Gestiegene Lebenshaltungskosten

Immer mehr Menschen brauchen finanzielle Unterstützung

Steigende Energiekosten können zu finanziellen Engpässen führen. Foto: Christian Beier
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Steigende Energiekosten können zu finanziellen Engpässen führen.

Die gestiegenen Lebenshaltungskosten sorgen für mehr Anfragen bei der Stadt und der Sozialberatung.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Strom, Gas, Lebensmittel - die zuletzt deutlich gestiegenen Lebenshaltungskosten zeigen auch in Remscheid Wirkung. „Wir verzeichnen deutlich mehr Anfragen“, berichtet Dorothee Biehl, die die Allgemeine Sozialberatung bei der Remscheider Caritas leitet. Immer häufiger würden sich Menschen nach möglicher finanzieller Unterstützung erkundigen, hat sie beobachtet: „Darunter sind echte Notfälle, die, nachdem sie Strom und Miete bezahlt haben, kein Geld mehr für Lebensmittel haben. Oder um ihren Kindern neue Schuhe zu kaufen, wenn die einen Schuss getan haben.“

Ein Eindruck, den Carsten Thies nur bestätigen kann. Der Leiter des städtischen Fachdienst Wohnen und Soziales spricht ebenfalls von einem „verstärkten Nachfrageaufkommen.“ Von Leistungsbeziehern einerseits, die zum Beispiel Sorge haben, ob das Amt die gestiegenen Heizkosten übernimmt. Aber andererseits auch von Menschen, die bisher noch keine Transferleistungen beantragt haben, nun aber wissen möchten, ob ihnen Leistungen zustehen.

Carsten Thies berichtet, dass sich deutlich mehr Menschen nach möglicher finanzieller Unterstützung erkundigen.

Zwar gebe es noch keinen konkreten Zahlen, sagt Thies: „Aber wir rechnen damit, dass sich aufgrund der Kostenentwicklung die Zahl der Fälle erhöhen wird.“ So könnten gestiegene Heizkosten dazu führen, dass Bürger, die bisher knapp unter der Grenze lagen, künftig Anspruch auf ergänzende Grundsicherung oder Wohngeld hätten.

Viele Betroffene seien sich gar nicht bewusst, dass ihnen Geld zusteht, sagt Dorothee Biehl: „Gerade Rentner, die ihr Leben lang ohne Unterstützung auskamen, sind überrascht, wenn man ihnen vorrechnet, was sie bekommen können.“

Scham, die Mittel zu beantragen, sei dabei völlig fehl am Platz, so die Sozialarbeiterin. Schließlich sei das Sozialsystem ja genau dafür gemacht worden. Die Caritas im Erzbistum Köln hat übrigens extra ein Online-Portal ins Leben gerufen, um Menschen über ihre Ansprüche aufzuklären.

Neben Grundsicherung, Arbeitslosengeld II, Wohngeld und anderen staatlichen Leistungen bleiben den Beratern der Caritas und anderer Träger nicht viele Möglichkeiten. „Geht es um Kinder, können wir zum Teil auf Stiftungen zurückgreifen“, sagt Dorothee Biehl. Auch aufs Foodsharing verweist die Beratung gerne. „Was wir im Moment brauchen, sind gesellschaftliche Initiativen, um sich gegenseitig zu helfen“, sagt Biehl. „Solidarität statt stigmatisierender Strukturen.“

Remscheid: Bezahlt werden angemessene Heizkosten

Carsten Thies sieht Remscheid in diesem Bereich breit aufgestellt - und rät dazu, dieses Angebot auch zu nutzen: „Es gibt in der Stadt viele Leute, die gute Tipps geben können.“ So spreche nichts dagegen, neben einem Antrag bei der Stadt auch die Sozialberatung der Caritas oder das Seniorenbüro zu kontaktieren.

Was die Heizkosten angeht, hat er für Bezieher von Arbeitslosengeld II und Grundsicherung gute Nachrichten, diese würden in der Regel übernommen: „Bezahlt werden laut Gesetz angemessene Heizkosten.“ Steigt die Abschlagszahlung nicht aufgrund des Verbrauchs, sondern weil der Versorger die Preise erhöht, sei das abgedeckt.

Im Fall der Grundsicherung, die Menschen mit geringem Einkommen zustehe, wenn diese nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung ständen, trage der Bund die Mehrkosten, erklärt Thies. Beim Arbeitslosengeld II (Hartz IV) sehe das anders aus, da übernehme die Kommune zumindest einen Anteil. „Der Kämmerer hat ja in der letzten Ratssitzung ein recht düsteres Bild von der Entwicklung des Remscheider Haushalts gezeichnet“, sagt Thies. „Es ist davon auszugehen, dass er Recht behält.“  

Lesen Sie auch: Burkhard Mast-Weisz - „Das Gas wird nicht für alle reichen“

Onlineportal

Die Caritas im Erzbistum Köln hat Infos und teils auch Online-Rechner zu Themen wie Kinderzuschlag, Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket, Grundsicherung, Wohngeld und ergänzendes Arbeitslosengeld II in einem neuen Internetportal zusammengestellt.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Solidarität ist gefragt

sven.schlickowey@rga.de

Geht es um Menschen, die finanzielle Hilfe vom Staat beziehen, unterliegen wir vielfach einem Paradoxon: Wir wissen, dass die Ursachen vom einzelnen vielfach kaum zu beeinflussen sind - die größten Armutsrisiken sind zum Beispiel Kinder, Krankheit und prekäre Beschäftigung, die aktuellen Preisentwicklungen haben eher geopolitische Ursachen - und doch neigen wir dazu, Leistungsempfängern eine individuelle Schuld zu unterstellen.

Die Folge ist eine Form der Stigmatisierung, die bei vielen Betroffenen Scham auslöst. Obwohl die meist nur streng nach den Buchstaben des Gesetzes das in Anspruch nehmen, was ihnen zusteht. Niemand von uns hat wirklich Einfluss auf die Entwicklung von Energie- und Lebensmittelpreisen.

Wir können aber entscheiden, wie wir als Gesellschaft mit dieser Situation, in der viele Menschen Unterstützung brauchen, umgehen wollen.

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