22. Lüttringhauser Gesprächsreihe

Miteinander war bis 1933 vorbildhaft

Günter Urspruch, Jahrgang 1945, ist profunder Kenner der Geschichte zwischen Lennep und Ronsdorf. Bei den Lüttringhauser Gesprächen sprach er über das jüdische Leben „em dorp“. Foto: Peter Klohs
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Günter Urspruch, Jahrgang 1945, ist profunder Kenner der Geschichte zwischen Lennep und Ronsdorf. Bei den Lüttringhauser Gesprächen sprach er über das jüdische Leben „em dorp“.

Gesprächsreihe: Günter Urspruch beleuchtete das jüdische Leben in Lüttringhausen.

Von Peter Klohs

Remscheid. Die diesjährigen Lüttringhauser Gespräche hatten das jüdische Leben in Deutschland und speziell im Bergischen Land zum Thema. Seit 1700 Jahren ist dies dokumentiert.

Nachdem die Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge, Dr. Ulrike Schrader, im ersten Gespräch über Jüdische Gemeinden im Bergischen Städtedreieck informierte und anschließend Peter Liebermann, ehemaliger Oberarzt an der Stiftung Tannenhof, einen Überblick über das Jüdischsein im aktuellen Deutschland gab, ging es im finalen dritten Teil der Gespräche um das jüdische Leben „em dorp“ und in der unmittelbaren Nachbarschaft. Günter Urspruch, profunder Kenner der Geschichte zwischen Lennep und Ronsdorf, hatte sich bereiterklärt, diesen Vortrag zu halten.

Referat war ein denkwürdiger Mix aus Fakten und Anekdoten

Die Gesprächsreihe war in diesem Jahr ausnehmend gut besucht, und auch Günter Urspruch konnte sich über 40 Interessierte freuen. Sein Referat war eine denkwürdige und spannende Mixtur aus Fakten und Anekdoten, die Urspruch aus seinen zahlreichen Unterhaltungen mit Zeitzeugen erfahren hatte. Er selbst, der von sich sagt, er sei weder Literat noch Historiker, ließ auch den Humor in seinem gut einstündigen Referat nicht außen vor.

Das Leben zwischen Christen und Juden im Bergischen sei vor der Reichspogromnacht 1933 konfliktfrei gewesen, ein geradezu vorbildhaftes Miteinander. „Ich habe in meinen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen kein schlechtes Zeugnis über Juden gehört“, sagte Urspruch.

Nachdem in Jahr 1807 alle Schulen auch für jüdische Mitbürger geöffnet wurden, entwickelte sich das jüdische Leben im Bergischen langsam. Vor 1830 waren Juden in Lennep und Lüttringhausen nur vereinzelt verzeichnet, wobei die jüdische Bevölkerung in Lüttringhausen immer spärlich geblieben ist. 1845 verzeichnete Lüttringhausen mehr als 10 000 Einwohner, wovon 2 jüdisch waren. Über 60 Jahre später (Einwohnerzahl 13 500) waren es immer noch zwei. Bei der Eingemeindung des Stadtteils 1929 gab es 273 jüdische Menschen in Remscheid, 1944 nur noch 7.

Heute zählt die jüdischen Gemeinde in Wuppertal 2500 Mitglieder (im gesamten Bergischen Land etwa 3000) und verfügt über 3 Friedhöfe. In Remscheid gibt es keine jüdische Gemeinde.

Jüdische Familie zog aus wirtschaftlichen Gründen weg

Sehr ausführlich ging Günter Urspruch auf die Familie Löwenthal ein, die aus Garzweiler zugewandert war und sich in Lüttringhausen niederließ. 1845 kaufte die Familie die Häuser Remscheider Straße 8 und 10, die aber nicht lange in deren Besitz blieben. Nachdem die Löwenthals das ehemalige Schulgebäude an der Schmittenbuscher Straße gekauft und später wieder verkauft hatten, zog die Familie – wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen – nach Ronsdorf.

Die heutige Familiengrabstätte der Löwenthals, im Volksmund als „Jüdischer Friedhof“ bekannt, verzeichnete 1853 die erste und 1909 die letzte Bestattung. Der Friedhof an der Adolf-Clarenbach-Straße wurde 1939/40 von Lüttringhauser Nazis zerstört und es gibt Gerüchte, dass auch heute noch Grabsteine des zerstörten Friedhofs in Lüttringhauser Gärten stehen. Das mochte Urspruch aber nicht bestätigen. 1949 errichtete die Stadt die Stätte in der heutigen Form. „Ich selbst“, so Urspruch, „habe erst in den 70er Jahren von der Begräbnisstätte erfahren.“

Der Referent ging ebenso auf den Weg in die Vernichtung ein, den viele Juden im Bergischen gehen mussten. Wie die Familie Winter, die 1920 nach Lüttringhausen kam und an der Barmer Straße wohnte. Gespräche mit ehemaligen Nachbarn erbrachten nur ein: „Die waren eines Tages nicht mehr da.“

Viele Juden wurden über Wuppertal nach Theresienstadt deportiert

Die Familie wurde wie so viele über Wuppertal nach Theresienstadt deportiert und von dort aus in den Osten, wo sie in Vernichtungslagern wie Treblinka und Auschwitz ermordet wurden. Jeder jüdische Bürger hatte für den Transport 65 Reichsmark zu entrichten.

„Eines ist mir sehr wichtig“, sagte Günter Urspruch am Ende seines Berichtes über jüdisches Leben in und um Lüttringhausen. „Meine Generation hat kein Recht, unseren Eltern Vorhaltungen über ihre Haltung während der Nazizeit zu machen. Und auch, wenn Vergleiche zur heutigen Zeit nicht angebracht sind, ist eins jedoch genau so klar: Die braune Brut von heute muss mit allen demokratischen Mitteln bekämpft werden“, sagte der 76-Jährige.

Gesprächsreihe

An drei Abenden widmete sich die 22. Lüttringhauser Gesprächsreihe dem jüdischen Leben im Bergischen Land. Günter Urspruch war der letzte der drei Gäste im Gemeindehaus der evangelischen Gemeinde. Gestern Abend endete die Gesprächsreihe mit ökumenischen Gottesdienst.

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