Bürger gehen nicht ans Telefon

Kontaktverfolgung: Gesundheitsamt in Remscheid stößt an seine Grenzen

Immer wieder werden die Ermittler vom Gesundheitsamt in ihrer Sisyphusarbeit unterstützt: Auch die Bundeswehr hilft. Archivfoto: Michael Schütz
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Immer wieder werden die Ermittler vom Gesundheitsamt in ihrer Sisyphusarbeit unterstützt: Auch die Bundeswehr hilft.

Die Kontaktverfolger kommen nicht mehr hinterher. Die Ermittler setzen jetzt Prioritäten.

Von Andreas Weber

Remscheid. Die Kontaktverfolger des Gesundheitsamtes stoßen an ihre Grenzen. In 21 Monaten Pandemie erleben sie gerade ihre härteste Zeit. „Bis vor zwei Wochen kamen wir noch tagesaktuell durch die vierte Welle, lagen gut in den Ermittlungen, aber mittlerweile müssen wir uns erst einmal auf die positiven Fälle beschränken“, stellt Jens Pfitzner, Fachdienstleiter Gesundheitswesen fest. Die hohen Zahlen fordern ihren Tribut. „Alles, was über einer Inzidenz von 200 liegt, lässt sich mit den bestehenden personellen Ressourcen nur noch unzureichend aufarbeiten.“

Mit 393 erreichte die Inzidenz Ende vergangener Woche einen absoluten Höchststand in Remscheid, gleiches galt am Freitag für die 112 Neuzugänge in dieser Stadt. „Wir hoffen, dass wir mit heute 23 Fällen bei einer Inzidenz von 379 den Gipfel vielleicht überschritten haben“, wünscht sich Pfitzner einen Abwärtstrend, wissend, dass Omikron noch nicht in Remscheid angekommen ist, bis auf eine Familie, die nach einem Südafrika-Aufenthalt vorsorglich in Quarantäne beordert wurde.

Momentan wählen sich die 25 Mitarbeiter an den Telefonen die Finger wund, um Positive und Kontaktpersonen zu erreichen. „Es ist leider so, dass wir nach mehreren vergeblichen Anrufen aufgeben und eine Ordnungsverfügung rausschicken“, bedauert Pfitzner. Eigentlich müssten sich Positivgetestete zu Hause befinden, aber: „Ein Viertel der Leute erreichen wir mit dem ersten Anruf nicht.“ Für die Ermittler liegt die Vermutung nahe: „Viele sind nach der langen Coronastrecke müde, sich damit auseinanderzusetzen.“

Aber auch in seinem Amt hat der Dauerstress Spuren hinterlassen, beobachtet Pfitzner. Nicht nur, dass ab Herbst die krankheitsbedingten Ausfälle zunahmen, auch die Motivation hat gelitten, weil ein Ende absolut nicht in Sicht ist, im Gegenteil die Zahlen explodieren. Alle diese Faktoren hätten dazu geführt, sagt Pfitzner, dass nach oben keine Luft mehr sei. Die vier zusätzlichen Bundeswehrsoldaten, die dem Team im Gesundheitsamt gerade an die Seite gestellt wurden und außerhalb im Rathaus ihren Dienst versehen, sind eine wertvolle Erleichterung, ohne dass das Gesundheitsamt insgesamt Land sieht.

„Ein Viertel der Leute erreichen wir mit dem ersten Anruf nicht.“

Jens Pfitzner, Gesundheitsamt

Bis auf eine kurze Auszeit in 2020 wird auch an Wochenenden gearbeitet. Sieben Tage die Woche sind die 20 Ermittler (inklusive Bundeswehr) plus fünf weitere sogenannte Corona-Begleiter im Einsatz. Letztere telefonieren während der Quarantäne die Erkrankten ab und fragen nach deren Gesundheitszustand. „Ursprünglich haben wir das jeden Tag gemacht, haben diese Praxis aber zusehends eingeschmolzen. Meistens melden wir uns nur noch in der Mitte und zum Schluss“, meint Jens Pfitzner.

Remscheid: So lange muss man in Quarantäne bleiben

Wer wie lange in die häusliche Isolation verbannt ist, dafür gibt es sehr unterschiedliche Regeln. Prinzipiell gilt 14 Tage Quarantäne ab Testtag. Wer aber doppelt geimpft oder genesen ist, kann sich ab dem 6. Tag nach Ergebnis freitesten. Bei Kontaktpersonen sind es zehn Tage Quarantäne, freitesten ist möglich nach fünf Tagen mit einem PCR-Test oder nach sieben Tagen mit einem Schnelltest. Bei Schülern, die wöchentlich mehrmals gecheckt werden, reicht nach fünf Tagen ein Schnelltest.

Vier Impfstellen sollen in Remscheid das Tempo erhöhen

Die Arbeit des Gesundheitsamtes erleichtert hat eine Maßnahme der Stadt, die in der vergangenen Ratssitzung für Nachfragen sorgte. Einzelverfügungen für alle Schüler eines Klassen- oder Kursverbandes werden seit vergangenen Donnerstag ersetzt durch Allgemeinverfügungen, die in einem Amtssonderblatt der Stadt im Internetportal www.remscheid.de abrufbar sind. Die Ermittler spüren dadurch Entlastung. „In den Schulen hatten wir Außenstände von 400 Ordnungsverfügungen. Wir kamen nicht hinterher“, macht Pfitzner die Notwendigkeit deutlich.

So steht jetzt auf der Homepage nachzulesen, welche Klassen mit Schülern, Lehrern und Betreuern betroffen sind – ohne dass alle individuell kontaktiert werden müssen. Und das wären zurzeit enorm viele. Momentan weist das Amtssonderblatt zwei komplette Klassen der AES, eine des GBG, Nelson-Mandela-Schule sowie der GGS Siepen, Eisernstein und Am Stadtpark aus. Stadtsprecherin Viola Juric betont: „Wir ändern nichts an Art und Qualität der Quarantäne, es geht nur um das Instrumentarium. Mit einer online gestellten Allgemeinverfügung geht alles viel schneller.“

Impfmobil AOK

Die AOK beteiligt sich mit einem Impfmobil am 15. und 16. Dezember auf dem Schützenplatz am Stadtpark (10 bis 17 Uhr). Dort gibt es Erst-, Zweit- oder Auffrischungsimpfungen. Um die 100 Impfungen (meist mit Moderna) sind täglich möglich – ohne Voranmeldung.

Standpunkt: Mit Felsblock Berg hinauf

Ein Kommentar von Andreas Weber

andreas.weber@rga.de

Sisyphus entstammt der griechischen Mythologie und meint eine Arbeit, die so komplex und schwierig ist, dass sie wohl nie zufriedenstellend erledigt werden kann. An den König Korinths müssen sich die diejenigen im Gesundheitsamt erinnert fühlen, die seit fast zwei Jahren täglich aufs Neue, wie in der Sage beschrieben, einen Felsblock den Berg hinaufwälzen, auf dass dieser jedes Mal wieder ins Tal rollt. Für die Kontaktverfolger ist ihr Telefondienst keine Strafe, sondern ihr Job. Ein höchst elementarer, denn ohne ihren Dauereinsatz wären Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar. Je länger die Pandemie anhält, umso unbefriedigender und beschwerlicher wird jedoch das Zusammentragen von Informationen. Ebenso ausgelaugt wie das Verwaltungspersonal sind auf der anderen Seite auch viele Bürger, und wohl nicht nur die, die bei Corona von Anfang an quergedacht haben. Ohne die Mithilfe aus der Bevölkerung geht es jedoch nicht. So schwer es auch nach dieser nicht endenwollenden Zeit fällt, Infizierte müssen mithelfen, die Behörden aufklären, sich an Spielregeln halten, vor allem aber ans Telefon gehen.

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