreundlichen Bauweise zu überzeugen – das allein dürfte kaum reichen. Wenn man 35 Hektar bisheriges Grün- und Ackerland zubaut, gleichen grüne Dächer und Photovoltaikanlagen das sicherlich nicht komplett aus. Bliebe also die Entsiegelung von Brachen, was aber wiederum viel Geld kostet. Was übrigens auch für deren Reaktivierung gilt. Und da beißt sich die Katze, angesichts der finanziellen Lage Remscheids, in den Schwanz. Doch was wäre die Alternative? Gar nichts tun? Die Firmen und mit ihnen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen ziehen lassen? Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft werden wohl noch eine Zeit lang um den richtigen Weg ringen, so ist das in einer Demokratie. Die lebt bekanntlich vom Mitmachen. Und das ist auch gut so. Im besten Fall gleichermaßen gut für die Umwelt und die Menschen in dieser Stadt.

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