Interview der Woche

„Frau Vis, wie steht es aktuell um die Musikschule?“

Wera Vis (42) ist Flötistin.Die Musikvermittlung ist ihre Herzensangelegenheit. Manche Schüler unterrichtet sie schon 15 Jahre.
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Wera Vis (42) ist Flötistin. Die Musikvermittlung ist ihre Herzensangelegenheit. Manche Schüler unterrichtet sie schon 15 Jahre.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Wera Vis ist die neue Leiterin der MKS. Im Interview der Woche spricht sie über Corona-Folgen, Fachkräftemangel, die Lage der MKS und warum Einschlaflieder so wertvoll sind.

Frau Vis, Sie sind die neue Leiterin der MKS und folgen somit auf Stefan Steinröhder. Was sind Ihre Ziele?

Wera Vis: Die wesentliche Aufgabe einer Musikschule ist es, die Freude an und mit dem Instrument zu vermitteln und erlebbar zu machen. Das möchte auch ich weiterverfolgen. Ich denke, dass man die MKS noch deutlich intensiver in die kommunale Bildungs- und Kulturlandschaft einbinden könnte. Während wir zuletzt im Bereich Jekits („Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen“, kulturelles Bildungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen in Grund- und Förderschulen, Anm. der Red.) neue Stellen schaffen konnten und nun inzwischen in nahezu allen Remscheider Grundschulen vertreten sind, sehe ich durchaus noch Potenzial im Kitabereich. Auch beginne ich gerade, Gespräche mit weiterführenden Schulen zu führen.

Denn die Kooperationen, auch mit den Bergischen Symphonikern, könnten meiner Meinung nach noch mehr mit Leben gefüllt und ausgebaut werden.

Gerade das Ensemblespiel, das Miteinander-Musizieren, konnte während Corona nicht stattfinden. Das möchte ich wieder vorantreiben. Ich hoffe, dass die MKS bald wieder für möglichst viele persönlich erfahrbar und erlebbar wird – auch im Sinne des lebenslangen Lernens für alle Altersklassen. Und dass die Schüler nicht mehr nur im eigenen Gebäude hinter verschlossenen Türen Spaß haben, sondern, dass die Musikschule ausstrahlt ins Stadtleben.

Herrscht Raumnot in der MKS?

Vis: Für ein schönes Vorspiel mit 40 bis 50 Gästen wird es schwierig. Das ist nur möglich im Garten. Hier überlegen wir, eine feste Bühne zu installieren.

Die Anzahl der Räume ist nicht das Problem, sondern die Größen der einzelnen Räume und die Akustik. Es ist nicht möglich, alle Räume gleichzeitig zu belegen. Wir sprechen ja hier von einer alten Galerie. Daher freut es mich, wenn die MKS auch rausgeht, zum Beispiel mit Konzerten in Kirchen, Museen und Altersheimen.

Wie sieht der Unterricht der Zukunft aus?

Vis: Ich kann mir vorstellen, dass man künftig erst einmal die Bedarfe der Schüler abfragt und dann flexiblere Angebote macht und nicht an starren Strukturen festhält. Mehr Gruppenangebote speziell für Erwachsene sind durchaus eine Idee. Vielleicht ist es aber auch eher der Abend- oder Wochenendkurs.

Trifft die MKS der Fachkräftemangel?

Vis: Ja, vor allem im Früherziehungsbereich. Das hängt mit der speziellen Ausbildung, der Beschäftigungsmöglichkeit, der Bezahlung und dem gleichzeitigen Fachkräftemangel an allgemeinbildenden Schulen zusammen. Politik ist hier gefordert, die Unterschiede zwischen Musikschule und Schuldienst anzugleichen.

Daher bin ich sehr froh, dass wir zuletzt im Jekits-Bereich so qualifizierte Mitarbeiter einstellen konnten. Es wird zudem immer schwieriger, Dozenten für außergewöhnliche Instrumente wie zum Beispiel die Oboe zu finden. Auch die Schüler kennen diese Instrumente selten noch.

Womit punktet die MKS?

Vis: Mit ihrem vielfältigen und vollständigen Angebot. Bei uns kann man fast jedes Instrument lernen und auch ausleihen. Deshalb haben wir auch so viele Ensembles und Chöre im Angebot, die übrigens für unsere Instrumental- und Gesangsschüler kostenfrei sind.

Denn das Ziel ist für mich nicht, dass man hinterher zu Hause in der Ecke allein Musik macht, sondern gemeinsam mit anderen musiziert. Als kommunale Musikschule bieten wir dazu viele Möglichkeiten. Zudem geben wir auch all denen mit einem schwachen finanziellen Hintergrund die Möglichkeit, teilzuhaben.

Dazu auch: Voices sucht Mitstreiter

Die MKS entwickelt sich immer mehr zum kulturellen Begegnungsort. Dafür sind auch die zahlreichen Projekte mit Geflüchteten im Kunstbereich ein gutes Beispiel.

Sind die finanziellen Mittel, die die Stadt der MKS zur Verfügung stellt, auskömmlich?

Vis: Um den aktuellen Betrieb aufrechtzuerhalten, ja. Würde man die Unterscheidung zwischen Honorar- und Festanstellungen anders entwickeln, hätte man bessere Chancen, dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Im Moment ist im städtischen Haushalt eher nicht an einen Stellenausbau zu denken, was ich sehr schade finde. Denn es gibt Bereiche wie die Kooperationen mit Schulen, die feste Mitarbeiter benötigen, um Verlässlichkeit zu bieten.

Der Personalwechsel im Honorarbereich ist leider deutlich höher, was nicht glücklich ist, wenn man Kinder an eine Institution binden möchte. Deshalb mache ich diesen Beruf so gern: Ich unterrichte nicht selten Schüler über 15 Jahre. Man ist in einer sehr intimen Beziehung. Das habe ich auch in der Corona-Zeit erfahren: Kinder haben sich hier sehr geöffnet.

Apropos Corona: Jetzt wird erst vieles sichtbar. Kann man die Defizite überhaupt noch aufholen?

Vis: Vieles kann und muss man aufholen, es braucht aber Zeit. In der Musikschule haben wir zum Glück wenige Schüler in der Corona-Zeit verloren, weil es eine große Bindung und es trotzdem viele Angebote gab, auch digital.

Wir merken aber: Gerade jetzt nach Corona fällt es vielen zunehmend schwerer, sich wieder ins Ensembleleben, ins gemeinsame Musizieren, einzufinden, sich zu öffnen. Das muss man wieder neu lernen. Und verstehen: Wofür ist das gemeinsame Musizieren eigentlich gut? Denn es war ja zuletzt nicht mehr erlebbar – kein Konzert, keine Martinskapelle. Das muss wieder ins Bewusstsein zurückkommen. Ich bin der Überzeugung, dass wir das wieder schaffen.

Wie wichtig ist eine musische Früherziehung?

Vis: Ich finde: Ein Leben ohne die Künste, ohne die Musik, ist nicht lebenswert. Man macht sich das, glaube ich, gar nicht so sehr bewusst.

Denn musische Erziehung beginnt bereits beim Einschlaflied. Wir als MKS geben Eltern gern das nötige Handwerkszeug. Kinder, die früh musisch gefördert werden, sind in vielerlei Hinsicht besser entwickelt. Die musikalische Frühförderung schult alle Sinne. Am besten gelingt das in einer Gruppe. Hierüber entwickeln Kinder soziale Kompetenzen.

Zur Person: Wera Vis

Die 42-Jährige ist gebürtige Solingerin und lebt auch heute noch mit ihrer Familie dort. Zuerst spielte sie Blockflöte, mit acht Jahren Querflöte, mit zwölf Klavier. Im Teo Otto Theater trat sie einst mit den Symphonikern bei „Jugend spielt Klassik“ auf. Mit 16 nahm sie ihr Jungstudium an der Folkwang Hochschule, Abteilung Duisburg, auf. Dort studierte sie zuerst Instrumentalpädagogik mit Hauptfach Querflöte und erwarb später noch den Abschluss als Diplom-Musikerin.

Nach dem Studium begann sie ihre Lehrtätigkeit an den städtischen Musikschulen in Solingen und Leichlingen. Neben dem Flötenunterricht lag dabei der Fokus im Bereich Ensembles und Bläserklassen. 2011 wurde sie stellvertretende Leiterin der Musikschule Leichlingen. Seit 1. August ist sie Leiterin der MKS Remscheid. Nebenbei ist Vis kammermusikalisch unterwegs. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern (14 und 11).

Hintergrund: Die Musik- und Kunstschule Remscheid

Die MKS hat zurzeit um die 1700 Schüler vom Kleinkind bis zum Rentner. Während Corona habe man kaum Schüler verloren – aber auch kaum welche gewonnen. Zudem hat die MKS 60 Lehrkräfte, festangestellte sowie Honorarkräfte. Es gibt Angebote in den Bereichen Musik, Kunst, Theater.

Kontakt: MKS, Scharffstraße 7-9, Tel. 16 30 07; www.mks-remscheid.de

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