Stimmgewalt statt Playoffs

Remscheider Männerchor singt jetzt im Stadion

Da, wo sonst die Zuschauer den Sportlern zujubeln, wurde am Donnerstagabend gesungen: Der Remscheider Männerchor „Germania“ 1840 probte das erste Mal seit vier Monaten wieder unter der Leitung von Peter Bonzelet. Nur im Freien und mit Abstand ist dies überhaupt möglich. Foto: Roland Keusch
+
Da, wo sonst die Zuschauer den Sportlern zujubeln, wurde am Donnerstagabend gesungen: Der Remscheider Männerchor „Germania“ 1840 probte das erste Mal seit vier Monaten wieder unter der Leitung von Peter Bonzelet. Nur im Freien und mit Abstand ist dies überhaupt möglich.

Das Stadion Reinshagen wird zum Probenort in Corona-Zeiten.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Die Jungs, die an diesem Abend in Reinshagen kicken, freuen sich über Livemusik: Ein stimmgewaltiges „Horch, was kommt von draußen rein, hollahi, hollaho“ schallt durch das Stadion. Das lockte den einen oder anderen Zaungast an. Denn dort, wo sonst Zuschauer den Footballern vom Amboss zujubeln, gibt es an diesem Abend deutsches Liedgut zu hören: Der Remscheider Männerchor „Germania“ 1840 probte das erste Mal seit rund fünf Monaten wieder – auf der Tribüne des Stadions Reinshagen. Corona hatte den Sängern einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Schuld sind die Aerosole. Das sind winzige Speicheltröpfchen, die beim Ausatmen in die Luft gelangen. Gerade beim Singen werden vermehrt Aerosole freigesetzt, was das Risiko einer Verbreitung des Coronavirus erhöht. Deshalb ist das Singen derzeit nur im Freien möglich – und nur auf Abstand. Sieben Quadratmeter Freiraum benötigt jeder Sänger, der Abstand zum Nächsten muss drei Meter betragen. Macht 620 Quadratmeter für die „Germania“. Die Zuschauertribüne in Reinshagen bietet diese Möglichkeit – und die Stadt gab schnell grünes Licht. „Auf die Idee ist noch niemand gekommen“, habe das Sportamt gesagt, erzählte der Vorsitzende Heinz-Georg Hüster. Ab sofort probt der Chor jeden Donnerstag von 18.30 bis 20 Uhr dort.

Interessierte Sänger können einfach vorbeikommen

Zum Auftakt waren 32 von 42 Sängern gekommen, darunter zwei Männer, die bis zuletzt beim Gus Anton Kammerchor mitgesungen hatten. Dieser wurde aufgelöst. „Ich hätte gar nicht damit gerechnet, dass so viele kommen, ich freue mich riesig“, sagte Chorleiter Peter Bonzelet, der an seinem Keyboard den Ton angab. Der Strom dafür kam aus der Sprecherkabine. Bonzelet hatte das Open-Air-Schutzkonzept bereits mit seinem Oratienchor in Lüdenscheid geprobt – und nun auch in Remscheid zum Auftritt gebracht.

Und das lief richtig gut. Die Männer waren begeistert vom Klang unter dem Tribünendach. Die Notenblätter auf dem Schoß, schallten Lieder wie „Berliner Luft“ und „Die kleine Kneipe“ stimmgewaltig in die Stadionmitte, während ein Walkingtreff seine Runden zog und zwei Mädchen die Weitsprung-Anlage als Sandkasten nutzten. Auch im Kanon sangen die Herren. Nach dem Refrain des Lieds „Ein Bier!“ schallte es vom Rang: „Jetzt läuft mir aber das Wasser im Munde zusammen.“ Die Herren waren gut aufgelegt, und das bei 30 Grad. „Wir haben uns gefreut, uns alle endlich wiederzusehen“, sagte Hüster. Das Freiluftsingen fordere die Sänger aber auch: „Man ist sonst die Nähe zum Singnachbarn gewohnt. Hier ist man für sich allein. Dadurch ist jeder stimmlich mehr gefordert.“ 900 Notensätze umfasst das „Germania“-Repertoire, von Musicals über Volkslieder bis zu Operetten.

Ab sofort löst die Tribüne das Autobahn-Motel als Probenort ab, so lange es das Wetter zulässt. Interessierte Männer können einfach vorbeikommen und mitsingen. In der kalten Jahreszeit könnte eventuell eine der Sporthallen zur neuen Probenheimat werden, überlegt der Vorsitzende. „Wir hoffen, uns bald wieder der Öffentlichkeit präsentieren zu können, vielleicht mit einem Weihnachtskonzert im Freien.“ Schließlich lebe der Verein von Konzerteinnahmen und Festen, die zuletzt allesamt ausgefallen seien. Bis dahin empfiehlt sich Donnerstagsabends ein Spaziergang zum Stadion Reinshagen. Hier wird großer Sport mit der Stimme betrieben.

Geschichte

Der Remscheider Männerchor „Germania“ kann auf eine 140-jährige Vereinsgeschichte zurückblicken. Die Vorläufervereine gehen auf die Jahre 1840 und 1871 zurück. 1983 fusionierten sie.

Der Kulturausschussvorsitzende Karl Heinz Humpert (CDU) über Existenzängste und einen Hilfsfonds: „Corona zeigt uns, wie wichtig Kultur ist“

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Spiel, Bier und Musik: Das Großevent auf dem Schützenplatz startet
Spiel, Bier und Musik: Das Großevent auf dem Schützenplatz startet
Spiel, Bier und Musik: Das Großevent auf dem Schützenplatz startet
Dieb schlägt auf seinen Verfolger ein
Dieb schlägt auf seinen Verfolger ein
Dieb schlägt auf seinen Verfolger ein
Seniorin um fünfstelligen Bargeldbetrag betrogen
Seniorin um fünfstelligen Bargeldbetrag betrogen
Seniorin um fünfstelligen Bargeldbetrag betrogen
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Inzidenz sinkt auf 13,5
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Inzidenz sinkt auf 13,5
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Inzidenz sinkt auf 13,5

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare