Interview der Woche

Michael Wellershaus: „Täter sind skrupellos und professionell“

Michael Wellershaus steht seit Januar 2020 als Vorstandsvorsitzender an der Spitze der Stadtsparkasse Remscheid. Die Corona-Pandemie verändere das Zahlungsverhalten der Menschen grundlegend, sagt er. Wellershaus weiß deshalb noch nicht, ob das Kreditinstitut die Automaten ersetzt, die jüngst von Kriminellen gesprengt wurden. Pro Standort blieb ein Schaden an der Technik von 30 000 Euro zurück. Foto: Michael Schütz
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Michael Wellershaus steht seit Januar 2020 als Vorstandsvorsitzender an der Spitze der Stadtsparkasse Remscheid. Die Corona-Pandemie verändere das Zahlungsverhalten der Menschen grundlegend, sagt er. Wellershaus weiß deshalb noch nicht, ob das Kreditinstitut die Automaten ersetzt, die jüngst von Kriminellen gesprengt wurden. Pro Standort blieb ein Schaden an der Technik von 30 000 Euro zurück.

Wiederholt sprengten Kriminelle Geldautomaten der Stadtsparkasse: Ob neue Geräte kommen, ist noch ungewiss.

Das Interview führte Axel Richter

Remscheid. In den vergangenen vier Jahren wurden neun Geldautomaten zum Angriffsziel von Kriminellen. Sie sprengten die Geräte und entkamen mit dem enthaltenen Bargeld. Besonders spektakulär war die Sprengung des Automaten der Stadtsparkasse Remscheid in Hackenberg mit dem Sprengstoff TNT Ende Oktober. Der RGA sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse, Michael Wellershaus, über die Täter und die Folgen.

Herr Wellershaus, Ihre Geldautomaten wurden wiederholt zum Ziel von Kriminellen. Wie groß ist der entstandene Schaden?

Michael Wellershaus: Die Schäden sind beträchtlich. Allein an der Technik belaufen sie sich auf rund 30 000 Euro pro Standort. Für das zerstörte Gebäude in Hackenberg rechnen wir mit einem sechsstelligen Betrag. Vielleicht werden wir es abreißen müssen. Das ist noch nicht klar.

Noch vor der Sprengung in Hackenberg wurde das Gerät am Schützenplatz in Lüttringhausen zerstört. Werden Sie beide Standorte wieder ans Netz nehmen?

Wellershaus: Diese Frage kann ich Ihnen noch nicht beantworten. Ergibt eine Wiederbeschaffung Sinn? Wir wissen es noch nicht.

Weil danach die nächste Sprengung droht?

Wellershaus: Weil sich das Kundenverhalten in der Corona-Pandemie grundlegend verändert. Der bargeldlose Zahlungsverkehr hat exponentiell zugelegt. Dagegen heben immer weniger Menschen am Automaten Bargeld ab. Wenn, dann dort, wo die Menschen arbeiten oder einkaufen. Aber auch dort zahlen heute viele mit dem Handy. Ich bin da nicht anders. Wenn ich sonntags zum Bäcker gehe, habe ich kein Bargeld mehr dabei. Das ist auch für den Bäcker einfacher und kostengünstiger.

Vor allem ältere Menschen hängen aber am Bargeld. Wie wollen Sie die Versorgung künftig sicherstellen?

Wellershaus: Das ist richtig. Wir Deutschen haben ein besonderes Verhältnis zu unserem Bargeld. Und wir sind als Sparkasse natürlich auch weiterhin für die Menschen da. In unseren Geschäftsstellen, wo es ja weiterhin Automaten gibt und an unseren SB-Standorten. Aber auch telefonisch oder online. Weiterhin bieten wir auch unseren Bargeld-Bringservice an.

Können Sie die Geräte und Automatenstandorte nicht besser schützen?

Wellershaus: Das tun wir. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Prozess. Zum Beispiel haben die Täter früher Gas in die Automaten eingeleitet und sie damit gesprengt. Das gelingt ihnen heute aufgrund technischer Gegenmaßnahmen nicht mehr. Allerdings hat das dazu geführt, dass die Täter heute Sprengstoffe benutzen, die ein weit höheres Zerstörungspotenzial besitzen und von denen deshalb auch eine viel größere Gefahr für Menschen ausgeht. Das kümmert die Täter offenbar nicht. Sie sind skrupellos und arbeiten zugleich hoch professionell.

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Es heißt, es handele sich um Banden aus den Niederlanden. Schützen die Niederländer ihre Automaten besser?

Wellershaus: Nein, die Automatenbetreiber in den Niederlanden machen nichts anderes als wir. Allerdings ist die Zahl der Automaten dort zurückgegangen. Von 4986 im Jahr 2019 auf 2421 in 2020.

Die Automaten in den Niederlanden färben das Geld ein, wenn sie gesprengt werden. Vielleicht ist das der Grund.

Wellershaus: Nein, das glaube ich nicht. Mittlerweile gibt es Verfahren, die mit Farbe unbrauchbar gemachten Scheine zu waschen. Das geschieht zum Beispiel in Fernost. Der Begriff Geldwäsche bekommt dort eine ganz neue Bedeutung. Ich glaube, dass wir dem Problem nur beikommen, indem die Taten von vornherein verhindert werden.

Was wissen Sie noch über die Täter?

Wellershaus: Sie sind sehr gut organisiert und wissen genau, was sie tun. Früher brauchten sie drei Minuten für das Sprengen und Ausräumen eines Automaten. Heute schaffen sie das in einer Minute. Zugleich reagieren sie schnell auf Abwehrmaßnahmen.

Zum Beispiel?

Wellershaus: Zum Beispiel auf Vernebelung. Im Fall einer Sprengung versprühen die Automaten Nebel. Auch darauf haben sich die Täter längst eingestellt. Zum Beispiel bringen sie Absauganlagen mit. Oder sie haben gelernt, alle Handgriffe mit verbundenen Augen zu verrichten.

Von welcher Größenordnung reden wir eigentlich?

Wellershaus: 2019 zählte die Polizei 549 Angriffe auf Geldautomaten in Deutschland, 2020 waren es 704.

Von Banküberfällen hört man nicht mehr viel. Warum sind sie bei den Kriminellen aus der Mode gekommen?

Wellershaus: Zunächst einmal bin ich froh, dass sie aus der Mode gekommen sind. Denn jeder Überfall hat etwas mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort gemacht. Das hinterlässt Spuren bei den Menschen. Aber es ist richtig, Banküberfälle sind im Vergleich seltener geworden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ein Überfall mehr Zeit braucht. Dann sind da Zeugen, die den Tätern gefährlich werden können. Nicht von ungefähr sind die meisten später gefasst worden.

Gleiches gilt für das Skimming oder Phishing von Pin-Nummern.

Wellershaus: Ja, hier haben wir das ewige Katz- und Maus-Spiel mit moderner Technik gewonnen. Die EC-Karten sind heute mit Sicherheitschips ausgestattet, die das Auslesen der Daten verhindern.

Zur Person

Michael Wellershaus (47) ist der Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Remscheid. Der gebürtige Remscheider nahm nach dem Abitur am Gymnasium Wermelskirchen 1994 bei der Stadtsparkasse eine Ausbildung zum Bankkaufmann auf. Im September 2010 schloss er das Studium zum Master of Business Administration (MBA) an der Wirtschaftsuniversität Wien ab. 2015 wurde er Mitglied des Sparkassen-Vorstandes. 2020 übernahm er die Aufgaben des Vorstandsvorsitzenden von seinem Vorgänger Frank Dehnke, der nach Hessen wechselte.

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