Kirchenkreis

Darum treten viele aus der Kirche aus

„Jeder Kirchenaustritt tut weh“: Superintendentin Antje Menn will dazu beitragen, den Mitgliederschwund abzubremsen. Foto: Roland Keusch
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„Jeder Kirchenaustritt tut weh“: Superintendentin Antje Menn will dazu beitragen, den Mitgliederschwund abzubremsen.
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Der Mitgliederschwund bei den Protestanten hält an. Mit Ideen und Visionen soll der freie Fall gebremst werden.

Remscheid. Seit zehn Jahren verlieren die evangelischen Kirchengemeinden in erheblichem Maße Mitglieder. 2021 haben sich im Kirchenkreis Lennep 667 Gläubige abgemeldet, 487 waren es im Jahr davor. Rechnerisch liegt der Schwund in Remscheid und Umgebung bei 1,4 Prozent der insgesamt 58 208 Gemeindeglieder. Ein Wert, der zwar im Schnitt der Evangelischen Kirche Rheinland (EKiR) liegt, trotzdem alarmiert. „Jeder Kirchenaustritt tut weh und lässt mich überlegen, was wir möglicherweise falsch gemacht haben und wie wir mehr Bindungskraft gewinnen“, erklärt Superintendentin Antje Menn.

EKiR-Erhebungen wie die Beobachtungen der Kircheneintrittsstelle in der Citykirche Remscheid belegen, dass der finanzielle Aspekt beim Austritt die größte Rolle spielt. Neun Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer in NRW fließt monatlich an die Kirche. Im Schnitt zahlen Protestanten 278 Euro im Jahr, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt. Auch im Kirchenkreis Lennep gilt deshalb: „Wir müssen intensiver darüber aufklären, was mit der Kirchensteuer geschieht“, fordert Antje Menn.

Wir müssen noch näher dran sein an den Menschen.

Antje Menn, Superintendentin

Dabei nennt die Pfarrerin das soziale Engagement, die Investition in Bildung, Jugendarbeit, Kirchenmusik, Personal und in Gebäude und Gemeindezentren. Bei Letzterem fügt sie hinzu: „Dieses sind ja nicht nur Steine, sondern Orte der Begegnung.“ Nachdem sich Protestanten beim Amtsgericht gegen Zahlung von 30 Euro abgemeldet haben, erkennen viele im Nachhinein dennoch an, dass die Kirche auch Gutes tue, für andere da ist. „Nur bringt man diesen Solidaraspekt nicht in Verbindung mit sich selber“, bedauert Antje Menn.

„Kirche für Klima - Schöpfung bewahren“ heißt es dieses Jahr im evangelischen Kirchenkreis.

Das Positionspapier „EKiR 2030“ setzte vergangenes Jahr dort an, wo die Abgänger ihre Unzufriedenheit mit der Institution äußerten. Tiefgreifende Veränderungen sollen die Kirche mit mehr Vielfalt zukunftsfähig machen. Kirche müsse näher dran sein an den Menschen, mehr Besuche machen und digitale Formate stärken. Bei den Austritten ist es gerade die Klientel zwischen 25 und 40 Jahren, die sich abwendet. Dieser Altersgruppe soll ein besonderes Augenmerk gelten mit Projekten, die auf sie zugeschnitten sind, begleitet von Menschen, die in ihrem Alter sind.

Einige Aussteiger haben den Glauben an Gott verloren

Besonders schmerzlich für die Verantwortlichen ist, dass 15 Prozent der Aussteiger den Glauben an Gott verloren haben wollen. In einer Studie der evangelischen Kirche Deutschland (EKD) heißt es: Rund 55 Prozent seien nie richtig mit dem Glauben vertraut gemacht worden und deshalb ausgetreten. Menn dazu: „Wir müssen uns die Frage stellen: Was kann Glaube an Halt, Orientierung und Trost geben? Wenn Menschen austreten, bekommen wir den Spiegel vorgehalten und müssen uns überlegen, wo wir die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes in die Herzen bekommen.“

Als Beispiel nennt sie den „Kirchenmorgen“, der über Pfingsten (3. bis 5. Juni) an elf Orten in Solingen als „Werkstatt“ stattfinden wird und bewusst die Zweifler in den Gemeinden einbeziehen will mit Ideen und Visionen für eine „Kirche von morgen“. Die Solinger sind Veranstalter, der Kirchenkreis Lennep tritt als Kooperationspartner auf.

Wenn die Berechnungen der von der EKD beauftragten „Freiburger Studie“ von 2019 richtig liegen, werden sich die Mitgliederzahlen in der evangelischen Kirche bis 2060 halbieren. „Mit den momentanen Verlusten würde das bei uns im Kirchenkreis tatsächlich prognostisch so eintreffen“, befürchtet Antje Menn. Dabei spielen aber nicht nur monetäre Gründe und eine verfehlte Kirchenpolitik eine Rolle. „Denn der demografische Wandel trifft auch uns. Aber auch als kleiner werdende Kirche leben wir aus dem Glauben und der Hoffnung für diese Welt“, meint die Superintendentin.

Kircheneintritt

2021 verzeichnete der evangelische Kirchenkreis Lennep 56 Neu- und Wiedereintritte. Im Gegensatz zum Austritt, der beim Amtsgericht gegen Zahlung von 30 Euro dokumentiert werden muss, ist die Aufnahme kostenlos. Die Rote Bank ist hier die Kircheneintrittsstelle. Sie steht in der Stadtkirche am Ambrosius-Vaßbender-Platz 1. Dienstags und donnerstags wird sie von Friedhelm Krämer betreut. Er informiert über den Kircheneintritt und führt ihn auf Wunsch auch direkt aus.

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