Interview der Woche

Kreutzer: Handel droht ein Waterloo

Klaus Kreutzer sieht nach dem Lockdown trübe Aussichten für den regionalen Einzelhandel.
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Klaus Kreutzer sieht nach dem Lockdown trübe Aussichten für den regionalen Einzelhandel.
  • Frank Michalczak
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Vorsitzender des Handelsverbands befürchtet schwere Folgen durch den Lockdown in der Weihnachtszeit

Das Interview führte Frank Michalczak 

Herr Kreutzer, es ist nun beschlossene Sache: Die Geschäfte müssen mitten im Weihnachtsgeschäft schließen. Welche Folgen sehen Sie als Vorsitzender des Handelsverbands NRW im Bergischen Land?

Klaus Kreutzer: Zunächst ist für mich positiv, dass sich die Regierungschefs der Länder endlich, für mich viel zu spät, auf eine einheitliche Linie verständigt haben. Wir wurden getäuscht, wir haben uns in Sicherheit wiegen lassen durch das Versprechen der schnellen Verfügbarkeit von Impfstoffen, durch idiotische Thesen von sogenannten Querdenkern und davon, dass eine zweite Welle schon nicht so schlimm werden wird. Das Gegenteil ist Realität: Die Wissenschaft hat nicht nur vor einer zweiten Welle, schlimmer als die erste, gewarnt, sondern sie stimmt uns bereits jetzt auf eine dritte Welle ein. Wäre der jetzt alternativlose Lockdown bereits im Oktober gekommen und das Gezänk der Ministerpräsidenten ausgeblieben, ständen wir heute anders da. Nun ist die Katastrophe im Einzelhandel da: Volle Lager, nicht abverkaufte Waren bedeuten für unsere Branche das Waterloo.

Was erwarten Sie denn von der öffentlichen Hand?

Kreutzer: Wir fordern für den Einzelhandel in dieser Situation unter anderem Sonderabschreibungen für die aktuell nicht mehr verkaufsfähigen Warenbestände, wir fordern steuerliche Erleichterungen in Form von geänderten Verlustvor- und Rückträgen. Wir fordern die Gewerkschaften auf, Tarifverträge - zum Beispiel bei der Anmeldung von Kurzarbeit - der Situation von heute anzupassen. Verdi besteht darauf, dass Kurzarbeit vier Wochen vorher angekündigt werden muss. Wie soll das gehen, wenn die Politik beschließt, in zwei Tagen den Handel zu schließen? Die Pandemie ist am 10. Januar 2021 nicht vorbei. Sollte der Impfstoff in der EU eine Zulassung erhalten, stehen in Deutschland acht Millionen Dosen in einem ersten Schritt zur Verfügung. Da zweimal geimpft werden muss, werden wir vier Millionen Menschen impfen können. Wie lange es dauern wird, 80 Millionen Bundesbürger zu impfen kann man sich leicht ausrechnen. Wir werden das Problem aus meiner Sicht erst in 2022 lösen können.

Welche Folgen hatte die Corona-Krise bislang für die Geschäftswelt in der Region?

Kreutzer: Unsere Mitglieder im Handelsverband Rheinland berichten – und das gleichlautend - egal ob in Oberzentren oder in Kleinstädten, von einem massiven Frequenzrückgang. Folglich: Wo keine Kunden in der Stadt sind, können auch keine Umsätze generiert werden. Ein Problem gibt es auch mit unserem Sozialpartner, der Gewerkschaft Verdi. Sie bekämpft den Handel in dieser Situation. Verdi hat erfolgreich, auch in anderen Städten, gegen genehmigte verkaufsoffenen Sonntage geklagt, dies geschah auch unabhängig von der Corona-Krise. Die Gewerkschaft treibt dadurch die Kunden in den Onlinehandel. Da kann der inhabergeführte Einzelhandel nicht mithalten. Verdi sollte einmal seine Haltung überdenken. Es passt nicht in die Welt, morgens die Leute vor die Kaufhäuser mit Trillerpfeifen zu stellen, um die Schließung von Betriebsstätten – etwa bei Galeria Karstadt-Kaufhof – zu verhindern, um nachmittags mit denselben Trillerpfeifen gegen die Sonntagsöffnung zu protestieren. Verdi legt die Axt an den noch vorhandenen Einzelhandel.

Wie fällt denn Ihre Zwischenbilanz über das bisherige Weihnachtsgeschäft aus?

Kreutzer: Die Bilanz ist bedrückend. Und die Aussicht auf eine schnelle Änderung sehe ich nicht. Wir können die Kunden nur ermuntern, den lokalen Handel zu unterstützen, denn Ebay, Amazon, Zalando usw. erleuchten die Schaufenster in den Städten mit Sicherheit nicht.

Welche Prognose haben Sie aus heutiger Sicht für das Jahr 2021?

Kreutzer: Uns wird das Szenario, das wir in diesen Tagen und Wochen erleben noch weit in das Jahr 2021 begleiten. Die Pandemie gilt nach den Auffassungen der Virologen erst dann als beherrscht, wenn mindestens 70 Prozent der Bevölkerung geimpft ist. Selbst, wenn der Impfstoff in ausreichender Menge verfügbar sein wird, wird es mehr als ein Jahr dauern, bis mehr als zwei Drittel von 80 Millionen Menschen in Deutschland geimpft sein werden.

Sie sind Befürworter des Outlet-Centers in Lennep. Wie groß sind denn nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) in Münster noch die Chancen, dass es gebaut wird?

Kreutzer: Es war nach dem Urteil, das das OVG Münster in Sachen Ochtrup zwei Tage vor dem Remscheider Termin gesprochen hat, keine große Überraschung mehr für mich. Ich war bei dem Gerichtstermin in Münster anwesend. Mein Eindruck: Das Gericht hat die Parteien vorgeladen, um ihnen das Urteil zu verkünden. Eine Gerichtsverhandlung kenne ich anders.

Dazu: DOC: Remscheid bereitet Gang zum Bundesverwaltungsgericht vor

Wie könnte ein Plan B für Lennep aussehen?

Kreutzer: Das aus meiner Sicht Fatale an diesem Urteil ist der Umstand, dass eine seriöse Stadtentwicklungspolitik gar nicht mehr stattfinden kann. Bebauungspläne, Flächennutzungspläne brauchen Jahre, um Rechtskraft zu erlangen. Klagt ein Betroffener dagegen, dauert es wiederum Jahre, bis der Instanzenweg erneut beendet ist. Ob dann das geplante Vorhaben überhaupt noch den geänderten Rahmenbedingungen standhält, ist ungewiss. Hier ist der Bundesgesetzgeber gefordert, das Baugesetzbuch zu nivellieren.

In einem weiteren Ehrenamt wirken Sie als Vorsitzender des Verkehrs- und Fördervereins Lennep. Immer wieder haben Sie sich für eine Modernisierung der Kölner Straße eingesetzt, die sich nach einem Beschluss des Stadtrates nun auch abzeichnet. Was muss auf der Einkaufsmeile geschehen?

Kreutzer: Jetzt quälen Sie mich aber. Mit einer Drucksache wurde vom damaligen Amt 61 am 16. April 1997 der Politik ein Beschlussentwurf zur Abstimmung vorgelegt. Am 27. Juni 1997 hat der Rat diesem Entwurf zum Bebauungsplan, dem Umbau der Kölner Straße zum Boulevard, zugestimmt. Unter Haushaltsstellen wurde als Zuschuss vom Land 3,7 Millionen Euro und von der Stadt 5,16 Millionen Euro in den Haushaltplan eingestellt. Die Landesmittel wurden trotz Zusage nicht abgerufen. Ich habe natürlich 1997 an die Umsetzung des damaligen Ratsbeschlusses geglaubt. Soll es 2020 wieder tun? In 18 Monaten feiern wir auf dem alten Handelsweg von Köln nach Dortmund, der „Cölner Straße“, ein Jubiläum mit Preisausschreiben: Wer findet im Rathaus noch Beschlussvorlage und die Niederschrift? Ich spreche mich aber ausdrücklich dafür aus, Lennep als Ganzes zu sehen. Weder die Kölner Straße, der historische Stadtkern noch andere Quartiere dürfen eine Sonderrolle beanspruchen.

2020 mussten Sie wegen der Pandemie diverse Veranstaltungen in Lennep absagen. Rechnen Sie für 2021 damit, dass Sie wieder ein Oktoberfest feiern können?

Kreutzer: Wir haben alles absagen müssen: Osterfeuer, Mittelaltermarkt, Rosenfest, Oktoberfest, Martinszug. Und die Aussichten für 2021 sind aus meiner Sicht nicht besser, zumindest für das erste Halbjahr.

Und, Herr Kreutzer: Wie werden Sie in diesem doch sehr speziellen Jahr Weihnachten feiern?

Kreutzer: Wer, wie ich glücklicher Opa von zwei Superzwergen ist, ist einfach nur glücklich, wenn sie alle da sind. Insofern: Alles beim Alten und alle beim Alten.

Zur Person

Klaus Kreutzer übernahm 1975 das Sanitätshaus an der Kölner Straße in Lennep. Im Ehrenamt ist er vielfältig im Einsatz. Unter anderem ist er Vorsitzender des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen im Bergischen Land. Zudem wirkt er als Vorsitzender des Lenneper Verkehrs- und Förderverein. Dazu zählt auch die Organisation von Veranstaltungen wie das Oktoberfest, Osterfeuer oder Martinszug. Diese fielen 2020 wegen der Corona-Pandemie jedoch aus.

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