Gewag will optische Mängel beseitigen

Mieter fürchten sich in ihrer Dachgeschosswohnung

Joachim Alf auf seinem Balkon: Über die Fenster tritt Wasser ins Wohnzimmer ein.
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Joachim Alf auf seinem Balkon: Über die Fenster tritt Wasser ins Wohnzimmer ein.
  • Andreas Weber
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Der Mieterverein spricht von „katastrophalen Zuständen“ in der Greulingstraße.

Remscheid. „Was ist hier bloß los?“ Fragend dreht sich Joachim Alf in seinem Wohnzimmer um, hebt die Hände und schüttelt den Kopf. Der 71-Jährige hat genug von seiner an sich wunderschönen Dachgeschosswohnung in der Greulingstraße 18a. Die Risse in den Wänden von Wohn-, Ess- und Schlafzimmer werden mehr und länger, an den hohen Fensterrahmen zum Balkon tritt bei Regen an der Wetterseite Wasser ein, darunter wellt sich das Laminat. Nachts, wenn es ganz still ist, kommt bei Alf und seiner Lebensgefährtin Gisela Dahm (79) Angst auf. „Dann kann man das Knacken in den Wänden hören. Es ist, als wenn sich Holz an Holz reibt“, sagt der Pensionär. Eines Abends, als Alf vor dem Fernseher saß, hörte er einen Riesenknall von der Wand hinter dem TV-Gerät, danach stieg Staub auf, der aus einem kleinen Loch trat, das sich an der Fußleiste gebildet hatte.

Das Schlimmste aber komme unterm Dach, erklärt Joachim Alf und führt den RGA-Redakteur über die Faltleiter auf den nicht ausgebauten Boden. Ihm wird bange, sagt er. Denn dort gibt es nur einen Stützbalken, der in den zwölf Jahren, in denen Alf und seine Partnerin in der Wohnung leben, einen bedenklichen Neigungswinkel angenommen hat und auf ihn auf Dauer nicht mehr standsicher wirkt.

Unter dem Dach steht der Stützbalken schief.

Was immer es bedeutet, es kann nichts Gutes sein, dachte sich Alf. Er vermutet „Pfusch am Bau“. Sein Vermieter, die Gewag, sieht dies anders. Gefahr sei nicht im Verzug, versicherte ihm die Wohnungsgesellschaft schriftlich, nachdem sie am 23. November neben dem hauseigenen Bauingenieur einen externen Statiker in die 88-Quadratmeter-Wohnung geschickt hatte. Dem RGA erklärte die Gewag: „Bei den vorgefundenen Rissen in den Wänden handelt es sich nach Überprüfung durch den hinzugezogenen Fachingenieur um ungefährliche Setzrisse, die statisch irrelevant sind und von denen keinerlei Gefahr ausgeht. Diese Risse stellen lediglich einen optischen Mangel dar und haben keine Auswirkungen auf die Tragfähigkeit der Wände. Die Aussage des externen Statikers deckt sich mit der Einschätzung unserer Fachleute.“

Nur übertünchen bringe nichts, entrüstet sich Alf und lehnt die angebotene „fachgerechte Sanierung der optischen Mängel“ ab: „Man kann doch keinen Pinsel nehmen und nur darüber streichen, wenn sich Mauerwerk von der Wand löst.“ Seit 18 Monaten gäbe es Probleme, seit dem Spätsommer 2021 seien die Mängel massiver geworden, stellt Alf fest. In seiner Not wandte er sich an den Mieterverein Remscheid. Für sich und seine gesundheitlich schwer angeschlagene Lebensgefährtin, die an einen Rollator gebunden ist, will er Sicherheit in seinen vier Wänden.

„Nachts kann man das Knacken in den Wänden hören.“

Joachim Alf, Mieter

Bislang blieb die Intervention des Vereinsjuristen ohne Erfolg. Andreas Herget prangerte die „katastrophalen Zustände“ in mehreren Schreiben an und teilte der Gewag mit, dass sich seine Mandanten in der Wohnung im 4. Stock des Neun-Parteien-Hauses „fürchten“. Eigentlich zählt das 20 Jahre alte Gewag-Haus zu den modernen Aushängeschildern im Bestand mit seinen einladenden Glasfronten. Die Wohnung von Gisela Dahm und Joachim Alf bietet vom Balkon einen fantastischen Blick auf den Stadtkegel Alt-Remscheids.

Dafür haben die Bewohner jedoch keinen Sinn mehr. Im dritten Monat hat das Paar auf Anraten ihres Anwaltes die Warmmiete von 890 Euro auf 450 Euro gekürzt. Der Bitte, in ihrem Bestand nach einer Alternative zu suchen, konnte die Gewag nicht nachkommen. Man fand nichts Passendes. Herget schaltete nun die Wohnungsaufsicht der Stadt ein und zeigte „erhebliche Wohnungsmängel“ an.

Mittlerweile schauen sich die Mieter anderweitig auf dem Markt um. Denn: „Eins ist klar, in dieser Wohnung werden wir unseres Lebens nicht mehr froh“, meint Joachim Alf.

Aufsicht

Die Wohnungsaufsicht ist eine kommunale Aufgabe, die 2015 – ausgelöst durch die „Roma-Häuser“ in Duisburg – eingeführt wurde, um Mindeststandards einzufordern, unzumutbare Wohnverhältnisse und bauliche Mängel aufzudecken. Sachbearbeiterin bei der Stadt ist Kirsten Kiese. Sie versteht sich zunächst als Moderatorin zwischen den Parteien. Oft können im Gespräch Konflikte ausgeräumt, auch die Bauaufsicht klärend hinzugezogen werden. Sanktionen sind möglich, aber selten. Pro Jahr bearbeitet die Aufsicht um die 60 Fälle.

Auch interessant: 4000 Wohnungen in Remscheid stehen leer - Parteien fordern Sanierung ungenutzter Immobilien statt Neubauprojekte

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