Interview der Woche

Lothar Krebs: „Alle müssen sich an die Spielregeln halten“

Lothar Krebs galt als finanzielles Gewissen der SPD-Ratsfraktion. Der 77-Jährige kommt aus der Wirtschaft und war Zurückhaltung bei den Ausgaben gewohnt. Damit machte er sich in der Stadtverwaltung nicht immer Freunde. Foto: Roland Keusch
+
Lothar Krebs galt als finanzielles Gewissen der SPD-Ratsfraktion. Der 77-Jährige kommt aus der Wirtschaft und war Zurückhaltung bei den Ausgaben gewohnt. Damit machte er sich in der Stadtverwaltung nicht immer Freunde.

Lothar Krebs saß 45 Jahre für die SPD im Stadtrat – Die Integration nennt er als wichtigstes Thema für die Zukunft.

Das Gespräch führte Axel Richter

Herr Krebs, Sie waren seit 1975 Mitglied des Stadtrates. Bald sind Sie es nicht mehr. Wie fühlt sich das an?

Lothar Krebs: Ich bin froh, die vielen Termine nicht mehr zu haben. Andererseits gehören die 45 Jahre Ratsarbeit zu mir und meinen Leben dazu. Ich habe mir den Schritt gut überlegt, ich bin aber selbst gespannt, wie das so sein wird.

1975 sind Sie auch bei der Firma Edscha eingetreten. Später waren Sie 30 Jahre dort Personalleiter. Hat das Ihre politische Arbeit geprägt?

Krebs: Ja, sehr. Und zwar bis hin zu der Überzeugung, dass, wer sich in der Politik engagiert, über berufliche Erfahrung verfügen sollte. Leider ist das bei vielen Politikern heute nicht mehr der Fall.

Was war die wichtigste Entscheidung, die Sie im Stadtrat gefällt haben?

Krebs: Die Schulreform. Wir haben in den 80er Jahren gegen den erbitterten Widerstand der Konservativen die Gesamtschule in Remscheid beschlossen. Heute steht auch die CDU dahinter, die damaligen Auseinandersetzungen kann man sich deshalb gar nicht mehr vorstellen. Leider ist die Gründung einer dritten Gesamtschule vor wenigen Jahren gescheitert. Ich habe das nicht verstanden. Die Gesamtschule hat viel Gutes bewirkt in Remscheid.

„Am Ende blieb uns gar nichts anderes übrig als das Haus zu verkaufen.“ 

Lothar Krebs zur Privatisierung des Krankenhauses

Und was war die schwierigste Entscheidung?

Krebs: Die für das Allee-Center und der dafür notwendigen Neuordnung des innerstädtischen Straßen- und Wegegerüstes. Das Center wurde Ende der 70er Jahre mit einer Stimme Mehrheit beschlossen. Wer heute sagt, es gäbe Widerstände gegen die Pläne für das DOC in Lennep, der hat den damaligen Streit um das Allee-Center nicht erlebt. Da sind nachts Leute angerufen und beschimpft worden.

Ist es eigentlich richtig, dass für die Abstimmung einer aus dem Urlaub geholt werden musste?

Krebs: Ja, das war Ratsmitglied Schimmel. Um ihn vom Flughafen abzuholen, war extra ein Fahrer zum Flughafen Düsseldorf geschickt worden. Problem war nur, dass Ratsmitglied Schimmel in Köln gelandet war. Während der nun mit dem Taxi nach Remscheid zurückeilte, versuchte der damalige Oberbürgermeister Willi Hartkopf die Abstimmung über das Center immer weiter nach hinten zu schieben. Das ist ihm auch gelungen. Als die Abstimmung anstand, stand der Kollege Schimmel mit dem Koffer in der Hand im Ratssaal.

War die Entscheidung für das Center richtig?

Krebs: Aus damaliger Sicht ja. Es hätte jedoch schon damals eine Entwicklung auch für die Alleestraße geben müssen. Konzepte dafür gab es schon. Doch spätestens seit den 90er Jahren fehlte der Stadt dafür das Geld. Daran scheiterte schließlich auch eine Stadthalle. Die hätte zweifellos Leben in die Innenstadt gebracht.

„Wer keine Verantwortung zu tragen hat, hat leicht schimpfen.“

Lothar Krebs

2000 ist das städtische Krankenhaus, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Sie waren, an das Unternehmen Sana verkauft worden. Wie war das damals?

Krebs: Ich war zunächst dagegen, wie viele andere auch. Tatsache aber war, dass das städtische Krankenhaus schon lange nicht mehr zu Investitionen in der Lage war. Alles, was wir haben machen können, ein neues Bettenhaus zum Beispiel, war nur Stückwerk. Hinzu kamen die zwei Standorte in Remscheid und Lennep und das Vorhalten doppelter Strukturen. Die Krankenkassen forderten eine Zusammenlegung. Am Ende blieb uns gar nichts anderes übrig als das Haus zu verkaufen.

Ich erinnere mich an sehr hässliche Szenen. Die federführenden Politiker wurden massiv beschimpft.

Krebs: Über die Politik wird immer geschimpft. Wer keine Verantwortung zu tragen hat, hat leicht schimpfen.

Wird heute mehr geschimpft?

Krebs: Die Menschen waren früher eher bereit, einmal getroffene Entscheidungen zu akzeptieren. Für mich steht außer Frage, dass die Bürger mitdiskutieren sollen. Wenn dann aber entschieden ist, muss auch umgesetzt werden. Alles andere untergräbt die Glaubwürdigkeit der Politik. Ein gutes Beispiel dafür ist die Diskussion um das DOC, das nun seit Jahren bei den Verwaltungsgerichten liegt. Viele Bürger sagen mir: Das kommt doch sowieso nicht. Das stimmt zwar mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Die Menschen glauben aber nicht mehr daran. Sie gehen davon aus: Die Politik kann sagen und entscheiden, was sie will, es passiert ja doch nichts.

So ganz falsch ist das ja auch nicht. Die Stadt hatte lange Zeit kein Geld für Investitionen.

Krebs: Ja. Wir hatten seit 1993 keinen ausgeglichenen Haushalt mehr. Wir haben seitdem immer nur sparen müssen. So findet nichts mehr statt, so löst man auch keine Probleme. Auf der anderen Seite neigt eine Verwaltung dazu, bei neuen Aufgaben immer auch gleich neue Leute einzustellen. Ich habe in der Privatwirtschaft gearbeitet, da gab es einen solchen Automatismus nicht.

„Die Integration überlagert alles.“

Lothar Krebs

Sie waren immer so etwas wie der ruhende Pol im Stadtrat. Einer, der wenig gesagt hat. Aber wenn er was gesagt hat, dann saß das. Worüber konnten Sie sich am meisten ärgern?

Krebs: Was mich immer gestört hat ist der Umstand, dass sich der Rat zuweilen mit Nebensächlichkeiten beschäftigt. Dann diese Hahnenkämpfe, die Sie als Presse ja auch seit Jahren beobachten. Jetzt ist die SPD im Land in der Oppositionsrolle. Deshalb wird an allem herumgemäkelt, was die CDU macht. Umgekehrt wäre es aber genauso. Für Remscheid bringt das überhaupt nichts. Ich habe mich deshalb immer nur dann zu Wort gemeldet, wenn es mir wichtig erschien.

Was ist das wichtigste Thema der Zukunft für Remscheid?

Krebs: Die Integration überlagert alles.

Wie es darum steht, zeigt die aktuelle Corona-Situation in Remscheid.

Krebs: Ja, und das führt wiederum zu einer Spaltung der Gesellschaft. Die Menschen nehmen doch wahr, dass es da Bevölkerungsgruppen gibt, die die Verhaltensregeln nicht ernst nehmen, die vom deutschen Staat erlassen wurden. Wenn ich in dieser Gesellschaft leben will, dann muss ich mich auch an deren Spielregeln halten. Alles andere zerreißt die Gesellschaft und ist Wasser auf die Mühlen der Rechtsextremen. Dabei haben weder die noch die Linken Lösungen zu bieten. Es reicht nämlich nicht, nur gegen etwas zu sein. Es reicht nicht zu sagen: Ich bin gegen Moslems. Das ist politikunwürdig. Die Menschen sind ja hier, die sind zum großen Teil hier geboren und deutsche Staatsbürger.

Engagieren Sie sich an anderer Stelle für Remscheid weiter?

Krebs: Das weiß ich heute noch nicht. Sicher irgendwie. Richtig ist aber auch: Gegen die Probleme von heute helfen nicht die Rezepte von gestern.

Zur Person

Lothar Krebs ist 77 Jahre alt und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Der Jurist arbeitete bei dem Unternehmen Edscha, davon 30 Jahre als Personalleiter. 1971 trat er der SPD bei. Für sie saß er seit 1975 im Remscheider Stadtrat. Von 2006 bis 2009 war er Zweiter Stellvertreter und von 2009 bis 2017 Erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters beziehungsweise der Oberbürgermeisterin. Von 2008 bis 2010 war er zudem Vorsitzender der SPD Remscheid. Sein Amt als Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt hat er ebenfalls niedergelegt.

Neben Lothar Krebs wurden 17 weitere Ratsmitglieder verabschiedet, die zum Teil über viele Jahre hinweg Politik in und für Remscheid gemacht haben. Welche Gesichter künftig im Stadtrat fehlen werden lesen Sie hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Inzidenzstufe 1: Diese Corona-Regeln gelten in Remscheid ab Freitag
Inzidenzstufe 1: Diese Corona-Regeln gelten in Remscheid ab Freitag
Inzidenzstufe 1: Diese Corona-Regeln gelten in Remscheid ab Freitag
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Ärzte impfen nur wenige Kinder
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Ärzte impfen nur wenige Kinder
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Ärzte impfen nur wenige Kinder
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare