Interview

Gewalt an Kindern wird extremer

Birgit Köppe-Gaisendrees leitet die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land.
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Birgit Köppe-Gaisendrees leitet die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land.
  • Simone Theyßen-Speich
    VonSimone Theyßen-Speich
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Birgit Köppe-Gaisendrees ist Leiterin der Kinderschutzambulanz Bergisch Land. Sie spricht im Interview unter anderem darüber, dass immer mehr Kinder von Gewalt betroffen und auf die Hilfe der Mitarbeiter angewiesen sind.

Immer wieder Nachrichten von Gewalt gegen Kinder – auf der anderen Seite Krisen und finanzielle Notlagen. Wie ist die aktuelle Situation der Kinderschutzambulanz Bergisch Land, die ja auch für Solingen mit zuständig ist?

Birgit Köppe-Gaisendrees: Unsere finanzielle Situation ist immer sehr belastend. Jedes Jahr müssen wir 150 000 bis 200 000 Euro über Spenden finanzieren. In jedem Jahr beginnt im Januar wieder die Überlegung, was wir machen können, um das Geld zu bekommen. Ich möchte betonen, dass viele Privatpersonen, Firmen und Serviceclubs uns immer wieder mit Spenden helfen. Wir haben aber auch immer die Auswirkung zu spüren, wenn es Krisen gibt wie den Ukraine-Krieg, Inflation oder die Flutkatastrophe. Dann gehen Spenden nachvollziehbar in eine andere Richtung. Das war im vergangenen Jahr auch so, so dass wir bis in den November sehr beunruhigt waren angesichts der finanziellen Situation. Wir sind froh, dass sich noch spontan Spender gemeldet haben, mit kleinen, aber auch höheren Beträgen. So ist das Jahr zwar nicht mit allzu viel Optimismus geendet, aber auch nicht in der totalen Katastrophe. Aber mit anderen Worten: Zur Aufrechterhaltung unserer Arbeit brauchen wir weitere Spenden.

Wie ist der Bedarf und damit die Arbeit der Kinderschutzambulanz gewachsen?

Köppe-Gaisendrees: Die Entwicklung der Kinderschutzambulanz, die seit 33 Jahren besteht, hat zwei Gesichter. Wir erfahren viel Anerkennung und viel Wertschätzung für unsere Arbeit, werden immer bekannter und arbeiten mittlerweile auf Anregung aus ganz NRW. Das bestärkt uns, dass wir gute Arbeit machen. Wegen des großen Bekanntheitsgrads ist es mittlerweile so, dass alle Kinder, die vorgestellt werden, von schwerster Gewalt betroffen sind. Zu uns kommen also nicht mehr die Familien, bei denen die Eltern noch versuchen, eine kritische Situation gemeinsam zu lösen. Die Kinder, die wir sehen, sind alle von schwerer Vernachlässigung, körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt betroffen. Häufig sehen wir auch Mischformen mehrerer Gewaltformen. Das macht uns sehr betroffen.

Wie schaffen Sie und Ihr Team es, mit diesen Herausforderungen umzugehen?

Köppe-Gaisendrees: Ich bin seit 30 Jahren in der Kinderschutzambulanz, auch meine Kolleginnen und Kollegen beobachten die Situation seit langem. Manchmal denkt man auch nach der langen Zeit: „Das darf es doch nicht geben!“ Wir haben sehr viele Kinder gesehen, die schrecklichen Gewalterfahrungen erlitten haben. Das viele Leid wirkt sich auch auf das Team aus, einige Kollegen haben selbst kleine Kinder. Auch innerhalb des Teams muss man unterstützen, weil die psychische Belastung groß ist. Zudem ist die Arbeitsbelastung auch deshalb hoch, weil zwei Stellen derzeit nicht besetzt sind.

Wie hat sich die Zahl der betroffenen Kinder erhöht?

Köppe-Gaisendrees: 2022 hatten wir etwa 500 Fälle, das sind deutlich mehr als die etwa 400 Fälle, die wir sonst jährlich im Schnitt hatten. Aber auch das haben wir trotz des reduzierten Teams gestemmt.

Wie hat sich die Art der Arbeit geändert?

Köppe-Gaisendrees: Die Schwere der sexuellen Gewalt, Pornoringe, Chatverläufe, Internet – das alles gab es zu Beginn meiner Arbeit vor 30 Jahren noch nicht. Damals gab es auch sexuelle Gewalt, aber nicht in der Form, dass der eigene Vater das Kind im Internet anbietet, dass kleine Mädchen zur Entjungferung präsentiert werden. Wir haben viele Fälle von Hausdurchsuchungen, bei denen Kinderpornos gefunden werden von Männern, die selber Väter sind. Wir hatten in diesem Jahr auch Kinder aus den Missbrauchskomplexen, etwa in Bergisch Gladbach. Das sind sehr dramatische Situationen.

Gibt es für diese Kinder, wenn bei Ihnen die schnelle Hilfe und erste Diagnostik stattgefunden hat, dann genug Therapieangebote?

Köppe-Gaisendrees: Auch das Angebot ist beschränkt. Die Jugendämter haben oftmals für die Kinder, die fremduntergebracht werden müssen, keine Plätze in der Nähe. Kinder, die stationär in der benachbarten Kinderklinik des Sana-Klinikums behandelt werden, versuchen wir, länger dort zu halten. Heimunterbringungen und Pflegefamilien sind rar. Die Jugendämter sind deshalb oft in dem Dilemma, dass sie die akute Kindeswohlgefährdung im Haus der Eltern sehen, aber teilweise durch ganz Deutschland telefonieren müssen, um das Kind unterzubringen.

Wie sehr belastet es Ihre Arbeit zu sehen, dass Therapieangebote fehlen?

Köppe-Gaisendrees: Die Kinderschutzambulanz ist ja die Stelle, an der Kinder sich andocken, sich anvertrauen, etwas erzählen. Die Stelle, die Kindern den Raum gibt, ihre Sorgen loszuwerden. Es ist schwer, dann zu sehen, dass im nächsten Schritt keiner weiß, wohin mit dem Kind. Manchmal ist die eigentliche Arbeit mit dem Kind sehr berührend, aber weniger stressig als das ganze Drumherum, Telefonieren und Organisieren.

Welche Wünsche haben Sie im Bezug auf Ihre Arbeit für das neue Jahr?

Köppe-Gaisendrees: Der größte Wunsch ist eine stabile Finanzierung, damit die Sorge aufhört, jedes Jahr im Januar zu schauen, wie es weitergeht. Das ist für die Mitarbeiter der Verwaltung eine große zusätzliche Belastung. Insgesamt hat die Kinderschutzambulanz jährliche Kosten von 800 000 Euro. Ein Teil kommt aus Töpfen des Landes NRW, ein weiterer großer Teil wird als Fachleistungsstunden mit den Jugendämtern abgerechnet. Für die Sekretariatsarbeit, ohne die wir nicht arbeiten können, gibt es aber beispielsweise gar keine Finanzierung. Und bei dem großen Bedarf müssten wir eigentlich Stellen aufstocken, das können wir aber nicht, wenn wir nicht wissen, wie wir sie bezahlen sollen.

Zur Person

Birgit Köppe-Gaisendrees ist 63 Jahre alt und Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land.

kinderschutzambulanz-01.jimdofree.com

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