Veranstaltungsreihe

Kritik am „Eventgarten“: Statt atemlos, schlaflos durch die Nacht

Im Gespräch: Bürgermeister Otto Mähler, Markus Kärst und Nicole Hafner sowie Daniel Pfordt und Jürgen Beckmann vom Ordnungsamt. Foto: ric
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Im Gespräch: Bürgermeister Otto Mähler, Markus Kärst und Nicole Hafner sowie Daniel Pfordt und Jürgen Beckmann vom Ordnungsamt.
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    VonAxel Richter
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Veranstaltungsreihe „Eventgarten“ sorgt weiter für Ärger – Ronsdorferinnen wollen Lärm nicht noch mal hinnehmen.

Remscheid. Victoria war laut. Deutlich lauter als erlaubt, weshalb es bei dem Auftritt des Helene-Fischer-Doubles auf dem Remscheider Schützenplatz selbst für Susanne Unterbäumer, Kerstin Ritter und eine Menge anderer Ronsdorfer statt atemlos eher schlaflos durch die Nacht ging. Weil es auch an den folgenden Wochenenden in ihren Ohren nicht leiser vom Remscheider Stadtkegel zu ihnen herüberklang, wollen sie so etwas im nächsten Sommer nicht noch einmal erleben, denn, erklären sie der Stadt Remscheid: „In fünf Kilometer Entfernung dürfen wir ungefragt an Ihren Veranstaltungen teilnehmen – wir möchten das aber nicht. Wir werden belästigt.“

Tatsächlich hatten die Tontechniker die Musik beim Auftritt des Helene-Fischer-Doubles zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Eventgarten“ vor zwei Wochen deutlich zu weit aufgedreht. Das Ordnungsamt erreichte deshalb Beschwerden nicht nur aus Ronsdorf, sondern auch aus Lüttringhausen, Hasten, vom Rosenhügel, vom Steinberg und aus anderen Wohnquartieren. Jürgen Beckmann, Chef der Ordnungsbehörde, machte Nicole Hafner, Chefin der Veranstalterfirma Neo-Move, daraufhin eine deutliche Ansage: „Ist das noch einmal so laut, brechen wir ab.“

„Wir stellen uns mit dem Messgerät ans Schlafzimmerfenster.“

Jürgen Beckmann, Ordnungsamt

Dazu sah er danach keinen Anlass mehr. Neo-Move habe reagiert und bei den folgenden Auftritten von Künstlern in der Konzertreihe auf dem Schützenplatz alle behördlichen Auflagen zur Lautstärke eingehalten. „Allerdings hatten wir das Dilemma, dass der Wind permanent aus Südwest wehte“, sagt Beckmann. Mit der Folge, dass auch an den folgenden Abenden immer die gleichen Nachbarn die Musik abbekamen. Für sie habe sich nach der Rüge für Neo-Move jedenfalls nichts geändert, erklärt neben den beiden Ronsdorferinnen eine Anwohnerin von der Ibacher Straße, die aus Angst vor Anfeindungen ihren Namen nicht im RGA lesen möchte. „Die Bässe sind so furchtbar laut, dass man bei uns nicht mehr auf dem Balkon sitzen kann.“

Victoria alias Helene Fischer raubte bei ihrem Auftritt im Eventgarten auch Lüttringhausern und Ronsdorfern den Schlaf.

Weitere Beschwerdeführer hatten sich ebenfalls hilfesuchend an Otto Mähler (SPD), Bezirksbürgermeister von Alt-Remscheid, gewandt. Seiner Einladung zu dem Vor-Ort-Termin mit Stadt und Veranstalterin waren sie aber nicht gefolgt.

Auf die Beschwerden will das Remscheider Ordnungsamt am Wochenende weitere Kontrollen folgen lassen. „Wir stellen uns mit dem Schallpegelmessgerät ans nächstgelegene Schlafzimmerfenster“, sagt Jürgen Beckmann, denn maßgeblich für etwaige Überschreitungen des zugelassenen Pegels sind die Ausschläge des Dezibelmessers am Veranstaltungsort.

Veranstaltungsort ist der Schützenplatz übrigens seit 1904. Wer dort wohnt oder hinzieht, muss deshalb mit Geräuschen leben. Allerdings dürfen die ein gewisses Maß nicht überschreiten. So steht es in einem Erlass, an den sich die Städte zu halten haben, doch lassen die Vorschriften Auslegungen und Interpretationen zu.

Jedenfalls genehmigte die Stadt, auch vor dem Hintergrund der langen Veranstaltungspause, die die Remscheider in der Corona-Pandemie erlebten, jeweils zweistündige Konzerte und setzte deren Ende auf 22 Uhr fest: „In der Gesamtschau halten wir das für zumutbar.“ Genehmigt wurde deshalb auch die nächste Konzertreihe, die dem „Eventgarten“ nachfolgen wird. Vom 20. August bis zum 8. September steigt auf dem Schützenplatz das „Liebe und Musik Open Air Festival“.

Ina Safenreider, die für die Stadt Remscheid die Events begleitet, freut sich unter anderem auf Bands wie die Söhne Mannheims und Glasperlenspiel. „Wir haben in der Corona-Pandemie nur diese sechs Wochen Zeit, um den Remscheidern etwas zu bieten, und wir haben dafür nur diesen einen Platz“, sagt sie. Konzerte müssten dort deshalb weiter möglich sein. Auch im nächsten Sommer.

Konzert und Pegel

Heute spielt der Ausnahmesaxofonist Wolf Codera mit Band auf dem Schützenplatz. Nach weiteren Konzerten endet die Veranstaltungsreihe am Sonntag.

Am Veranstaltungsort darf der Mittlungspegel von 70 Dezibel nicht überschritten werden. Spitzen dürfen nicht mehr als 20 Dezibel darüber liegen.

Standpunkt

axel.richter@rga.de

Kommentar von Axel Richter

Auch, wer die Musik von Helene Fischer mag, konnte vor zwei Wochen leicht genervt von ihr sein. So laut wummerten die Bässe auf dem Schützenplatz, so weit trug der Wind die Textzeilen, dass selbst die Nachbarn im fünf Kilometer Luftlinie entfernten Ronsdorf jede einzelne mitsingen konnten. Der ersten Großveranstaltung nach der eineinhalb Jahre währenden Corona-Zwangspause bereitete das einen denkbar unglücklicher Start. Doch dem berechtigten Wunsch nach Ruhe der einen steht das berechtigte Interesse der anderen gegenüber, die sich wieder treffen, die singen, tanzen und feiern möchten – und sei es zur Musik von Helene Fischer. Ein Interessenausgleich scheint nahezu unmöglich. So vehement und absolut ist der Protest gegen die Veranstaltungen in Remscheid, dass ein Kompromiss derzeit ausgeschlossen scheint. Gut möglich, dass die Frage, was auf dem Schützenplatz noch erlaubt ist, deshalb vor Gericht entschieden wird. Für die Remscheider wäre das die schlechteste Entwicklung. Denn vor Gericht ist man wie auf hoher See bekanntlich in Gottes Hand. Und Remscheid braucht seinen Schützenplatz.

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