Gründe sind vielfältig

Mangel an Medikamenten in Apotheken

Apotheker Henning Denkler mit Rezepten in der Hand, die extra bestellt werden müssen, wo es Lieferschwierigkeiten gibt.
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Apotheker Henning Denkler mit Rezepten in der Hand, die extra bestellt werden müssen, wo es Lieferschwierigkeiten gibt.
  • Andreas Weber
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Immer wieder sind Präparate nicht erhältlich – Henning Denkler kritisiert Abhängigkeit vom asiatischen Markt.

Remscheid. Bei 266 Medikamenten meldet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte derzeit Lieferprobleme. Henning Denkler (Regenbogen-Apotheke) bestätigt den Mangel. Der Sprecher der Remscheider Apotheker gibt dem Vorsitzenden des Apothekerverbandes Nordrhein Recht, der in einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“ davon ausgeht, dass die Ziffer wesentlich höher anzusetzen ist.

Thomas Preis schätzt, dass es Engpässe für rund 1000 Medikamente gibt und das Bundesinstitut nur den Teil berücksichtige, der als versorgungsrelevant gilt. Ein aktuelles Beispiel, so Denkler: „Plötzlich gibt es kein Nasenspray mehr.“ Jedenfalls bei einem großen Hersteller, der für das Sprühgerät einen Kunststoffring nicht bekommt. Der Nachschub für ein Halsspray scheiterte mal am fehlenden Papier für den Beipackzettel.

In Denklers Apotheke im Brücken-Center hat der Stapel in den beiden Kisten mit den Aufträgen für zurzeit nichtlieferbare und lieferbare Medikamente fast dieselbe Höhe. Das Problem ist aber nicht neu. „Ich bin seit 2006 Apotheker. Dass alles bestellt werden kann, habe ich seither nicht erlebt.“ Aktuell sei der Mangel aber „massiv.“ Die erste Welle habe er vor drei Jahren erlebt, als das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin ausging, im Frühsommer 2022 fehlte Ibuprofen. Fiebersäfte für Kinder gingen aus.

Die 20 Apotheken in Remscheid sind bestrebt, Lösungen zu finden. „Wir nehmen unseren Lieferanspruch sehr ernst, denn wir haben schließlich einen staatlichen Auftrag. Alle Artikel muss ich für eine Woche bevorratet haben, falls es bei Industrie und Großhandel zu Ausfällen kommt“, sagt Denkler. Schwierig wird es, wenn es für ein Brustkrebsmittel wie Tamoxifen keinen Ersatz gibt. Immer wieder kann jedoch auf wirkstoffgleiche Präparate gewechselt werden. Das aber bedeutet zusätzlichen Aufwand für die Apotheker. Es muss recherchiert werden, ob dabei nicht Nebenwirkungen auftreten. Rücksprachen mit behandelnden Ärzten sind notwendig.

Beim Beschaffen eines Produktes lassen auch Denklers Angestellte ihre Kontakte spielen, um zum Teil jenseits der Landesgrenzen ein rares Präparat zu ergattern. Es gibt viel Bürokratie und Mehraufwand in einer Branche, deren Honorare (bei verschreibungspflichtigen Mitteln bei 8,35 Euro abzüglich eines Abschlags von 1,77 Euro an die Krankenkassen) seit 2004 nicht gestiegen sind, betont Denkler.

Corona-Pandemie, die Havarie im Suez-Kanal und der Ukraine-Krieg hätten die Medikamenten-Krise beschleunigt, beobachtet der Apothekensprecher. Entstanden ist eine enorme Abhängigkeit vom indischen und chinesischen Markt, die, wenn weltweite Lieferketten unterbrochen sind, durchschlägt. Das Grundübel sieht Denkler in den Rabattverträgen, die die Krankenkassen mit Herstellern abschließen. „Diese Verträge klingen wie ein Win-Win, sie sind es aber nicht. Die allmächtigen Krankenkassen, die die Preise immer weiter drücken, sitzen am längeren Hebel.“

Seit 2007 hätte deren restriktive Preispolitik zu einem ruinösen Wettbewerb geführt, der den Markt hierzulande unattraktiv mache. Produziert wird in Asien, wo es billiger ist. Weil die Kassen oft nur bei ein oder zwei Firmen bestellen, könnten ein Zusammenbruch in der Lieferkette oder Produktionsausfall dazu führen, dass Medikamente vorübergehend nicht mehr erhältlich sind.

Für Denkler liegt eine Lösung darin, die Abhängigkeit von einzelnen Märkten aufzulösen und die Produktion nach Deutschland oder in die EU zurückzuholen.

Mangel wird in Bonn dokumentiert

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn versorgt die Öffentlichkeit mit Informationen zu gemeldeten Lieferengpässen. Diese stammen von pharmazeutischen Unternehmen und werden durch Daten aus der Arzneimittel- und Antrags-Datenbank des Bundes ergänzt. Die Aktualisierung der Datenbank erfolgt automatisiert auf Basis der gemeldeten Informationen.

www.bfarm.de

Standpunkt von Andreas Weber: Fatale Abhängigkeiten

andreas.weber@rga.de

Deutschland ist die Apotheke der Welt. Was im 20. Jahrhundert als Gütesiegel galt, weil einmal in unserem Land die Ursprünge der pharmazeutischen Industrie lagen, gehört längst der Vergangenheit an. Mehr als 80 Prozent der Wirkstoffe werden heute in China und Indien hergestellt. Deren Produktion dort ist billig, die Folgen aber mit hohen Risiken verhaftet, wie sich anhand der Gas- und Öl-Abhängigkeit von Russland gerade schmerzlich zeigt.

Was sich beim Medikamentenmangel momentan durch mehrere Krisen begründen lässt, birgt Gefahren für die 18 000 Apotheken in Deutschland und deren Kunden. Am Tropf des asiatischen Marktes zu hängen, immer stärker zum Arzneiimporteur zu werden, kann für die Pharmaindustrie fatal werden.

Wenn China unsere gesundheitliche Versorgung als Druckmittel und Waffe für machtpolitische Drohgebärden entdeckt, wird es eng. Wie bei Gas und Öl wird auch hier ein Umdenken stattfinden müssen.

Lesen Sie auch: Apothekensterben in Remscheid setzt sich fort

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