Regenerative Energien

Kommt in Remscheid bald Strom vom Denkmal-Dach?

Dächer gibt es in der Lenneper Altstadt einige. Geht es nach der Landesregierung, könnte dort bald Photovoltaikanlagen installiert werden. Was Denkmalschutzverbände kritisieren, freut die Wirtschaft. Foto: Roland Keusch
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Dächer gibt es in der Lenneper Altstadt einige. Geht es nach der Landesregierung, könnte dort bald Photovoltaikanlagen installiert werden. Was Denkmalschutzverbände kritisieren, freut die Wirtschaft.

Durch eine Gesetzesänderung könnten in Remscheid Hunderte Dächer für Solaranlagen hinzukommen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Auf den sprichwörtlich letzten Drücker, in der vorletzten Sitzung dieser Legislaturperiode, hat der NRW-Landtag in der vergangenen Woche das neue Denkmalschutzgesetz verabschiedet. Während viele Fachverbände die Novelle kritisieren – sie schade dem Ruf des Landes als Kulturland, heißt es vom Denkmalschutz-Bündnis NRW – freuen sich die Vertreter der Solarwirtschaft. Denn das neue Gesetz soll es ermöglichen, auch auf denkmalgeschützten Gebäuden Photovoltaik- oder Solarthermieanlagen zu installieren.

Dadurch könnten in Remscheid einige Hundert Dächer für die Stromerzeugung hinzukommen, nicht zuletzt in den Altstädten von Lennep und Lüttringhausen. Rund 670 Baudenkmäler zählt die Verwaltung aktuell in der Stadt, etwa 100 davon sind Kirchen, Verwaltungsgebäude oder auch Brücken, also keine Wohngebäude. Doch die mehr als 500 Gebäude, die übrigbleiben, könnten für die Energiewende mitentscheidend sein, sagt Florian Bublies. Der fürs Bergische zuständige Energieberater der Verbraucherzentrale NRW rechnet aufgrund der Gesetzesänderung mit einer deutlich erhöhten Nachfrage nach PV-Anlagen in den kommenden Monaten: „Es ist auch notwendig, dass wir dieses Solarpotenzial heben.“

Energieberater Florian Bublies begrüßt das neue Gesetz.

Dabei sind die praktischen Folgen des Gesetzes, das am 1. Juni in Kraft tritt, aus Sicht der Stadt noch gar nicht klar. Nach dem Landtagsbeschluss in der vergangenen Woche seien die Änderung am Montag über die Bezirksregierung an die Verwaltung kommuniziert worden, berichtet Stadtsprecherin Viola Juric. Deswegen könnten die konkreten Auswirkungen derzeit noch nicht benannt werden.
Lesen Sie auch: Remscheid macht weitere Schritte in Richtung Solarstadt

Eine wesentliche Änderung steckt in Paragraf 9, der die „Erlaubnispflichtige Maßnahmen“ regelt. Steht dort bisher, dass die Behörde „Belange des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege entsprechend diesem Gesetz in angemessener Weise zu berücksichtigen“ habe, gilt ab Juni: „Bei der Entscheidung sind insbesondere auch die Belange des Wohnungsbaus, des Klimas, des Einsatzes erneuerbarer Energien sowie der Barrierefreiheit angemessen zu berücksichtigen.“

Handwerk wird zum Flaschenhals

„Die Prüfung und Berücksichtigung dieser Belange ist bereits gängige Praxis bei unserer Denkmalbehörde“, sagt Stadtsprecherin Juric. Doch der Landesverbands Erneuerbarer Energien in NRW weist auf landesweit „etliche Projekte“ im Bereich Solar hin, die „durch den Denkmalschutz blockiert werden“. Man freue sich, dass der Denkmalschutz in Zukunft zu keiner pauschalen Ablehnung solcher Vorhaben führe, sagt dessen Vorsitzender Reiner Priggen.

Derweil fürchten Kritiker, dass in Zukunft Fragen außerhalb des Denkmalschutzs den Ausschlag in den Verfahren geben werden. Man müsse damit rechnen, dass künftig „wirtschaftliche Interessen über den Erhalt oder Abriss wertvoller Baudenkmäler entscheiden“, sagt der Verband der Restauratoren.

Doch egal, wie das Gesetz ausgelegt wird, dass die Lenneper Altstadt in den kommenden Monaten mit Solarmodulen zugepflastert wird, müsse man kaum befürchten, sagt Energieberater Bublies. Denn die Kapazitäten des Handwerks und der Energieberater und Fachplaner würden sich auf absehbare Zeit als „Flaschenhals“ erweisen: „Hier ist es derzeit bereits so, dass sie auf mindesten sechs Monate keine Termine bekommen.“ Zudem würden die Preise für Handwerker immer weiter steigen. „Die Nachfrage regelt den Preis, aber der Verbraucher muss Klimaschutzmaßnahmen auch zukünftig noch bezahlen können.“

Hintergrund

Egal, ob Denkmal oder nicht, die mögliche Anschaffung einer PV-Anlage sollte – trotz der langen „artezeiten – im Vorfeld durch einen Energieberater „abgeklopft“ werden, rät Florian Bublies von der Verbraucherzentrale: „Der zweite Schritt ist dann natürlich der Kontakt zu Fachunternehmern, um konkrete Angebote einzuholen.“ Termine können über die Beratungsstelle vor Ort vereinbart werden. remscheid@ verbraucherzentrale.nrw

Auskunft zu diesen Themen kann auch die Remscheider Stadtverwaltung erteilen. klimaschutz@remscheid.de

Standpunkt: Nutzen heißt Schützen

Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey @rga.de

Von einer Hauruck-Aktion sprechen die Kritiker des neuen NRW-Denkmalschutzgesetz, die sich einen breiten politischen Konsens bei so einem wichtigen Thema gewünscht hätten. Und tatsächlich ist es auffällig, wie viel Mühe sich Schwarz-Gelb gegeben hat, die Novelle noch in dieser Legislaturperiode durch den Landtag zu jagen. Doch bei allen, zum Teil berechtigten, Gegenargumenten, die Stoßrichtung des neuen Gesetzes stimmt. Denn nur wenn die denkmalgeschützten Häuser wirklich genutzt werden, rund 80 Prozent der Baudenkmäler in NRW sind in Privatbesitz, werden sie auch erhalten. Wer in der Altstadt schon auf ausreichende Parkmöglichkeiten verzichten muss, soll sein Haus nun zumindest barrierefrei(er) gestalten dürfen. Und auch bei Energieverbrauch nicht mehr draufzahlen müssen, was auch aus ökologischer Sicht Sinn ergibt. Ohne diese Änderung könnte das Bewohnen eines Denkmals bald so unattraktiv werden, dass sich niemand mehr um die Gebäude kümmern will. Und das schadet dem Denkmalschutz sicherlich noch mehr.

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