Nach dem Hochwasser

Matador und Halbach bleiben dem Morsbachtal treu - fordern aber Taten

Sohn Christian zeigt: So hoch stand das Wasser in der Firma. Chef Friedrich Halbach ist froh, dass zwei seiner Schmieden wieder produzieren. Doch der Schaden, den das Wasser und der Schlamm hinterlassen haben, ist enorm. Foto: Roland Keusch
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Sohn Christian zeigt: So hoch stand das Wasser in der Firma. Chef Friedrich Halbach ist froh, dass zwei seiner Schmieden wieder produzieren. Doch der Schaden, den das Wasser und der Schlamm hinterlassen haben, ist enorm.

Nach der Flut: Schmiede Halbach und Werkzeugfirma Matador wollen bleiben, fordern aber schnelleren Schutz. Kritik geht vor allem an den Wupperverband.

Von Axel Richter

Remscheid. Der Familienrat hat entschieden: Die Friedrich Halbach Schmiedetechnik GmbH bleibt im Morsbachtal. In Gründerhammer, wo das Unternehmen 1873 gegründet worden war. „Das sind wir unserer Tradition und unseren Mitarbeitern schuldig“, sagt Friedrich Halbach jun., „schließlich haben wir als Arbeitgeber auch eine soziale Verantwortung.“ Als Gegenleistung erwartet der Firmenchef eins: dass Stadt und Wupperverband alles tun, damit seine Schmiede nicht noch einmal in den Fluten des Morsbachs versinkt. Nicht alle im Morsbachtal teilen seinen Optimismus.

Rückblick: Am 14. Juli kämpfen die Schmiede am Gründerhammer mit allen Mitteln gegen das Eindringen der Fluten. Sie stapeln Sandsäcke und versuchen mit alten Türblättern die Wassermassen, die sich über die Straße ergossen, zurück in den Morsbach zu leiten. Es ist alles vergebens. Das Wasser drückt eine Außenwand des Betriebs ein und flutet 80 Hämmer und Pressen mit Schlamm.

„Hier passiert – wie immer – nichts.“

Peter Kissling, Matador

Knappe vier Wochen später ist der Schlamm zwar beseitigt, doch zwei Gebäude sind möglicherweise nicht zu retten. 1,3 bis 1,5 Millionen Euro soll es kosten, den Betrieb wieder herzustellen. Der Schaden ist damit in etwa doppelt so hoch wie 2018. Damals war die Schmiede Halbach zuletzt geflutet worden. Die Versicherung zahlte und wird dies wohl auch jetzt. Doch Friedrich Halbach weiß: „So kann es nicht weitergehen. Es muss jetzt was passieren.“

Firmenchef: Morsbach braucht mehr Überflutungsflächen

Der Firmenchef sagt das mit Blick auf den Morsbach. Er soll mehr Platz erhalten – Überflutungsflächen, in die er sich ergießen kann, bevor er über die Ufer tritt. Das soll die Unternehmen schützen, die wie Halbach nah am Morsbach liegen: Matador zum Beispiel, Gustav Grimm, Wenesit, Völkel oder Wurm.

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) verspricht den Unternehmen Hilfe. Das Stadtoberhaupt setzt auf eine bergische Lösung. „Wasser kennt keine Stadtgrenzen“, sagt er im Gespräch mit dem RGA. Im September will er sich deshalb mit dem Wupperverband und seinen Wuppertaler und Solinger Amtskollegen zu einem bergischen Wassergipfel treffen.

Matador-Chef Peter Kissling fordert: Es muss auch sofort etwas passieren

Peter Kissling, Geschäftsführender Gesellschafter der Matador GmbH & Co. KG, dauert das zu lange. „Unabhängig von Langfristmaßnahmen müsste doch sofort etwas passieren“, sagt er: „Das Bachbett ist nach dem Hochwasser an vielen Stellen durch noch mehr Gestrüpp verstopft. Allein auf meiner 200 Meter-Linie liegen mehrere Baumstämme quer und würden bei einem erneuten Hochwasser weitere Schäden verursachen. Hier passiert – wie immer – nichts.“

Kritik geht vor allem an den Wupperverband

Gerichtet ist der Vorwurf zuvorderst an den Wupperverband: „Hier erkenne ich keinerlei Fortschritt oder Erkenntnisse geschweige denn irgendwelche Maßnahmen“, sagt Kissling. Mit den Hilfestellungen der Stadt Remscheid zeigt sich der Unternehmer dagegen zufrieden: „Man kümmert sich wirklich und ist meiner Meinung nach nah am Geschehen.“

Übersicht: Nach dem Hochwasser in Remscheid - hier können Sie spenden und helfen.

Wie die Schmiede Halbach hat auch der Werkzeughersteller Matador die Produktion wieder aufgenommen. Und wie Halbach will Matador 120 Jahre nach der Firmengründung das Morsbachtal nicht verlassen. Zum Schutz vor künftigen Fluten setzt das Unternehmen unter anderem auf Hochwasser-Schotttore.

Doch wie Überflutungsflächen stoßen auch technische Lösungen irgendwann an ihre Grenzen. Für Wolf Dietrich Spelsberg, Chef der Baufirma Dohrmann, deren Bagger nach der Flut vielerorts im Einsatz waren, steht deshalb fest: „Gegen solche Wassergewalt, wie wir sie jetzt erlebt haben, gibt es keine baulichen Maßnahmen.“

Hintergrund: Hilfsprogramme für vom Hochwasser betroffene Firmen

Für vom Hochwasser betroffene Firmen stehen verschiedene Hilfsprogramme zur Verfügung. Neben einer nicht zurückzahlbaren Soforthilfe des Landes von 5000 Euro je Produktionsstätte und einem Hilfsfonds der IHK gibt es zinslose Kredite der Stadtsparkasse sowie vergünstigte von der NRW-Bank. Zudem ergeben sich aus dem Katastrophenerlass der NRW-Finanzverwaltung erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten für Ersatzinvestitionen.

Standpunkt: Historische Gründe

Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Die Hochwasserschäden im Morsbachtal und an anderen Orten sind sicherlich eine Folge des Klimawandels, aber auch das Ergebnis von über 100 Jahren bergischer Siedlungsgeschichte. Remscheid ist weltbekannt für seine Werkzeuge, die Firmen, die sie herstellen, haben sich früher an den Wasserläufen angesiedelt, um deren Energie zu nutzen.

So könnte die Schlussfolgerung ja lauten, dass die Unternehmen, inzwischen bekanntlich nicht mehr auf Wasserkraft angewiesen, da wegmüssen. Aber das ist, bis auf einige wenige Extremfälle, natürlich zu kurz gesprungen. Schließlich geht es hier um gewachsene Strukturen, die sich nicht einfach verpflanzen lassen.

Und selbst wenn, wohin sollten die Firmen umziehen? Es gibt ja jetzt schon zu wenige Gewerbeflächen in der Region.

Hier müssen Lösungen mehrdimensional gedacht werden. Bauliche Maßnahmen, die die Gebäude schützen, mehr Platz für den Bach, mehr Naturflächen, die Wasser aufnehmen können. Und das schon in Regionen noch weit von den Tälern entfernt, in denen das spätere Hochwasser entsteht. Das Problem nur bei den Firmen abzuladen, die aus historischen Gründen in einem Tal beheimatet sind, ist zu kurzsichtig.

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