Ein Jahr Corona in Remscheid

März 2020: Nahost-Reisende sind die ersten Virus-Infizierten

Auf diesen Moment haben alle gewartet: In der zum Impfzentrum ausgebauten Sporthalle West nehmen am 8. Februar die Impfteams ihre Arbeit auf. Doch die Zahl derer, die sie schützen können, bleibt vorerst gering. Fotos: Roland Keusch
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Auf diesen Moment haben alle gewartet: In der zum Impfzentrum ausgebauten Sporthalle West nehmen am 8. Februar die Impfteams ihre Arbeit auf. Doch die Zahl derer, die sie schützen können, bleibt vorerst gering.

Lange bleibt Sars-CoV-2 eine Krankheit in China, dann gibt es die ersten vier Fälle in Remscheid

Remscheid. Anfang März 2020: Corona rückt näher. Feuerwehr und Sana-Klinikum haben ihre Pandemiepläne erneuert und schon Ende Februar hat Remscheid als erste Stadt im Regierungsbezirk Düsseldorf einen Corona-Krisenstab zusammengerufen. Noch aber halten nicht wenige Menschen das Virus mit dem komplizierten Namen Sars-CoV-2 für ein Problem, das sie selbst nicht betrifft. Gerade erst haben sie Karneval gefeiert. Jetzt locken die ersten Sonnenstrahlen ins Freie. Im Mai steht das Park-Food-Festival im Stadtpark an, im Juni die Fußball-EM mit Public Viewing vor dem Rathaus. Niemand ahnt, dass es all dies im Jahr 2020 nicht geben wird. Lediglich verzichten einige zur Vorsicht auf den Besuch von Asia-Restaurants – man weiß ja nie.

Dann, am 4. März, heute vor einem Jahr, gibt es die ersten Verdachtsfälle, die sich am Wochenende des 7. und 8. März bestätigen: Drei Remscheider haben das Virus von einer Reise in den Nahen Osten mitgebracht und augenblicklich einen vierten angesteckt.

Eine Woche später ist das Leben in der Stadt zum Erliegen gekommen. Theater, Kino, Museen, Bäder, Schulen, Kindergärten, Spielplätze und Behörden sind geschlossen und Treffen von mehr als zehn Personen verboten. Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) ruft die Remscheider in einer Videobotschaft zur Solidarität auf. Das fruchtet nur begrenzt.

Die Zahlen steigen. Es wird auch bei uns Tote geben.

Thomas Neuhaus, Corona-Krisenstab

Jugendliche treffen sich zu Corona-Partys, doch auch viele alte Menschen nehmen die Gefahr zunächst nicht ernst. Schließlich haben sie den Krieg überlebt, da werden sie auch ein Virus überleben, sagen sie. Thomas Neuhaus (Grüne), der in den nächsten zwölf Monaten an der Spitze des Krisenstabes steht, sieht sich am 19. März deshalb zu einer düsteren Prognose veranlasst. Zwar liegt die Zahl der Infizierten in Remscheid damals lediglich bei 14, doch: „Die Zahlen werden rasant steigen“, sagt er: „Und es wird auch bei uns Tote geben.“

Hamsterkäufe: Neben Klopapier und Mehl sind Nudeln im März 2020 häufig ausverkauft. Fabienne Rötzel füllt auf, sobald sie kann.

Der erste Remscheider, der vom Robert-Koch-Institut als Opfer der neuartigen Lungenkrankheit erfasst wird, stirbt am 27. März. Der 83-jährige Mann litt an multiplen Vorerkrankungen und war auch an Covid-19 erkrankt. Ob die Menschen an oder „nur“ mit dem neuen Virus sterben, wird zum Dauerstreit-Thema zwischen denen, die die neuartige Lungenkrankheit als Gefahr wahrnehmen und jenen, die das nicht tun.

Unbestritten gelten ältere Menschen als besonders gefährdet. Die Altenheime lassen niemanden mehr ein. Senioren sollen möglichst daheim bleiben. Freiwillige organisieren sich, um für sie einzukaufen oder auch den Hund Gassi zu führen. Die Stadt richtet diverse Hotlines ein, an die sich Hilfesuchende wenden können. Die Kirchen verlegen ihre Gottesdienste ins Internet – und manch ein Pfarrer ist erstaunt, wie viele Menschen ihm dorthin folgen. Zum Teil sind es mehr, als zu Weihnachten in die Kirche passen.

Die Menschen lernen erstmals in der Pandemie neue Begriffe kennen: Shutdown oder Lockdown heißt es, wenn Friseursalons, Einzelhandelsgeschäfte und Restaurants geschlossen sind. Das Allee-Center, an normalen Tagen von bis zu 30 000 Kunden besucht, erinnert an die Szenen in einem Endzeit-Film. Geöffnet haben nur noch Geschäfte, die der Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten dienen.

Ganze Branchen stehen ohne Einnahmen da. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Die Händler intensivieren ihren Online-Verkauf, Gastronomen bieten Bringdienste an. Ende März können sich Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister beim RGA melden und erhalten einen kostenlosen Eintrag auf der RGA-Homepage: „Wir sind für Sie da“, lautet die gemeinsame Botschaft.

Die Gastronomen gehören zu den größten Verlierern der Krise. Im April 2020 machen sie vor dem Rathaus auf sich aufmerksam.

Auf dem Wertstoffhof in der Solinger Straße bekommen es die Mitarbeiter derweil mit einem ungeahnten Ansturm zu tun. Weil die Menschen daheim bleiben, Unternehmen ihre Mitarbeiter in den Urlaub oder in Kurzarbeit geschickt haben, nutzen viele die gewonnene Zeit zum Aufräumen in Keller und Garten. Am 28. März stauen sich die Autos mit Gerümpel und Grünschnitt zurück bis zur Schüttendelle. Der Verkehr in Richtung Solingen kommt zum Erliegen. Später richten die Technischen Betriebe eine zentrale Grünschnittsammlung auf dem Schützenplatz ein.

Übrigens: Auch 2020 hatte bereits eine Impfdebatte – die galt aber noch den Masern. Seit dem 1. März 2020 dürfen Kinder nur noch mit einer entsprechenden Impfung in die Kita. -ric-

Hier finden Sie alle Artikel unseres Rückblicks „Ein Jahr Corona in Remscheid“:

April: Ärztin spricht vielen aus der Seele

Mai bis Juli: Die Remscheider genießen vergleichsweise entspannte Wochen im Sommer

August / September: Das Risikogebiet

Oktober / November: Das Virus gewinnt deutlich an Tempo

Dezember: Corona wütet im Haus Lennep

2021: Das Virus lässt sich nur kurzzeitig ausbremsen

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