Klimawandel

Experten sagen Hitze und Fluten für Remscheid voraus

Das überflutete Freibad im Eschbachtal nach dem Starkregen am 14. Juli 2021
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Das überflutete Freibad im Eschbachtal nach dem Starkregen am 14. Juli 2021
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Die Wetterextreme nehmen in Zukunft weiter zu – Remscheid ist darauf nur bedingt vorbereitet

Remscheid. Im Sommer 2020 war die Wuppertalsperre bis auf 26 Prozent ihres Stauvolumens trockengefallen, und das Wasser im Morsbach reichte nicht einmal mehr bis zum Knöchel. Ein Jahr später konnte die Talsperre das Wasser buchstäblich nicht mehr halten, flutete große Teile von Wuppertal und Unterburg, und in Remscheid setzte der Morsbach ganze Firmen unter Wasser. Die Remscheider werden sich an solche Wetterextreme gewöhnen müssen.

Das geht aus einer aktuellen Studie des Deutschen Wetterdienstes hervor. Sie sagt den Remscheidern eine Zunahme heißer und trockener Sommer voraus und warnt vor deutlich häufigeren Regenfluten.

Remscheid ist darauf schlecht vorbereitet. Die Universität Potsdam stellt der Stadt und ihren Verantwortungsträgern deshalb keine guten Noten aus: „Weder vonseiten der bisherigen Oberbürgermeister noch von Seiten des Rates der Stadt Remscheid wurden die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung durch aktives Tun vorangebracht“, heißt es stattdessen in einem Bericht zur Resilienz gegenüber extremen Wetterereignissen.

Im Dürrejahr 2020 war der Zufluss vom Niederfeldbach in die Wupper-Talsperre versiegt. 

Dabei lassen die Zukunftsprojektionen des Deutschen Wetterdienstes für Remscheid nicht viel Gutes erwarten. „Werden die CO2-Emissionen zeitnah gesenkt, wird es bis Ende des Jahrhunderts ‘nur‘ eine Zunahme der Sommertage um 5 bis 13 geben“, heißt es in der Studie. „Ist dies nicht der Fall, könnte die Zahl der Sommertage um 26 bis 49 zunehmen.“

Die Wissenschaftler rechnen mit letzterem: „Da ungewiss ist, auf welchem Pfad sich die Menschheit begeben wird, muss damit gerechnet werden, dass die Temperatur – und somit die Gefährdung insbesondere der Stadtbewohner durch Hitze – weiter zunehmen wird.“

Die Begrünung von Dächern und Fassaden gilt als ein Mittel dagegen. Beispiel dafür ist die Südwand der Daniel-Schürmann-Grundschule. Die Pfeifenwinde, der Baumwürger und Kletterrosen ranken daran empor. Sie sollen die Umgebungstemperatur senken.

„Weder die OB noch der Rat haben den Klimaschutz vorangebracht.“

Uni Potsdam

Dafür, für die energetische Sanierung städtischer Gebäude und den Einsatz alternativer Energien hat die Uni Potsdam viel Lob übrig. Kritik üben die Wissenschaftler dagegen an der Verkehrsplanung in Remscheid. Sie habe sich „sehr stark an den Bedürfnissen von Pkw-Fahrern orientiert“. Nun gibt es erste rot markierte Radfahrstreifen, die sich wie ein Flickenteppich durch die Stadt ziehen. Darüber hinaus bietet die Stadt ihren Bürgern Planungsunterlagen. Zum Beispiel ein Solarkataster, aus dem der Hausherr ersehen kann, ob es sich für ihn lohnt, sein Dach mit Kollektoren auszurüsten. Und eine Starkregenkarte, aus der hervorgeht, welche Objekte gefährdet sind. „Konzeptionell sind wir gut aufgestellt“, sagt Frank Frisch, Leiter der Abteilung Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Mobilität bei der Stadt: „Für viele konkrete Maßnahmen fehlt uns aber das Geld.“

In einem aktuellen Antrag fordert die CDU das Einwerben von Fördermitteln auch für Privathäuser. Begrünte Dächer sollen das Stadtklima verbessern. Dazu „möchten wir den Schwerpunkt auf finanzielle Anreize und nicht auf Verbote und Vorschriften legen“, sagt Ratsfraktionschef Markus Kötter. Dagegen beschlossen SPD, Grüne und FDP ohne die Stimmen der Christdemokraten im Mai, Remscheid zur Solarstadt zu machen. Dazu soll jeder Bürger in einen Fonds für Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden einzahlen können.

Oberbürgermeister aus Remscheid, Wuppertal und Solingen treffen sich zum Wassergipfel

Die Energie und Wasser für Remscheid GmbH hat unterdessen Fakten geschaffen. Das Tochterunternehmen der Stadtwerke nimmt ihr 2004 stillgelegtes Wasserwerk an der Eschbachtalsperre wieder in Betrieb. Im Verbund mit der Neyetalsperre soll die Eschbachtalsperre Trinkwasser liefern, wenn die Große Dhünn-Talsperre eines trockenen Sommers nicht mehr genug Wasser liefern sollte.

Gegen neue Regenfluten, wie sie zuletzt im Juli dieses Jahres vom Himmel fielen und insbesondere die Anrainer des Morsbachtals unter Wasser setzten, ist die Stadt weniger gut vorbereitet. Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) will sich im September mit seinen Amtskollegen in Wuppertal und Solingen zu einem Wassergipfel treffen. „Wasser kennt keine Stadtgrenzen“, sagt er.

Die Hochwasseropfer am Morsbach sind skeptisch. Sie fordern mehr Platz für den Bach vor ihren Toren. Und zwar bevor, wie von den Experten vorausgesagt, die nächste Welle in ihre Firmen schwappt.

Das sagt die Forschung

Der Deutsche Wetterdienst sagt Remscheid steigende Jahresdurchschnittstemperaturen mit großer Hitze und Starkregenereignissen voraus. Je nach Szenario gehen die Forscher von einem Anstieg der Temperaturen zwischen 1,5 und 2,6 beziehungsweise zwischen 3 und 4,4 Grad aus. Die Häufung der Starkregenereignisse bereitet Sorge. Bereits 2007, 2013 und 2018 kam es zu Überflutungen.

Um Städte besser gegen Hitze und Starkregen zu wappnen, hat die Uni Potsdam Remscheid mit Potsdam und Würzburg in eine Fallstudie aufgenommen. Im Vergleich mit andern Städten sei Remscheid im Klimaschutz vergleichsweise aktiv, sagen die Forscher. „Auf der anderen Seite fehlt eindeutig die Unterstützung von Seiten der in Remscheid maßgeblichen politischen Entscheidungsträger.“

Standpunkt: Keine Zeit für Kleinklein

axel.richter@rga.de

Kommentar von Axel Richter

Früher als viele andere Großstädte hat Remscheid sich auf den Weg in eine wärmere Zukunft begeben. Das verhehlen die Wissenschaftler der Uni Potsdam nicht und nennen Remscheids Klima- und Energiepolitik im Hinblick auf die kommunalen Gebäude vorbildlich. Auf gesamtstädtischer Ebene sehen sie allerdings noch erheblichen Verbesserungsbedarf und vermissen dafür „eindeutig die Unterstützung vonseiten der in Remscheid maßgeblichen politischen Entscheidungsträger“. Ein Beispiel: Zu viele Flächen sind versiegelt. Sie sorgen im Sommer für zusätzliche Hitze und lassen das Wasser nicht versickern. Der Friedrich-Ebert-Platz ist ein Paradebeispiel für eine Stadtplanung, die abgesehen von der Scheußlichkeit ihrer Ergebnisse deshalb keinen Bestand mehr haben kann. Der geplante Umbau des Busbahnhofs ist auch deshalb richtig, allerdings lässt sich die Stadt damit schon viel zu lange Zeit. Remscheid muss sich schneller und stärker als bisher auf die Veränderungen vorbereiten und darf dabei nicht im kommunalpolitischen Kleinklein zur Dachbegrünung verharren. Das hält Morsbach und Eschbach nämlich nicht in ihrem Bett.

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