Familie Gotthelf

Meisterspion lebte bei jüdischer Familie

In der DDR und der Sowjetunion gefeiert: Hier eine Briefmarke mit Richard Sorge, der am 7. November 1944 in Tokio gehängt wurde. Foto: Cekli829
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In der DDR und der Sowjetunion gefeiert: Hier eine Briefmarke mit Richard Sorge, der am 7. November 1944 in Tokio gehängt wurde.

Hedwig Gotthelfs Haus an der Alleestraße war in den 1920er Jahren Treffpunkt für Intellektuelle und Kommunisten.

Von Jörg Becker

Remscheid. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lebte in Remscheid die jüdische Familie Gotthelf, die über sieben Monate den späteren russischen Meisterspion Richard Sorge beherbergte. Sorge, 1895 in Baku als Sohn eines deutschen Erdöl-Ingenieurs und einer Russin geboren, verriet unter anderem den Russen im Juni 1941 das Angriffsdatum der Deutschen auf die Sowjetunion. Die Sowjets ernannten den Top-Agenten postum 1964 zum „Helden der Sowjetunion“, in der DDR vergab das Ministerium für Staatssicherheit seine höchste Würdigung, die Dr.-Richard-Sorge-Medaille in Gold.

Vom 27. Juli 1920 bis zum 28. Februar 1921 wohnte Richard Sorge – Kommunist, Ökonom und später der „große Meisterspion“ – bei den Gotthelfs. Vater Artur Gotthelf (1872-1927), der vorher in Solingen in der vornehmen Kaiserstraße 152 ein Manufaktur- und Modegeschäft besaß, und Mutter Hedwig Gotthelf (gestorben 1953) hatten eine Tochter, Ursel Gotthelf (1915-1963). Das Ehepaar Gotthelf war in Remscheid sozial sehr aktiv: Artur war in den 20er Jahren Ratsmitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), Mitglied im „Israelitischen Wohlfahrtsverein“ und als Jude sogar Mitglied im deutschen „Ladenbesitzer-Verein e.V. Remscheid“.

Seine Frau Hedwig war viele Jahre Vorsitzende des „Jüdischen Frauenvereins Remscheid“ und Kassiererin im „Remscheider Frauenverein“. Innerhalb von Remscheid besaßen (oder bewohnten) die Gotthelfs im Laufe der Zeit verschiedene Wohnungen an zwei Adressen: Alleestraße 14 und Alleestraße 18.

Hedwig Gotthelf floh mit ihren Töchtern in die Niederlande

Richard Sorge wohnte nicht nur hier. Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1927 war Hedwig Gotthelfs Haus ein Treffpunkt für viele Journalisten, Philosophen, Akademiker und Intellektuelle geworden. Neben Richard Sorge trafen sich hier auch der kommunistische Remscheider Stadtarzt und Schriftsteller Friedrich Wolf und der in Barmen lebende polnisch-jüdische Maler und Graveur Jankel Adler, der 1933 vor den Nazis nach Frankreich geflohen war und dem das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal 2018 eine große Retrospektive gewidmet hatte.

Der Grabstein von Hedwig Gotthelf in Israel auf dem Friedhof von Ashdot Yaakov – hier mit ihren Enkeln Eitan, Ruty und Nirit und einigen Großenkeln. Dieses Foto stammt von 2021 in Erinnerung an den 1968 gestorbenen Soldaten Gabriel Yahalom.

Hedwig Gotthelf floh zwischen 1931 und 1935 mit ihren beiden Töchtern Ursel und Gertrud Cohen-Gotthelf in die Niederlande. Auch im Ausland hatte sich Hedwig Gotthelf sofort in der jüdischen Sozialarbeit engagiert. Doch von Amsterdam über Westerbork wurden Hedwig und Gertrud Gotthelf in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Gertrud wurde in diesem KZ ermordet, Hedwig überlebte das KZ und kam am 10. Juli 1944 in Israel an.

Ursel Gotthelf entkam der Qual eines KZ. Sie überlebte in den Niederlanden im Untergrund und konnte nach Haifa in Israel auswandern. In Israel verschrieb sich Ursel Gotthelf aktiv dem Kibbuz-Gedanken, also einem genossenschaftlichen Leben in ländlicher Umgebung, in dem es kein Privateigentum gibt und in dem alle wichtigen Dinge gemeinsam entschieden werden. Die dort lebenden Juden waren die sogenannten Kibbuzniks. Ihre Siedlungen bestimmten die Grenzen Israels, sie waren die ersten Anlaufstellen vieler europäischer Flüchtlinge und aus ihren Familien kamen, dann später viele Mitglieder der israelischen Elite.

Mein Vater erinnert sich noch gut, dass seine Mutter Spione in dem Haus in Remscheid wohnen ließ.

Hila Yahalom-Altstock aus Israel

Eine solche Umgebung passte gut in die links-liberale Atmosphäre der Remscheider Gotthelf-Familie. Ursel Gotthelf zog zunächst in den Kibbuz Gesher der Gewerkschaftsjugend, wechselte aber nach drei Jahren in den näher an der jordanischen Grenze liegenden Kibbuz Ashdot Yaakov Meuchad, einem kleinen Dorf im Jordantal. Dort wohnte neben den Gotthelfs ein weiterer Jude aus Remscheid, Joseph Zauderer, 1917 geboren. Natürlich kannten sich die Gotthelfs und die Zauderers. In seinem Artikel „Zauderer nicht verschollen“, den der Remscheider General-Anzeiger am 17. Juni 2005 veröffentlichte, wies Zauderer bezüglich der Remscheider Juden auf einen bemerkenswerten Unterschied hin. Für 1933 ging er von 30 bis 40 emanzipierten und säkularisierten deutschen Juden aus und dazu gehörten die Gotthelfs.

Demgegenüber gab es außerdem 100 bis 120 Ostjuden, die zum größten Teil polnische Staatsbürger waren. Beide jüdischen Gemeinschaften lebten fast aneinander vorbei. Die Ostjuden waren sehr religiös und zionistisch, hatten in der Kirchhofstraße eine eigene Talmudschule, das Purimfest wurde in einer Gaststätte in der Papenberger Straße gefeiert und hatten einen eigenen jüdischer Sportverein namens HaKo’ach.

Hedwig Gotthelfs Puppen waren als „Ulla-Puppen“ bekannt

Als Sportplatz benutzten die Ostjuden einen Platz in Neuenhaus, der dem Arbeitersportverein gehörte und der seinerseits liberal genug war, seinen Platz einem jüdischen Verein zu vermieten. Joseph Zauderer ist vor einiger Zeit gestorben. Natürlich kannte er die Kinder von Ursel Gotthelf. Zwei Töchter von Joseph Zauderer leben mit ihren Familien immer noch im Kibbuz Ashdot Yaakov. Ursel Gotthelf heiratete in Israel Werner Finkenstein, der sich später Zeev Yahalom nannte, und bekam mit ihm vier Kinder.

Ursel Gotthelf starb 1963.

Zwei ihrer Kinder sind Mädchen, Ruty und Nirit, die beiden Jungen heißen Eitan und Gabriel. Gabriel starb als Soldat 1968 im Alter von 24 Jahren im sogenannten Abnutzungskrieg auf den Golan Höhen. Ursels Ehemann Zeev starb erst 1979, überlebte also seine Frau um 16 Jahre. Aus Glück und Begeisterung über ihre Tochter Ursel hatte Hedwig Gotthelf Puppen mit dem hübschen Gesicht ihrer Tochter Ursel hergestellt. Aus diesem Hobby war im Laufe der Zeit eine richtige kleine Nähstube und Puppenfabrik geworden. Hedwig Gotthelfs Puppen waren in den zwanziger Jahren in Remscheid unter dem Namen „Ulla-Puppen“ sehr bekannt und beliebt.

Hila Yahalom-Altstock, die Tochter von Ursels inzwischen 83-jährigem Sohn Eitan und Enkelin von Ursel Gotthelf, schrieb dem Autor des Artikels neulich aus Kfar Saba, 20 Minuten mit dem Auto nördlich von Tel Aviv entfernt: „Mein Vater erinnert sich noch gut, dass seine Mutter in ihrem Haus in Remscheid Spione wohnen ließ und dass einer davon Richard Sorge war.“

Puppe gesucht

Professor Jörg Becker, der Solinger Autor dieser historischen Aufarbeitung, sucht für weitere wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema eine „Ulla-Puppe“. Gibt es diese noch in Remscheider Haushalten? Außerdem: Gibt es noch Remscheider, die Geschichten und Anekdoten über Richard Sorge kennen? Sorge ging nach seiner Remscheider Zeit 1921 nach Solingen, wo er als Lehrer an einer KPD-Parteischule und an der VHS in Ohligs arbeitete. 1922 ging er mit seiner Frau nach Frankfurt/Main. Kontaktaufnahme per Mail:

joerg.becker@komtech.org

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