Eltern sind verzweifelt

Lüttringhausen verliert seine letzte Kinderärztin

Uta Wiesemann (41) mobilisiert Eltern und Politiker: Die Lüttringhauserin kämpft für den Erhalt der Kinderarztpraxis an der Richthofenstraße. Foto: Roland Keusch
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Uta Wiesemann (41) mobilisiert Eltern und Politiker: Die Lüttringhauserin kämpft für den Erhalt der Kinderarztpraxis an der Richthofenstraße.

Sie ist die letzte Kinderärztin in Lüttringhausen. Doch Ende des Jahres soll auch die Praxis von Agata Jolanta Sadowy schließen.

Von Axel Richter

Remscheid. Die Zahl der Kinderarztpraxen in Remscheid schrumpft damit auf sechs. Ihre Wartezimmer sind voll und ihre Wartelisten auch. Viele nehmen keine neuen Patienten mehr an. In Lüttringhausen ist die Bestürzung deshalb groß. „Für uns ist das eine Katastrophe“, sagt Uta Wiesemann (41): „Die Familien sind regelrecht verzweifelt.“

Bis vor zwei Jahren empfingen Dr. Hendrik Kiekens und Dr. Kornelia Weide ihre kleinen Patienten an der Richthofenstraße. Seit 2012 arbeiteten sie unter dem Dach des Krankenhauses Bethanien in Solingen, das die Praxis in Lüttringhausen als Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) führt. 2018 starb Cornelia Weide, Hendrik Kiekens schied aus. Die Lücke, die sie hinterließen, wurde nie geschlossen.

„Dabei haben wirklich alles versucht“, beteuert Bethanien-Geschäftsführer Eckhard Rieger auf Nachfrage des RGA. Doch die Suche nach einem weiteren Kinderarzt, der die Praxis fortführt, blieb erfolglos. Bethanien selbst ist eine Lungenfachklinik, es gibt dort keine Kinderstation. „Ich hatte also auch niemanden, der aushelfen konnte“, sagt der Klinikchef. Kooperationen mit anderen kamen nicht zustande. Und dann, sagt Eckhard Rieger, „ist das MVZ Richthofenstraße irgendwann in negative Zahlen geraten“. Die habe Bethanien bislang getragen. Jetzt will das Krankenhaus die Kinderarztpraxis verkaufen.

Doch da ergeht es der Klinik wie vielen anderen Ärzten, die ihre Praxis weitergeben möchten. Es findet sich auch dafür kein Nachfolger, viele junge Mediziner scheuen den Sprung in die Selbstständigkeit. Nach Informationen der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein gilt das vor allem für junge Frauen. Nach dem Studium arbeiten sie oft als Teilzeitkräfte in Gemeinschaftspraxen oder in Krankenhäusern. Andere lassen sich in vermeintlich attraktiveren Städten nieder.

„Die Entwicklung ist gefährlich für Remscheid.“
Dr. Frank Neveling, Gesundheitsamt

Für die Gesundheitsversorgung in Remscheid ist der Ärztemangel nicht mehr nur besorgniserregend. „Die Entwicklung ist gefährlich “, sagt Dr. Frank Neveling, Leiter des städtischen Gesundheitsamtes. Jüngst erst suchte ein junges Elternpaar mit einem Säugling seine Hilfe. „Sie fanden keinen Arzt in Remscheid.“

Eine Entspannung ist insbesondere bei den Kinderärzten nicht absehbar. Im Gegenteil. Von den verbliebenen Ärzten, die in Remscheid praktizieren, erreichen die meisten in wenigen Jahren die Altersgrenze. „Es wird also gerade im Kinder- und Jugendbereich zunehmend enger“, sagt Neveling. Dabei biete Remscheid jungen Ärzten gute Bedingungen. Die Mieten sind vergleichsweise günstig, die Betriebskosten gering und der Bedarf groß. Auch als Dozent an der Universität Düsseldorf wirbt Neveling für seine Heimatstadt bei den angehenden Ärzten. Für die Praxis an der Richthofenstraße hat aber auch er keine Lösung.

Uta Wiesemann, selbst Mutter von zwei Kindern, die dort in Behandlung sind, hat unterdessen auch die Politiker mobilisiert. Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) meldete sich aus dem Urlaub, und auch Bezirksbürgermeister Andreas Stuhlmüller (CDU) kündigt im Gespräch mit dem RGA an, den Ärzteschwund zum Thema zu machen: „Lüttringhausen hat annähernd 15 000 Einwohner. Da sollte es doch genug Patienten für eine Kinderarztpraxis geben.“

Tatsächlich gibt es noch einen Hoffnungsschimmer. Bethanien-Chef Eckhard Rieger stellt ein Gespräch in Aussicht, das er zur Zukunft der Praxis in Lüttringhausen noch führen will. Es ist der letzte Versuch zum Erhalt der Praxis. Scheitert er, stehen die Familien an der Richthofenstraße ab dem 1. Januar 2021 vor geschlossenen Türen.

ÄRZTEMANGEL

Derzeit gibt es sieben Experten für Kinderheilkunde in Remscheid. Nach dem Aus des MVZ Bethanien in Lüttringhausen bleiben sechs. Die meisten von ihnen sind 55 Jahre und älter. Der Mangel wird sich deshalb noch einmal verschärfen. Die Stadt versucht, mit Werbekampagnen Nachwuchs zu gewinnen. Bislang mit mäßigem Erfolg.

Die Sperrung der Kreuzbergstraße wird für Gehbehinderte zum Problem.

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