Lüttringhausen

JVA: Kontaktverlust lässt Häftlinge leiden

Marion Fabricius darf das Gefängnis in der Pandemie nicht mehr betreten. Für ihre Langzeitinhaftieren bleibt sie dennoch eine Stütze. Foto: Roland Keusch
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Marion Fabricius darf das Gefängnis in der Pandemie nicht mehr betreten. Für ihre Langzeitinhaftieren bleibt sie dennoch eine Stütze.
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2020 kam es in NRW-Gefängnissen zu 23 Selbsttötungen – in Lüttringhausen nahm sich ein Mann das Leben.

Von Axel Richter

Remscheid. Vor einem Jahr bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sie zum Neujahrsempfang ins Schloss Bellevue. Zum Dank für ihre Arbeit mit Mördern und Totschlägern in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid. Kurz darauf sorgte Corona dafür, dass Marion Fabricius das Gefängnis in Lüttringhausen nicht mehr betreten durfte. „Plötzlich brach alles zusammen“, erzählt die 55-jährige Lehrerin, die die Langzeitinhaftierten bis dahin in einer Gesprächsgruppe traf.

Das Angebot ist nicht das einzige, das es nicht mehr gibt. In allen NRW-Gefängnissen haben Ehrenamtler wie Marion Fabricius seit der ersten Coronawelle keinen Zugang mehr, weshalb nach Besuchsverboten und gestrichenen Freigängen die sozialen Kontakte zusätzlich abnahmen.

„Und dann haben sie mir einen dicken Blumenstrauß geschickt.“
Marion Fabricius, Ehrenamtlerin

Im gleichen Jahr verdoppelte sich die Zahl der Selbsttötungen. Nach Angaben des NRW-Justizministeriums kam es zu 23 Suiziden – 2019 und 2018 waren es jeweils elf. Dabei waren die Gefängnisse wegen der Pandemie mit deutlich weniger Häftlingen belegt als 2019.

Auch in Lüttringhausen, wo im Schnitt 500 Häftlinge im geschlossenen Vollzug ihre Strafe absitzen, nahm sich ein Inhaftierter das Leben. „Es handelt sich um einen Fall, für den wir keine Erklärung haben“, sagt JVA-Leiterin Katja Grafweg. Einen Zusammenhang mit den Corona-Schutzmaßnahmen sieht sie nicht.

Seit März vergangenen Jahres dürfen die Insassen des Gefängnisses in Lüttringhausen ihre Angehörigen nicht mehr in den Arm nehmen. Gespräche sind nur per Telefonhörer und zwischen Acrylglasscheiben möglich. Oder auf Anmeldung am Bildschirm per Skype, das die Häftlinge unter Aufsicht nutzen dürfen. Dazu sind im Besuchsbereich Laptops aufgestellt worden.

Hafturlaub gibt es zudem nicht mehr. „Gefangene, die für Urlaub infrage kommen, überführen wir stattdessen in den offenen Vollzug“, berichtet Katja Grafweg. Doch die Männer auf den 275 Haftplätzen dürfen ihre Familien ebenfalls nicht treffen. Lediglich ist es ihnen erlaubt, das Gelände zum Arbeiten zu verlassen. Und zum Einkaufen in Lüttringhausen.

Eineinhalb Stunden dürfen sie dazu fernbleiben. „Das reicht nicht, um zum Beispiel die Familie in Wuppertal zu besuchen“, sagt Katja Grafweg. „Allerdings kann ich nicht kontrollieren, ob die Ehefrau vielleicht an der nächsten Ecke im Auto wartet.“ Also muss sie den Häftlingen ein Stück weit vertrauen, dass sie Kontakte meiden, um das Virus nicht in die Haftanstalt zu tragen.

Die Entwicklung gibt ihr Recht. Stand heute gab es keinen Coronafall in der JVA Remscheid. Zwar hatten sich unter den 300 Beschäftigten einige Vollzugsbeamte mit dem Virus infiziert, allerdings war das früh genug bemerkt worden und die Infizierten hatten sich in Quarantäne begeben.

Das Justizministerium hat die 36 Gefängnisse im Land mit Schnelltests ausgerüstet. Auch Geistliche und Therapeuten, die die Haftanstalt weiterhin besuchen dürfen, werden regelmäßig getestet. Gottesdienste, das Freitagsgebet für Muslime, Sport und Therapien dürfen so weiter stattfinden. Auch der regelmäßige Umschluss mit anderen Insassen. Fazit: „Ich erlebe unsere Gefangenen als sehr duldsam und gelassen gegenüber den Schutzmaßnahmen“, sagt Katja Grafweg.

Das unterstreicht Marion Fabricius, die ihren neun Langzeitinhaftierten heute Briefe schreibt. Im Gespräch ging es oft um den Umgang mit der eigenen Schuld. „Ich wollte den Kontakt nicht abbrechen lassen“, sagt die Lehrerin, die an der Sophie-Scholl-Gesamtschule Deutsch und Kunst unterrichtet. Die Männer zeigten sich dankbar. Nachdem sie den ersten Brief ihrer Gruppenchefin in Händen hielten, schmissen sie zusammen. „Und dann haben sie mir einen dicken Blumenstrauß geschickt“, erzählt Marion Fabricius. Zum Dank dafür, dass sie ihnen erhalten bleibt.

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Remscheid. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Ein Todesfall

Die Stadt vermeldet einen weiteren Todesfall in Zusammenhang mit Covid-19. Eine 87-jährige Remscheiderin ist an beziehungsweise mit dem Coronavirus gestorben. Die Krankenhäuser vermelden 28 Behandlungsfälle, davon liegen sechs auf der Intensivstation.

Standpunkt

axel.richter@rga-online.de

Ein Kommentar von Axel Richter

Nicht alle zeigen sich geduldig. Durchaus gibt es Klagen und Beschwerden, dazu anonyme Anschuldigungen, die den RGA aus der JVA Remscheid erreichen. In ihrer übergroßen Mehrheit aber befürworten ausgerechnet jene die Corona-Schutzmaßnahmen, die mit am stärksten unter den Kontaktbeschränkungen zu leiden haben. Seit beinahe einem Jahr dürfen Gefängnisinsassen ihre Angehörigen nicht mehr in die Arme schließen. Bei den ohnehin seltener gewordenen Besuchen im Knast sind Berührungen ausgeschlossen, Hafturlaube gibt es nicht mehr. Was bleibt ist die Unterhaltung via Skype. Die Insassen nehmen das alles nicht nur hin, sondern sie fordern ihre Angehörigen sogar dazu auf, nicht auf Besuch zu kommen. Weil sie die Sorge umtreibt, die Familie steckt sich im Bus oder im Zug nach Lüttringhausen an. Wie erbärmlich wirken dagegen die Proteste von Menschen, die davon reden, das Tragen einer Gesichtsmaske schränke ihre bürgerlichen Freiheitsrechte ein. Was Respekt und Rücksichtnahme für andere angeht, können sie von den Insassen der JVA Remscheid noch so einiges lernen.

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