Röntgen-Gymnasium

Nach Flucht vor 5 Jahren: Junge Syrerin besteht Abitur mit 1,9

2016 kam sie als Flüchtling ohne Deutsch-Kenntnisse nach NRW: Hamdieh Tayeb, im Libanon aufgewachsene Syrerin, hat jetzt ihr Abitur am Röntgen-Gymnasium mit 1,9 bestanden. Im Hintergrund ihr Tutor am Rögy und Physiklehrer Dr. Hans Lademann. Foto: Doro Siewert
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2016 kam sie als Flüchtling ohne Deutsch-Kenntnisse nach NRW: Hamdieh Tayeb, im Libanon aufgewachsene Syrerin, hat jetzt ihr Abitur am Röntgen-Gymnasium mit 1,9 bestanden. Im Hintergrund ihr Tutor am Rögy und Physiklehrer Dr. Hans Lademann.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
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Sechs Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland besteht die Syrerin Hamdieh Tayeb ihr Abi mit Supernote

Remscheid. Vor allem ihre Eltern Mohamed und Bashira, die sich mit ihren beiden Kindern vor fünfeinhalb Jahren auf eine gefährliche Seereise aufs Mittelmeer begaben, um ein Leben ohne Angst und Sorgen zu führen, hat Hamdieh Tayeb ungeheuer stolz gemacht. Ohne ein Wort Deutsch zu können, kam die heute 19-jährige Syrerin 2016 ans Röntgen-Gymnasium. Von null auf hundert. Am 26. Juni wird Hamdieh in der Aula ihr Abi-Zeugnis mit einer 1,9 überreicht bekommen.

Eine solche Abschlussnote aus den Reihen der internationalen Klasse gab es noch nicht am Rögy. Vor zwei Jahren schaffte erstmals ein polnischer Schüler das Reifezeugnis, in diesem Sommer folgen drei weitere. Neben Hamdieh Tayeb mit Hamza Diab und Mohamad Yaman Alshallah zwei weitere junge Landsleute.

Tayeb flüchtete mit ihrer Familie zunächst in die Türkei und von da aus mit dem Boot nach Griechenland

Die 19-Jährige räumt ein: „Es gab Phasen, als ich Angst hatte, es nicht zu schaffen. Aber meine Familie und Freunde haben mich ermuntert, nicht aufzugeben.“ Die naturwissenschaftlich wie sprachlich sehr begabte Hamdieh biss sich durch. Dabei sei das deutsche Schulsystem einfacher als das, was sie kennenlernte, meint sie rückblickend. Aufgewachsen ist Hamdieh im Libanon. „In Beirut war der Druck ungleich größer.“ Nicht nur, weil Handys in der Schule strikt verboten waren. Als die politischen wie wirtschaftlichen Verhältnisse im Libanon immer schlechter wurden, entschloss sich die vierköpfige Familie 2015 nach Europa zu flüchten, zunächst für drei Monate nach Izmir in die Türkei, wo ein Cousin ihres Vaters lebt.

Anfang 2016 stiegen die Tayebs in ein Boot. „Es war acht Meter lang und mit über 50 Leuten völlig überladen“, erinnert sich Hamdieh. Eine halbe Stunde, so war ihnen vom Schlepper bedeutet worden, hätte die Reise über das Mittelmeer bis auf griechischen Boden dauern sollen. Nach einem Bootsschaden waren die Flüchtlinge unter dramatischen Umständen mehr als drei Stunden unterwegs, bis sie von der griechischen Küstenwache gerettet wurden. Athen war eine Durchgangsstation, über den Balkan gelangten die Tayebs nach Deutschland, wo ein Bruder der Mutter im Ruhrgebiet lebt. Nach einem halben Jahr Flüchtlingsheim in Linnich bei Düren wurde die Familie Remscheid zugewiesen, lebte erst in Güldenwerth, seither im Norden der Innenstadt.

Deutsche Fachausdrücke waren für junge Syrerin kein Problem

Hamdieh kam ans Rögy, wurde dort als Seiteneinsteigerin in der internationalen Klasse und in kleinen Gruppen schrittweise an den Regelunterricht herangeführt, um sich schließlich in der EF in die gymnasiale Oberstufe zu integrieren. Ihr Physiklehrer Dr. Hans Lademann berichtet als ihr Tutor nur Positives über sie. Nicht nur, dass Hamdieh die bei vielen so ungeliebte Naturwissenschaft mit 14 Punkten und einer glatten Eins abschloss, Lademann staunte auch, wie unproblematisch sie in dem Kurs mitlief und alle deutschen Fachausdrücke aus dem Stand verinnerlichte.

Rögy-Oberstufenkoordinatorin Stefanie Pirags fiel schon vor mehreren Jahren auf, dass die kommunikative Hamdieh keine Probleme hatte, sich auch unter den Jungs zu behaupten. Ihre Leistungskurse Mathe und Französisch hatte Hamdieh im Rahmen der Kooperation am Leibniz. Die Coronazeit, sagt die Abiturientin, sei sehr anstrengend gewesen. Nicht selten hatte sie den Eindruck, daheim im Distanzunterricht mehr Lernstoff auf dem Tisch zu haben als beim Unterricht vor Ort. Beruflich hätte sie vielleicht ihr Sprachtalent nutzen können. Arabisch, Französisch, Kurdisch, Türkisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und ein bisschen Persisch kommen zusammen.

„Es gab Phasen, als ich Angst hatte, es nicht zu schaffen.“

Hamdieh Tayeb, Rögy-Abiturientin

Hamdieh Tayeb hatte überlegt, Übersetzerin zu werden. „Bis zur Q 1 wollte ich studieren, habe mich aber für eine Ausbildung entschieden.“ Unabhängig von staatlicher Unterstützung wollte sie sein, suchte lange nach dem passenden Beruf. Auch mit Hilfe der Agentur für Arbeit wurde Hamdieh fündig. Am 1. August tritt sie eine dreijährige Ausbildung als technische Systemplanerin in einem Wuppertaler Ingenieurbüro an. Zwei weitere Ziele hat sie vor Augen: Den Führerschein machen und die deutsche Staatsangehörigkeit erlangen. Momentan haben die Tayebs keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.

Seiteneinsteiger

Seit 2015 gibt es am Rögy die Internationale Klasse (IK). Darin werden Neuzugewanderte beschult und sukzessive ins deutsche Schulsystem integriert. Alle erhalten in Kunst, Musik und Sport Unterricht in ihren zugeteilten Regelklassen. Zudem werden sie in der Internationalen Klasse im Fach Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Die Einsteiger haben zwei Jahre, die deutsche Sprache zu erlernen. Parallel wächst die Zahl ihrer Fächer in der Regelklasse. Jeder IK-Schüler bekommt zwei Schülerpaten aus seiner Regelklasse, welche bei der Bewältigung des Alltags, vor allem anfangs helfen.

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