Interview der Woche

„Mit dem Wissen von heute hätten wir die Talsperren stärker vorentlastet“

Die Räumung von Geröll aus dem Unterlauf des Eschbachs in Unterburg wurde laut Wupperverband im Juli abgeschlossen. Die Planungen für den Hochwasserschutz werden fortgeführt. Eingeklinkt: Georg Wulf.
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Die Räumung von Geröll aus dem Unterlauf des Eschbachs in Unterburg wurde laut Wupperverband im Juli abgeschlossen. Die Planungen für den Hochwasserschutz werden fortgeführt.
  • Kristin Dowe
    VonKristin Dowe
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Wupperverband-Vorstand Georg Wulf über die Zukunft des Hochwasserschutzes im Bergischen.

Herr Wulf, mehr als ein Jahr liegt die Flutkatastrophe vom 14. Juli 2021 nun zurück. Wie sehen die Grundzüge des Hochwasserschutzkonzepts des Wupperverbandes aus?

Georg Wulf: Hochwasservorsorge ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Wir arbeiten eng mit den verschiedenen Akteuren zusammen, hierzu gehören Kommunen, Kreise und Behörden. Aber auch die Bürgerinnen und Bürger sind zur Eigenvorsorge aufgerufen. Als Wupperverband haben wir in unserem Zukunftsprogramm Hochwasserschutz unsere Maßnahmen gebündelt. Wir bearbeiten sechs Themenfelder: Hierzu gehören der technische Hochwasserschutz, beispielsweise Hochwasserrückhaltebecken, sowie der „grüne Hochwasserschutz“ wie Renaturierung und Wasserrückhalt in den Auen. Wir passen die Talsperrenbewirtschaftung an, optimieren Messdaten durch neue Pegel und Sensoren. Ein zentraler Aspekt ist, Information und Kommunikation zwischen den Akteuren zu verbessern. Und wir beseitigen Schäden unter anderem an unseren Anlagen und den Flussläufen.

Welche konkreten baulichen Maßnahmen stehen für den Hochwasserschutz im Bereich der Wupper und ihrer Nebenflüsse perspektivisch an?

Georg Wulf

Wulf: Das wird ein ganzes Bündel von Maßnahmen sein, je nach Anforderungen und Gegebenheiten vor Ort. Erkenntnisse dazu haben wir mit unserer Hotspotanalyse gewonnen, die wir durch Gespräche mit den Kommunen fortlaufend ergänzen. Dies mündet in ein Prioritätenkonzept. Zum Beispiel starten wir in diesem Herbst mit dem Bau eines kombinierten Hochwasser- und Regenrückhaltebeckens am Mirker Bach. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt mit den städtischen Partnern und den Stadtwerken Wuppertal. Das Projekt ist Bestandteil eines umfassenderen Hochwasserschutzkonzeptes. Auch am Eschbach in Solingen-Unterburg werden die Planungen für den Hochwasserschutz fortgeführt. Hier knüpfen wir an den schon umgesetzten Bauabschnitt an. Durch Renaturierungen schaffen wir an der Wupper mehr Raum für den Fluss, was Ökologie und Hochwasservorsorge zugutekommt. Ein wichtiger Aspekt für die Wupper ist die Anpassung der Talsperrensteuerung, Stichwort mehr Stauraum im Sommerhalbjahr frei halten und durch situative erhöhte Abgabe bei Bedarf den Puffer kurzfristig vergrößern.

Wie werden die Maßnahmen finanziert? Gibt es Fördermöglichkeiten?

Wulf: Fördermöglichkeiten gibt es über das Land Nordrhein-Westfalen, die Förderquote für Hochwasserschutz- und Gewässerentwicklungsmaßnahmen kann bis zu 80 Prozent betragen. Wird durch den Wupperverband ein Hochwasserschutzprojekt umgesetzt und vom Land gefördert, legen wir den verbleibenden Eigenanteil auf die Nutznießer um, zum Beispiel die beteiligten Kommunen.

Auch wenn das Gutachten der RWTH Aachen den Wupperverband entlastet hat: Was hätte rückblickend – und mit dem heutigen Wissen über die tatsächlichen Regenmengen am 14. Juli – anders gemacht werden müssen?

Wulf: Das Ergebnis des Gutachtens der RWTH Aachen entbindet uns ja nicht davon, aus Erfahrung zu lernen. Hier haben sich Themen gezeigt, die wir mit hoher Priorität gemeinsam mit den Akteuren bearbeitet haben, zum Beispiel in der Taskforce der Stadt Wuppertal und auch in ähnlichen Konstellationen mit anderen Kommunen, die ja unsere Mitglieder sind. Gerade das Thema Information und Meldewesen wurde aufgearbeitet und erweitert. Wir bereiten mit den Kommunen einen Hochwasser-Melde-Pass vor. Er enthält alle relevanten Infos, zum Beispiel Meldegrenzen an den jeweiligen Pegeln, Hotspots im Stadtgebiet, Verteiler der Meldungen. Dies optimiert die Kommunikation untereinander und erleichtert die Einsatzvorbereitung des Katastrophenschutzes. Zudem: Mit dem Wissen von heute hätten wir die Talsperren sicher auch stärker vorentlastet, um so die Flutfolgen in einigen betroffenen Wupperabschnitten abzumildern.

Welche Veränderungen strebt der Wupperverband bei der Warnkette an?

Wulf: Das Thema Informieren und Melden bearbeiten wir gemeinsam mit unseren Aufsichtsbehörden beim Land NRW sowie unseren Kreisen und Kommunen, die für den Katastrophenschutz zuständig sind. Wir sind hier ein Akteur in der Kette. Ganz konkret haben wir bereits gemeinsam Optimierungen umgesetzt: Ergänzend zu unserer seit Jahren bewährten Bereitschaft „Hydrologe vom Dienst“ und dem Hochwasserportal im Internet bietet ein Videokanal bei Bedarf die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Katastrophenschutz die Lage und Maßnahmen zu besprechen. Wir haben weitere Meldegrenzen festgelegt, so dass Kommunen, Kreise und Einsatzkräfte bei Erreichen dieser Meldegrenzen von Gewässerpegeln oder Talsperrenabgaben automatisierte Mails oder SMS bekommen. Durch das „Rote Telefon“ werden Anrufe des Wupperverbandes bei der Feuerwehrleitstelle Wuppertal/Solingen auch bei hoher Anrufauslastung unmittelbar durchgestellt. An diesen Themen arbeiten wir weiter, einige Übungen und Testläufe sind bereits erfolgt.

Welche Vorsorgemaßnahmen müssen Bürgerinnen und Bürger, die in Flussnähe wohnen, aus Ihrer Sicht künftig selbst treffen?

Wulf: Eine wichtige Säule ist Information, also Warn-Apps nutzen, sich kontinuierlich über unser Hochwasserportal im Internet und über die Medien zu informieren, wenn Starkregen oder Hochwasser prognostiziert werden. Und dann vorsorglich die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.

Zur Person

Georg Wulf ist seit 2014 Vorstand des Wupperverbandes. Die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist zuständig für die Wasserwirtschaft im Einzugsgebiet der Wupper und hat ihren Sitz in Wuppertal.

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