Politik

Jens Nettekoven blickt mit Sorge nach Afghanistan

Jens Nettekoven (l.) mit Zalmai A. (mit Mütze) beim Besuch einer Schule in Mazar e Sharif im Jahr 2011. Am Dienstag wurde der Übersetzer nach Deutschland ausgeflogen.
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Jens Nettekoven (l.) mit Zalmai A. (mit Mütze) beim Besuch einer Schule in Mazar e Sharif im Jahr 2011. Am Dienstag wurde der Übersetzer nach Deutschland ausgeflogen.

Jens Nettekoven, einst selber Soldat in Afghanistan, verfolgt die Entwicklungen in dem zentralasiatischen Staat. Er sorgt sich auch um die Ortskräfte.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Angesicht der aktuellen Ereignisse blickt Jens Nettekoven derzeit mit Sorge nach Afghanistan. Der Remscheider CDU-Politiker, seit 2013 im Landtag, hatte vor zehn Jahren selber als Feldjäger in dem zentralasiatischen Land gedient. Nun sieht er die Arbeit von fast 20 Jahren zunichtegemacht. Eine ganz persönliche Sorge ist Nettekoven seit Dienstag hingegen los: Ein einheimischer Sprachmittler, mit dem er vor Ort zusammengearbeitet hatte, wurde am Mittag mit der zweiten deutschen Maschine ausgeflogen, zusammen mit seinen vier Kindern.

Am Vormittag hatte der Landtagsabgeordnete im Gespräch mit dem RGA noch von Zalmai A. berichtet: „Ich weiß nicht, ob er schon raus ist.“ Über das soziale Netzwerk Facebook hatten die Männer in den vergangenen Jahren Kontakt gehalten. „Aber der Account ist inzwischen gelöscht.“ Wenige Stunden später kam dann die erlösende Nachricht.

Nettekoven sieht Deutschland in der Pflicht, sich um seine ehemaligen einheimischen Mitarbeiter zu kümmern: „Da weiß natürlich jeder, wer mit der Nato und der Bundeswehr zusammengearbeitet hat.“ Mit dem Vormarsch der Taliban drohe diesen Menschen nun Lebensgefahr. So habe ihm Zalmai A. geschrieben, dass er sich verstecken müsse. „Man darf diese Leute jetzt nicht im Stich lassen.“

Nettekoven verlor in Afghanistan einen Kameraden

Dass die Bundeswehr Afghanistan verlässt, ist für Jens Nettekoven die logische Konsequenz aus der US-amerikanischen Rückzugsentscheidung: Man sei als Partner der Amerikaner nach Afghanistan gegangen und alleine gar nicht in der Lage, das Engagement aufrecht zu halten. „Als der vorherige amerikanische Präsident verkündet hat, dass man sich zurückziehen wird, hat das im eigenen Land vielleicht für Jubel gesorgt, den Afghanen hilft das aber sicher nicht.“ Man habe kein Prophet sein müssen, um die Folgen des Rückzugs vorherzusehen.

Fast zwei Jahrzehnte Arbeit seien damit auf einen Schlag dahin, sagt Jens Nettekoven: „So habe ich das aufgefasst.“ Angesichts der vielen Opfer, die Soldaten der Bundeswehr und anderer Nationen gebracht haben, habe das „schon wehgetan“, gesteht der Landtagsabgeordnete. Schließlich würden viele Soldaten bis heute unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, andere seien getötet worden. Auch Jens Nettekoven verlor während seines Einsatzes einen Kameraden: „Am Tag vorher habe ich noch mit ihm Fußball gespielt.“ Kurze Zeit später sei er Opfer eines Sprengstoffanschlages geworden.

Dass nach 20 Jahren westlicher Unterstützung der afghanische Staat quasi von heute auf morgen aufgehört hat zu funktionieren, sei bemerkenswert, sagt Nettekoven: „Polizei und Militär konnten die Taliban nicht aufhalten, der Präsident hat das Land verlassen.“ Für ihn ein Beweis dafür, dass man anderen „unsere Staatsform nicht überstülpen kann“, wie er sagt: „Man hat in Afghanistan nicht militärisch versagt, sondern politisch.“

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