Infektionen wie im Herbst

Kinderärzte befürchten Anstieg von Erkrankungen durch Schulbeginn

Schule
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Die Ursache, dass Krankheiten gerade jetzt gehäuft auftreten, liege wohl in den inzwischen weitgehend aufgehobenen Schutz- und Hygienemaßnahmen der vergangenen Corona-Jahre, sagt Kinderarzt Martin Schulte, insbesondere in den Kontaktbeschränkungen und der Maskenpflicht. 

Kinderärzte befürchten Anstieg der Erkrankungen durch Schulbeginn.

Von Sven Schlickowey

Martin Schulte leitet die städtischen Praxen.

Remscheid. Deutlich mehr als 25 Grad, die Sonne scheint - eigentlich kein Wetter, bei dem man an Erkältungskrankheiten denkt. Doch Eltern wie Kinderärzte berichten übereinstimmend, dass derzeit auffällig viele Atemwegsinfektionen die Runde machen. Als Grund vermuten Mediziner die Corona-Schutzmaßnahmen. Und sie befürchten, dass es nach dem Schulstart noch schlimmer wird.

„Wir beobachten seit Wochen und Monaten viele Erkältungskrankheiten“, berichtet Martin Schulte, Ärztlicher Leiter der beiden Kinderarztpraxen, die seit bald einem Jahr von der Stadt geführt werden. Seit kurzem würden sich zudem Durchfallerkrankungen häufen. „Das sind alles Dinge, die sonst eher im Herbst und Winter zu finden sind.“

Eine Entwicklung, die derzeit bundesweit zu beobachten ist. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert-Koch-Instituts berichtet davon, dass die Zahl der Arztbesuche wegen Atemwegsinfektionen derzeit „deutlich über dem Niveau der Vorjahre um diese Zeit“ liege. Diese deutlich höhere Aktivität sei auf die Co-Zirkulation verschiedener Atemwegserreger zurückzuführen. Darunter insbesondere Parainfluenzaviren, die grippeähnliche Symptome auslösen, und Rhinoviren, die als Krankheitserreger hauptverantwortlich für Schnupfen und Erkältungen sind. Aber auch Corona.

„Ich habe kaum Kinder gesehen, die mehr hatten als Erkältungssymptome.“

Kinderarzt Martin Schulte über Coronaverläufe

Die Ursache, dass diese Krankheiten gerade jetzt gehäuft auftreten, liege wohl in den inzwischen weitgehend aufgehobenen Schutz- und Hygienemaßnahmen der vergangenen Corona-Jahre, sagt Martin Schulte, insbesondere in den Kontaktbeschränkungen und der Maskenpflicht. „Situationen, in denen man sich sonst ansteckt, gab es ja kaum.“ Nun würden die Menschen die Infektionen quasi nachholen. „Dass sich viele bisher nicht angesteckt haben, heißt ja nicht, dass es die Menschen gar nicht mehr ereilt.“

Planbar sei das für die Praxen kaum, betont Schulte, das Auftreten der Infektionen verlaufe selten linear. „Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass das derzeit in Wellen kommt“, sagt der Kinderarzt. „Erst gibt es etliche Erkrankungen auf einmal, dann wieder ein paar Wochen fast keine.“ Vor einiger Zeit habe es zum Beispiel auffällig viele Mandelentzündungen gegeben. Die würden aktuell aber keine Rolle spielen.

Dass diese Woche das Schul- und Kindergartenjahr begonnen hat, dürfte die Situation kaum verbessern, vermutet Martin Schulte. Eher im Gegenteil. „Ich rechne damit, dass jetzt noch einmal mehr Infekte auf uns zukommen, darunter auch wieder Corona.“ Das würde, weil die Kinder und Jugendlichen nun wieder häufiger in geschlossenen Räumen zusammenkommen, schlicht „der Logik entsprechen“. Die Coronaverläufe bei Kindern seien derzeit aber überwiegend eher mild, hat der Mediziner beobachtet: „Ich habe kaum Kinder gesehen, die mehr hatten als Erkältungssymptome.“

Pauschale Ratschläge, wie sich Eltern verhalten sollen, wenn das eigene Kind krank ist, seien schwierig, so Schulte. Sei das Kind wach und klar, trinke es genug und spiele es vielleicht sogar, könne man auch mit einer Infektion ruhig ein paar Tage abwarten. „Häufig ist es ja nach zwei, drei Tagen wieder gut.“ Das gelte aber nicht für Säuglinge unter sechs Monaten, die müssten mit Fiber immer zum Arzt. Und das gelte auch nicht bei Atemwegsprobleme. „Wenn man sich unsicher ist, kann man sich natürlich auch jederzeit in der Praxis melden“, sagt der Kinderarzt. „Unsere Aufgabe ist es ja ein Stück weit auch, den Eltern Sicherheit zu geben.“  

GrippeWeb

Das RKI wertet zur Beobachtung von Atemwegserkrankungen Berichte von Arztpraxen aus, zudem sammelt es aber über ein eigenes Web-Portal auch Daten von Patienten. Jeder ab 16 Jahre kann mitmachen und so helfen, die Datengrundlage zu verbessern.

grippeweb.bund.de

Alle weiteren Nachrichten zur Corona-Lage in Remscheid finden Sie in unserem Live-Blog.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Zusammenhalten

sven.schlickowey@rga.de

Gefühlt ist gerade alles ziemlich durcheinander. Nun also auch noch die Krankheiten. Die Atemwegsinfektionen sind in diesem Jahr einfach mal zu früh dran. Und natürlich trifft das auch und vor allem mal wieder die Schulen, in deren Klassen die Viren nahezu ideale Bedingungen finden, um von Wirt zu Wirt zu springen. Die nächsten Wochen könnten für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern anstrengend werden.

Helfen könnte es, wenn alle ein wenig mehr zusammenhalten und Nachsicht üben, wenn man nicht über den Lehrer meckert, der mal wieder krank ist, wenn man Mitschülern die Hausaufgaben mitbringt, wenn man das Lerntempo so anpasst, dass niemand zurückbleibt. Auf Unterstützung aus dem Schulministerium in Düsseldorf, das lehrt uns die Erfahrung der vergangnen Monate, sollte man besser nicht hoffen.

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