Infos und Orientierung geben

Krieg in der Ukraine beschäftigt Kinder und Jugendliche

An der Sophie Scholl trugen die Jungen und Mädchen die Landesfarben der Ukraine. Foto: Michael Schütz
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An der Sophie Scholl trugen die Jungen und Mädchen die Landesfarben der Ukraine.

An der Sophie-Scholl-Schule trugen die Jugendlichen Gelb und Blau. An der AvH formen sie am Freitag das Wort Peace.

Von Axel Richter

Remscheid. Nicht alle mochten in den Farben der Ukraine in die Schule kommen. Gegen den Krieg aber sind sie alle an der Sophie Scholl, auch die Schülerinnen und Schüler mit russischen Wurzeln. Gemeinsam – blau und gelb gekleidet oder in neutralem Weiß, die eine oder andere mit einer Friedenstaube auf der Brust – setzten die 1270 Jungen und Mädchen ein Zeichen gegen den Krieg. Heute folgen ihre Altersgenossen an der Alexander-von-Humboldt-Realschule. In den Mittagsstunden wollen sie auf dem Schulhof das Wort Peace bilden.

Das Bedürfnis, über den Krieg zu sprechen und die eigene Ohnmacht zu überwinden ist groß an den Remscheider Schulen. An der Sophie-Scholl-Gesamtschule ergriffen Schülerinnen und Schüler der Oberstufe die Initiative und riefen alle Klassen dazu auf, am Donnerstag in den ukrainischen Nationalfarben zum Unterricht zu erscheinen. In einer Schweigeminute gedachten sie den Opfern. Für die Flüchtlinge bitten sie um Sachspenden.

„Natürlich gibt es Ängste“, sagt Schulleiter Michael Pötters. Und je nach Alter gehen die Kinder und Jugendlichen damit unterschiedlich um. „Wichtig für uns ist es deshalb, sie mit Informationen zu versorgen, ihnen Orientierung und Halt zu geben“, sagt Pötters.

Remscheid: Schüler befinden sich seit zwei Jahren im Dauerkrisenmodus

Tatsächlich befinden sich Kinder und Jugendliche seit annähernd zwei Jahren im Dauerkrisenmodus. Der aktuelle Abiturjahrgang hat das elfte Schuljahr nahezu komplett zu Hause verbracht. Partys, Clubs, alles, was zur Oberstufenzeit dazugehört, fand in der Pandemie nicht statt. „Die Jugendlichen hat das massiv belastet“, erklärte Dr. Jana Schrage, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt, dem RGA.

Der Krieg in der Ukraine erweckt ein Bedrohungsszenario neu, das mit dem Ende des Kalten Krieges der Vergangenheit anzugehören schien. Jetzt, sagt Schrage, stelle sie sich wieder, die Frage, die viele junge Menschen noch in den frühen 90er Jahren mit der Entscheidung zwischen Wehr- oder Zivildienst beschäftigte: Was würdest Du tun, wenn dein Land angegriffen wird?

Auch in den Grundschulen werde der Krieg zum Thema. Denn auch die Kleinsten haben das Bedürfnis, etwas zu tun und Gleichaltrigen zu helfen. Darauf dürfen die Lehrerinnen und Lehrer setzen, wenn erst die ersten Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufgenommen werden. Dennoch stünden die Schulen damit „vor einer riesen Herausforderung“, sagt Schulamtsdirektorin Heike Adolf. Es fehlt an Betreuerinnen und Betreuern. Und: „Wir dürfen bei aller Solidarität gegenüber der Ukraine nicht vergessen, dass es noch andere Flüchtlingskinder gibt.“

An der Sophie Scholl haben sie Erfahrung mit der Integration von Kindern aus vielen verschiedenen Ländern. Und sie haben gelernt, zu differenzieren. Sie wissen: Es sind nicht „die Russen“, die die Ukraine angreifen. Deshalb gab es auch keine Anfeindungen gegenüber Kindern mit russischem Hintergrund.

Die Solidaritätsaktion am Donnerstag sollte das Zusammengehörigkeitsgefühl wachsen lassen, schätzt Klaus Haberstroh, Leiter der Gymnasialen Oberstufe: „Ich merke, dass den Schülerinnen und Schülern das richtig gut tut.“

Psychologin erklärt: So spricht man mit Kindern über Krieg

Demo geplant

Das Aktionsbündnis Remscheid Tolerant, dazu zählen Parteien und Kirchen, plant für Samstag eine Friedenskundgebung vor dem Rathaus. Sie soll von 16 bis 18 Uhr stattfinden. Zur Solidaritätsaktion mit der Ukraine sind Redebeiträge und Livemusik vorgesehen.

Standpunkt: Vor schweren Aufgaben

Ein Kommentar von Axel Richter

axel.richter@rga.de

Der Krieg in der Ukraine ist in den Kinder- und Klassenzimmern angekommen. Eltern können ihre Kinder nicht davor beschützen. Alles, was hilft, ist mit ihnen zu sprechen, um Ängste zu nehmen. Das ist auch deshalb wichtig, weil viele Jugendliche sich nicht aus seriösen Nachrichtenquellen informieren, sondern aus Youtube oder TikTok. Da gilt es, im Elternhaus, aber auch im Unterricht manches geradezurücken. Im Blick behalten müssen die Lehrerinnen und Lehrer aber auch die Konflikte, die sich zwischen den Jugendlichen auftun können. Sie müssen Kinder mit russischen Wurzeln schützen, wenn die zu Sündenböcken gemacht werden sollen. Die nächste Aufgabe, vor der die Schulen stehen, dürfte noch einmal schwieriger werden: Es wird in absehbarer Zeit darum gehen, zum Teil hochtraumatisierte Kinder und Jugendliche zu integrieren, die ihr Zuhause, ihre Freunde, ihre Väter verloren haben und nun in einem Land angelangt sind, dessen Kultur sie nicht kennen und dessen Sprache sie nicht sprechen. Was das bedeutet, kann jeder von uns, der in Wohlstand und Frieden aufgewachsen ist, nicht einmal ansatzweise ermessen.

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