Königin der Instrumente in der Lutherkirche

Kantor Jörg Martin Kirschnereit wechselt in den Ruhestand

Kantor Jörg Martin Kirschnereit vor der imposanten Orgel der Lutherkirche. Foto: Roland Keusch
+
Kantor Jörg Martin Kirschnereit vor der imposanten Orgel der Lutherkirche.

Die Orgel in der Lutherkirche wurde 2005 erweitert. Die größten Pfeifen müssten gerichtet werden.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Ihre Adresse lautet Martin-Luther-Straße 59a – hier lebt die Königin der Instrumente. So nennt Kantor Jörg Martin Kirschnereit „seine“ Orgel in der Lutherkirche. Seit 2017 sind Orgelmusik und Orgelbau durch die Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Allein in Deutschland gibt es etwa 50 000 Orgeln. Für 2021 ist die Orgel von den Landesmusikräten zum „Instrument des Jahres“ gekürt worden. „Es ist bewegend, an der Orgel zu sitzen und die Kirche mit Klang zu füllen“, sagt der Kantor. Bald wird er zum letzten Mal auf dem imposanten Instrument spielen. Denn am 1. August wechselt er in den Ruhestand. Heute möchte er die „Königin der Lutherkirche“ einmal genauer vorstellen.

1908 Die erste Walcker-Orgel in der 1894 eingeweihten Lutherkirche hatte 27 Register, zehn davon in der Grundton bestimmenden 8-Fuß-Lage als Labial-Register. Sie sind die Grundlage für einen romantischen Orgelklang. Labialpfeifen sind Lippenpfeifen, deren Tonerzeugung durch einen sich brechenden Luftstrom entsteht, wie bei einer Blockflöte. Um den Klang aufzuhellen oder ihm einen besonderen Charakter zu geben, stehen weitere Register in der Lage der Obertonreihe.

1950er Die Orgel erhielt ein drittes Manual und wurde um fünf Register erweitert, um der Renaissance der barocken Meister klanglich Rechnung zu tragen.

1971 Im Zuge der umfassenden Innenraum-Umgestaltung der Lutherkirche wurde die Walcker-Orgel verkauft und durch eine neue der Firma Steinmeyer/Oettingen ersetzt. Die Merkmale: 3 Manuale, 38 Register, davon sechs 8-Fuß-Labiale, 8 Zungenregister. Die Zungenregister werden auch Lingualpfeifen genannt. Ihr metallenes Ende sieht aus wie eine Zunge. Die Luft schwingt wie im Inneren einer Mundharmonika.

2005 Der Orgelbauer Matthias Wagner erweiterte die Steinmeyer-Orgel und baute sie um. Kostenpunkt: knapp 100 000 Euro. Für diese Erweiterung hat sich Jörg Martin Kirschnereit persönlich eingesetzt. „Die Orgel wurde damals noch mal ein ganz neues Instrument.“ Denn sie hat nun 47 Register, davon wieder zehn 8-Fuß-Labiale – wie die Walcker-Orgel – 10 Zungenregister und eine neue Setzeranlage mit 4000 Kombinationsmöglichkeiten. Auch der Winddruck wurde erhöht.

3600 Mehr als 3600 Pfeifen umfasst die Orgel. Die größte ist samt Fuß fast 5 Meter hoch, die kleinste gerade mal ein Zentimeter klein. Die meisten Pfeifen bestehen aus einer Blei-Zinn-Zink-Legierung, einige sind aus Holz und ein Register aus Messing. Die größten Basspfeifen sind so schwer, dass sie sich im Laufe der Zeit verformt haben, worunter die Tonansprache leidet. „Sie müssen wieder gerichtet werden und eine Aufhängung erhalten. Das wird sicher mehrere Tausend Euro kosten.“

4 Alle 4 bis 5 Jahre muss die Orgel gestimmt werden. „Die Zungenpfeifen stimme ich aber selbst mehrmals im Jahr, da sich bei großen Temperaturschwankungen das Instrument verstimmt. Eine Orgel ist aber eigentlich nie richtig gestimmt“, sagt Kirschnereit.

Heute Das Instrument hat symphonische Qualitäten. „Die Erweiterung war notwendig, weil dadurch gewährleistet wurde, fortan alle Stilrichtungen auf der Orgel darstellen zu können“, erklärt Jörg Martin Kirschnereit. So barocke oder eben auch französische Orgelmusik. In der Zeit der Romantik sind die deutschen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), der sechs Orgelsonaten schrieb, Joseph Gabriel Rheinberger (1844-1937) mit seinen 20 Orgelsonaten und Max Reger (1873-1916), der umfangreiche Werke verfasste, hervorzuheben. Bei den französischen Komponisten sind laut Kirschnereit vor allem Charles-Marie Widor (1844-1937), der Erfinder der Orgel-Symphonie (10 Orgel-Symphonien) und Louis Vierne (1870-1937) zu nennen. Dieser schuf sechs Orgel-Symphonien. Eine davon wird Kirschnereit in seinem letzten Orgelkonzert spielen.

Konzertreihe „Time to say good bye“ in der Lutherkirche

Sonntag, 18. Juli, 18 Uhr: Präludium und Fuge in e-Moll, BWV 548 sowie Louis Vierne: 1. Symphonie in d-Moll, op. 21. Letztes Orgelkonzert Jörg Martin Kirschnereits.

Samstag, 5. Juni, 18 Uhr: Musikalischer Abendgottesdienst, Werke für Violine und Cembalo/Orgel von Willem de Fesch, J. S. Bach und F. Schubert. Violine: Viola Fey, Cembalo/Orgel: Jörg Martin Kirschnereit. Anmeldung: Tel. 78 09 15.

Samstag, 26. Juni, 18 Uhr: Abschiedskonzert mit Bachs Ouvertüre in h-Moll, Kantate sowie Arien aus Mendelssohns „Lobgesang“ und Händels „Messias“. Sopran: Veronika Madler, Alt: Heike Bader, Tenor: Robert Reichinek, Bass: Stephan Storck (Symphoniker), Leitung: Kirschnereit.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Wenn „Querdenker“ den Betrieb stören
Wenn „Querdenker“ den Betrieb stören
Wenn „Querdenker“ den Betrieb stören
Tierheim in Remscheid ist ab sofort geschlossen
Tierheim in Remscheid ist ab sofort geschlossen
Tierheim in Remscheid ist ab sofort geschlossen
Corona: Impfstelle im Zentrum Süd eröffnet - Zwei weitere Todesfälle
Corona: Impfstelle im Zentrum Süd eröffnet - Zwei weitere Todesfälle
Corona: Impfstelle im Zentrum Süd eröffnet - Zwei weitere Todesfälle
Lärmbelästigung durch Poser: Beim Vorbild klappt es bisher ganz gut
Lärmbelästigung durch Poser: Beim Vorbild klappt es bisher ganz gut
Lärmbelästigung durch Poser: Beim Vorbild klappt es bisher ganz gut

Kommentare