RGA-Hilfsaktion

Kinderschutzambulanz: „Der Finanzbedarf wird 2021 steigen“

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Dorothea Schauf (50) ist in der Ärztlichen Kinderschutzambulanz für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Dr. Thomas Schliermann (66) ist Vorsitzender des Vereins sowie Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin/Neuropädiatrie. Er untersucht zweimal die Woche Kinder in der Ambulanz.

Dorothea Schauf und Dr. Thomas Schliermann über Spenden, Verluste und Herausforderungen.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek 

Frau Schauf, Herr Dr. Schliermann, wie ist die Ärztliche Kinderschutzambulanz aufgebaut?

Dr. Thomas Schliermann: Gegründet wurde die Ärztliche Kinderschutzambulanz bereits 1989 von Ärzten der Kinderklinik, sie hieß damals noch Ärztliche Beratungsstelle. Damals gab es ein Landesprogramm, das vorsah, den Kinderschutz zu verbessern, indem Ärzte eine offene Sprechstunde anboten. Es sollte ein niederschwelliges Angebot sein. Die Idee dahinter war, dass Eltern, deren Kinder Misshandlungen passiert sind oder drohten, immer ein schlechtes Gewissen haben. Nun konnten sie sich einem Arzt anvertrauen, ohne Strafe zu befürchten. Aus dem kleinen Team ist im Laufe der Zeit ein interdisziplinäres geworden. Immer wichtig war und ist die Verbindung zum Sana-Klinikum.

Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Abteilungen des Klinikums mit besonderen Erfahrungen im Kinderschutz arbeiten hier mit der Kinderschutzambulanz fachübergreifend zusammen und bilden dabei auch Assistenzärzte aus. Dabei beteiligt sind die Kinder- und Jugendpsychiatrie, das Sozialpädiatrische Zentrum, die Unfallchirurgie und die Frauenklinik mit Geburtshilfe. In die Ambulanz der Unfallchirurgie kommen Eltern, wenn etwas passiert ist. Die Unfallchirurgen haben wir entsprechend geschult. Ein Oberschenkelbruch bei einem Säugling passiert beispielsweise nicht durch einen Unfall. In dem Fall ist es keine natürliche Verletzung, sondern sie muss zugefügt worden sein. Hier schauen die Chirurgen genau hin. Genauso wichtiger Partner ist die Gerichtsmedizin.

Welche Fälle werden bei Ihnen behandelt?

Dr. Thomas Schliermann: Nur die schwerwiegenden. Leichtere Fälle sind eher in der Beratungsstelle aufgehoben. Wir sind auf der Skala von Gewalt gegen Kindern im High-End-Bereich, wo körperliche Versehrtheit von Kindern in Gefahr ist. Und wir arbeiten überregional. Die Hälfte der Kinder kommt aus Remscheid, die andere aus ganz Nordrhein-Westfalen. Wir arbeiten mit etwa 30 Jugendämtern aus NRW zusammen. In der Kinderklinik haben wir fünf Betten, die wir immer belegen können.

Die Kinderschutzambulanz ist ein Verein. Wie finanzieren Sie die Arbeit?

Dorothea Schauf: Wir bekommen Zuschüsse vom Land und von der Stadt. Für das Personal aus dem medizinischen Sektor erhalten wir auch Zuschüsse. Zudem können wir die Stunden, die die Therapeuten mit den Kindern verbringen oder für die Erstellung der Berichte, mit den Jugendämtern über die Fachleistungsstunden abrechnen. Der Stundensatz liegt derzeit bei um die 67 Euro. Das macht einen großen Teil unserer Finanzierung aus, aber es bleibt immer noch eine große Lücke: 20 bis 25 Prozent der Gesamtaufwendungen müssen wir selber aufbringen. Und das geht nur durch Spenden. Deshalb immer wieder der Aufruf, uns nicht zu vergessen. Wir müssen jedes Jahr aufs Neue die Klinken putzen und etwa 200 000 Euro einwerben. Und nächstes Jahr wird es mehr, dann sind es 250 000 Euro, weil wir unser Personal aufstocken. Wir haben aber das große Glück, dass wir durch unsere langjährige Arbeit mittlerweile bekannt sind und uns viele Förderer daher schon seit Jahren unterstützen, unter anderem die Service-Clubs, aber auch Firmen, wie jetzt ja auch der RGA mit „Helft uns helfen“, und Privatspender. An sie können wir uns immer wenden.

Schliermann: Wir sind ein eingetragener Verein, der nicht gewinnbringend arbeitet. Der Vorstand arbeitet ehrenamtlich. Die Kinderschutzambulanz wird nicht von den Krankenkassen bezahlt. Die Zuschüsse von Land und Stadt sind aber letztes Jahr gestiegen. Von beiden erhalten wir jeweils 30 000 Euro. Aber beides deckt nur etwa 11 Prozent unserer Kosten ab. Umso wichtiger sind die Spenden.

Wie hoch ist das Defizit im Corona-Jahr 2020?

Schauf: Dafür, dass die Situation so finster ist, können wir uns nicht beklagen. Um die 40 000 bis 50 000 Euro könnten wir aber noch gebrauchen. Schöne Aktionen wie Sommerfest, Firmenlauf und Co. konnten dieses Jahr wegen Corona leider nicht stattfinden.

Kommt die Kinderschutzambulanz an ihre Grenzen?

Schliermann: Ja. Wir sind total am Anschlag. Und befinden uns dabei in einer emotionalen Klemme – denn jede Anfrage ist eine dringende. Es fragen nur die Jugendämter an, die selbst nicht weiterkommen. Die Schwere der Fälle nimmt zu. Wir gehen davon aus, dass coronabedingt mehr Fälle hinzukommen werden. Das ist auch ein Grund, warum wir 2021 um anderthalb Stellen aufstocken. Mit mehr Kapazitäten können wir mehr Fälle behandeln. Hinzu kommen die Kinder, die im Zuge der kinderpornografischen Ermittlungen enttarnt werden. Stichwort Münster oder Bergisch Gladbach. Das ist eine besondere Herausforderung für uns, auch emotional: Kinder werden dabei gehandelt wie Ware. Wir haben zudem viele junge Kinder, viele Säuglinge. Je jünger die Kinder, desto höher das Risiko.

Wofür möchten Sie das Spendengeld von „Helft uns helfen“ anlegen?

Schauf: Für das neue Personal müssen wir die Räume umstrukturieren. Dafür brauchen wir Möbel und Arbeitsmaterial. Aber auch Spielmaterialien für die Kinder.

Sie haben bereits gespendet

Diese Leser haben bereits gespendet, wofür wir uns recht herzlich bedanken möchten: Bernhard und Rosemarie Finger, Joachim und Ulrike Hartenstein, Ursula Nobis, Werner und Erika Trusheim, Brigitte Kunzig, Gunter und Marie Luise Schwanbeck, Karl Heinz Kumschier, Karin Wieber, Klaus und Doris Courtz, Herbert und Heidemarie Schmidt, Hans und Sigrid Benscheid, Walter und Petra Sieh, Heinz Schwandrau, Ulrike Ohler, Dietmar und Ingrid Hirschl, Albert Herrmann, Renate Pfeng, Gabriele Gertrud Habermann, Wolfgang und Carola Seepold, Erika Witte, Christel Schmidt, Dieter und Ingrid Wellershaus, Marion Klein, Susanne Bollongino, Wolfgang Posegga, Eva Marie Otter, Klaus Ickler, Monika Dittberner, Karin Schmitz, Reiner und Ute Quanz, Irmgard Goebel, Gertrud Nickel, Christel Mütze, Angelika Schilling, Hans Hermann Grote, Herbert Wolf, Manfred Guth, Christa Unger-Söh, Tamara Markwardt, Margret Schnabel, Maria Hofacker, Jürgen und Heida Urbinger, Hans-Joachim und Ruth Nixdorf, Marion Wibemanu, Manfred und Hannelore Pfeiffer, Annemarie Quante, Heinrich und Ruth Weller, Manfred Udo Kurt Klauser, Ellen Haiduk, Brigitte Jurat, Bärbel Müller, Elke Schneider, Vera Zien, Rudolf Fichtelmann, Hannelore Müller, Detlef und Karin Timm, Christa Griesel, Silvia und nd Heinz-Jürgen Broschat, Elke Woggon, Gabriele Heider, Michael Schlicht, Hans Jürgen und Martina Gestwa, Klaus Quinting, Ursula Durach, Gernot und Karin Hall, Hans-Joachim Jung, Johannes und Isa Haun, Manfred Krull, Jochen Walter und Elisabeth Koll, Manfred Kling, Renate Wübbeling, Joachim und Edeltraud Jersch, Dieter Pfannes, Gerhard und Helga Grützmacher, Edda Borchert, Hans Werner und Helga Rehborn.

Mit insgesamt 1,2 Millionen Euro konnten die Leser bereits helfen. Warum der Tüpitter eine Hilfsaktion durchführt.

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