Bald keine Fichten mehr im Bergischen Land

Der Kampf gegen den Borkenkäfer ist verloren

Förster wie Markus Wolff und Waldbauern haben den Kampf eingestellt. Sie lassen trockene Bäume stehen – so wie hier an der Ronsdorfer Straße. Fotos: Roland Keusch/Thomas Wintgen
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Förster wie Markus Wolff und Waldbauern haben den Kampf eingestellt. Sie lassen trockene Bäume stehen – so wie hier an der Ronsdorfer Straße.

Der Wald muss umgebaut werden. Über die richtige Strategie streiten Förster und Jäger.

Von Axel Richter

Remscheid. Remscheids Förster haben den Kampf gegen den Borkenkäfer verloren. „Die Population ist so gigantisch groß, dass unsere Strategie nicht mehr verfängt“, erklärt ihr Chef Markus Wolff im Gespräch mit dem RGA.

Markus Wolff

Statt die käferverseuchten Stämme eiligst aus dem Wald zu schaffen, damit die Schädlinge nicht weiter ausschwärmen können, lassen seine Waldarbeiter die abgestorbenen Fichten mit ihren grauen Kronen deshalb heute stehen.

Inmitten anderen Grüns erinnern die „Dürreständer“, wie die Forstleute die vertrockneten Bäume nennen, wie Mahnmale daran, dass es die Fichte im Bergischen Land bald nicht mehr geben wird. Denn nach den zwei Rekordsommern 2018 und 2019, ist der Sommer 2020 zwar jetzt erst richtig heiß geworden. Ergiebige Niederschläge hatte aber auch er dem Wald bislang nicht zu bieten.

Deshalb werden aktuell auch die Bäume zu einem leichten Fressen für den Borkenkäfer, die die Trockenheit bislang überlebt haben. Sie dürften die Preise auf dem mit 100 Millionen Kubikmeter Schadholz überschwemmten Markt vollends ins Bodenlose fallen lassen. Auch das ist ein Grund, warum die Käferbäume im Wald bleiben. Der Erlös deckt Stadt und Waldbauern nicht einmal mehr die Kosten der Aufräumarbeiten.

Remscheid: Auch die Buche leidet zunehmend unter der Trockenheit

Als zweiter charakteristischer Baum fürs Bergische leidet auch die Buche zunehmend unter der Trockenheit. Der Wald, der in der Corona-Krise als Erholungsraum für stressgeplagte Großstädter noch einmal an Bedeutung gewonnen hat, wird in einigen Jahren anders aussehen als heute.

Gegen den Klimawandel, als dessen Folge die Wissenschaftler häufigere Stürme im Winter und mehr heiße Sommer vorhersagen, pflanzen die Forstarbeiter schon jetzt Traubeneichen, Edelkastanien, Douglasien – alles Baumarten, die den veränderten Wachstumsbedingungen besser trotzen. Das Problem: Vor allem Rehe schätzen die Spitzen der Setzlinge als Leckerbissen. Wird dieser Terminaltrieb abgebissen, wächst der Baum nicht mehr in die Höhe, er verbuscht.

„Wir müssen in Remscheid mehr Rehe schießen.“
Markus Wolff, Forstamt

Nach dem Sturm „Sabine“, der im Februar über Remscheid hinwegfegte und weitere Wiederaufforstungen nach sich zog, beantragte Markus Wolff deshalb eine Verkürzung der Jagdzeit auf Rehe um einen Monat, denn, erklärt der Forstamtsleiter: „Der notwendige Umbau unserer Wälder zu klimastabilen Wäldern kann nur bei angepassten Schalenwildbeständen gelingen. Wir müssen mehr Rehe schießen.“

Die Landesregierung kam der Forderung nach, die seinerzeit aus zahlreichen Forstbehörden an sie herangetragen wurde. Der klassische „Maibock“ durfte danach in diesem Jahr erstmals bereits im April erlegt werden. Doch Remscheids Jäger machten nicht mit. „Wir haben für das Rehwild ausreichende Jagdzeiten in Remscheid“, hielt Stephan Hertel, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, damals gegenüber dem RGA fest.

Der Dauerstreit um die angemessene Bejagung des Rehwildes, der in vielen Kommunen zwischen Förstern und Jägern ausgetragen wird, dürfte in den kommenden Wochen in Remscheid noch einmal an Intensität zunehmen. Denn das Stadtforstamt fordert jetzt Schadenersatz für Setzlinge, die ihnen von den Rehen verbissen worden sind. Nach RGA-Informationen handelt es sich dabei um die stolze Summe von mehr als 50.000 Euro, die die Behörde in Rechnung stellen will.

Am kommenden Montag kommt nach Jahre währender Nichtexistenz erstmals wieder der Jagdbeirat im Remscheider Rathaus zusammen. Er soll zwischen den Interessen von Stadt, Jägern, Landwirten, Waldbauern und Umweltschützern vermitteln und zum Wohlergehen des Waldes beitragen. Angesichts der aktuellen Herausforderungen gibt es viel für ihn zu beraten.

Straßenbäume

Remscheid zählt 3000 Hektar Wald. Die dort wachsenden Bäume können nicht einfach bewässert werden. Die in der Stadt schon. An 450 Standorten sorgen Wassersäcke für Befeuchtung. Für die übrigen bittet das Forstamt die Bürger um Hilfe: „Bitte gießen Sie die Bäume vor ihrer Haustür.“

Standpunkt: Den Wald fit machen

Von Michael Albrecht

Es ist eine Kapitulation, die es in sich hat, wenn Förster und Waldeigner sich dem Borkenkäfer geschlagen geben. Die Schädlinge und die durch den Klimawandel verursachte Dauertrockenheit vernichten nicht nur die Fichten, sondern auch das Kapital der Eigentümer, ganz gleich ob Kommune oder Privatmann.

Die Bewirtschaftung zahlt sich nicht mehr aus. Aber der Wald ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor. Er ist Erholungsraum für viele Menschen und das nicht nur in Pandemiezeiten. 

Der Wald trägt entscheidend zum lokalen Klima bei. Gärten und Parkanlagen können ihn nicht ersetzen. Deshalb gilt es, ihn zu hegen und zu pflegen. Das bedeutet auch, dass er fit gemacht werden muss für veränderte Umweltbedingungen. Das geht aber nur, wenn Baumarten in den hiesigen Wäldern wachsen, die den neuen Rahmenbedingungen standhalten. Dieser Prozess dauert nicht Jahre, sondern Jahrzehnte. Verbiss durch Rehwild ist da kontraproduktiv und muss auf ein Mindestmaß reduziert werden. Und außerdem: In toten Wäldern dürfte sich auch das Wild nicht wohlfühlen.

Im Wuppertaler Burgholz wird das besonders deutlich, wie Forst-Leiter Sebastian Rabe bei einem Rundgang erklärte.

Im Arboretum wurde deutlich, womit zu kämpfen ist: Stürme wehen einzelne Bäume um, die zur Brutstätte für den Borkenkäfer werden. Der greift weitere Bäume an, die verbliebenen Pflanzen auf der entstandenen Lichtung sind dem Sonnenlicht ausgeliefert.

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