Lennep

Meister wünscht sich Handwerker statt DOC

Volker Platte (60) ist Cembalobaumeister mit eigener Werkstatt an der Martinsgasse. Hier fertigt er Instrumente verschiedener Epochen. Gleich nebenan saniert er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Eva Thomas (61) ein Fachwerkhaus. Sie hoffen auf neue Anreize für die Altstadt. Foto: Michael Schütz
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Volker Platte (60) ist Cembalobaumeister mit eigener Werkstatt an der Martinsgasse. Hier fertigt er Instrumente verschiedener Epochen. Gleich nebenan saniert er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Eva Thomas (61) ein Fachwerkhaus. Sie hoffen auf neue Anreize für die Altstadt.

Volker Platte hofft nach dem Outlet-Center-Aus auf frischen Wind für die Altstadt – Er saniert dort selbst sein Haus.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Der vergangene Dienstag war in den Augen von Volker Platte ein guter Tag für Lennep. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, das das vorläufige Aus des geplanten Designer Outlet Centers (DOC) besiegelte, sieht der 60-jährige Cembalobaumeister vielmehr als Lichtblick für die Röntgenstadt. „Das DOC hätte der charmanten Altstadt nicht gut getan. Es wäre vielmehr eine Ablenkung gewesen“, findet der gebürtige Remscheider, der in der Martinsgasse 4 seine Werkstatt betreibt. Denn wenn die Touristen nach Lennep geströmt wären, hätten sie nach ihrem Einkauf voll beladen mit dicken Taschen doch ohnehin den direkten Weg zum Parkhaus angesteuert, meint er.

Die Altastadt-Gastronomen hätten davon nicht profitiert – zumal im Center schließlich doch Bistros geplant gewesen seien. „Die Altstadt hätte keinen Nutzen vom DOC gehabt – nur die Stadt durch die Gewerbesteuereinnahmen. Ganz zu schweigen von den Abgasen und den Verkehrsproblemen.“ In seinen Augen ist das Zeitalter der Outlet-Center ohnehin vorbei. „Outlet ist out.“ Es handele sich um ein relativ kurzlebiges Geschäft, meint er. „Die Gebäude werden schnell hochgezogen, nach 15 bis 20 Jahren ist es wieder vorbei. Die Leute brauchen dann neue Reize.“

Volker Platte und seine Lebensgefährtin Eva Thomas (61) sehen nun eine zweite Chance für Lennep. Und hoffen auf frischen Wind. „Nach zehn Jahren Lethargie wird jetzt hoffentlich mal eine vernünftige Strategie entwickelt, um unsere schöne Altstadt wiederzubeleben“, sagt Volker Platte. Denn viele Häuser vergammelten, stünden leer, Vermieter hätten abgewartet und aufs DOC gesetzt.

Gassen, Kopfsteinpflaster und Fachwerkhäuser - Der Charme von Lennep

„Viele haben gewartet und sich den Reichtum versprochen, anstatt sich zu fragen: Was ist jetzt sinnvoll? Jetzt muss Plan B aus der Tasche“, sagt auch Eva Thomas. Gemeinsam renovieren die beiden seit elf Jahren mit viel Liebe ein altes Fachwerkhaus aus dem Jahr 1760 in Sichtweite der Werkstatt, an der Berliner Straße. Hier, im Erdgeschoss, soll bald der Ausstellungsraum mit Schaufenster für Volker Plattes Instrumente entstehen.

Auch interessant: DOC: OB will weiter am Projekt festhalten

Sie wissen, was es heißt, nach dem regulären Beruf und ohne in Reichtum zu schwimmen ein Denkmal mit all seinen Auflagen zu sanieren – es ist eine Lebensaufgabe. „Ich finde, alle Leute, die über die Altstadt jammern, sollten sich doch mal selbst ein Fachwerkhaus zulegen und es selbst renovieren, dann können sie mitreden“, sagt Volker Platte. Zumal eigentlich immer nur die Einheimischen über Lennep meckerten, auswärtige Besucher seien stets angetan von den engen Gassen, dem Kopfsteinpflaster, den verschieferten Fachwerkhäuschen, hat Eva Thomas beobachtet.

Sie stammt aus Koblenz und arbeitet als Musiklehrerin in Essen, wo sie auch früher gelebt hat, ehe sie sich für ein Leben in Lennep entschloss. „Viele Auswärtige bleiben gern stehen, fotografieren die Häuser.“ Denn die Altstadt hätte viel zu bieten: eine Papierrestauratorin, das Rotationstheater, schöne, kleine Läden. Was fehle, sei ein Bäcker, ein Metzger, Ärzte und eine gute Pommesbude.

Lenneps Bezirksbürgermeister hofft auf Rückkehr zum öffentlichen Leben

Was könnte die Stadt also nun für Lennep tun? „Die Stadt könnte sich um die Häuser in der Altstadt kümmern, Anreize schaffen für Hausbesitzer“, sagt Eva Thomas. Zum Beispiel mit Zuschüssen für die Hausbesitzer, einer ermäßigten Gewerbesteuer oder gelockerten Auflagen. Denn die Altstadt sei als Wohngebiet deklariert – seine Werkstatt habe lediglich Bestandsschutz, erklärt Volker Platte. „Würde man die Auflagen zu Schall und Emissionen lockern, könnten sich neue Betriebe ansiedeln. Wie wäre es zum Beispiel mit alten, aussterbenden Betrieben wie einem Schmied, einem Stellmacher oder einem Schreiner?“

All diese Firmen lebten nicht von der Laufkundschaft. Und sie alle könnten doch die bereits bestehenden Besonderheiten in Lennep erweitern. „Wie auf Schloss Burg, wenn Handwerkermarkt ist. Das würde die Leute anziehen“, meint der Cembalobaumeister. Die alten Gewerke könnten sich auch als eine Art Freilichtmuseum auf dem Areal des alten Röntgen-Stadions ansiedeln. „Nach der Künstlerkolonie könnte so auch eine Handwerker-Kolonie entstehen“, sagt Eva Thomas.

Die Werkstatt

Der gebürtige Remscheider Volker Platte (60) ist Cembalobaumeister. Seit 1989 hat er seine Werkstatt in Lennep, vorher war er in Wipperfürth. Seine Eltern hatten eine Töpferei. Platte fertigt in seiner Werkstatt in der Martinsgasse 4 Neu- und Nachbauten historischer Tasteninstrumente verschiedener Länder, Epochen und Bauarten: Cembali, Clavichorde, Virginale und Spinette. Jedes ist ein Unikat. Etwa vier Instrumente baut er pro Jahr. Sein Werkstoff ist Holz. Seine Kunden sind Musiker, Hochschulen, Konzertveranstalter. Zudem verleiht er Instrumente. Kontakt: Tel. 6 57 08; volkerplatte.de.

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