Lennep

Ivan ist sieben Tage die Woche für ukrainische Flüchtlinge da

Hilft ukrainischen Flüchtlingen rund um die Uhr: Ivan Zakharchenko vor dem Ukraine-Zentrum in Lennep.
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Hilft ukrainischen Flüchtlingen rund um die Uhr: Ivan Zakharchenko vor dem Ukraine-Zentrum in Lennep.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
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Der städtische Mitarbeiter Ivan Zakharchenko hilft als Dolmetscher, Netzwerker und Möbellieferant.

Remscheid. Der Einmarsch in der Ukraine hat auch seine russische Familie entzweit. „Keiner redet mehr mit dem anderen.“ Ivan Zakharchenko sagt dies nicht mit einem bitteren Unterton. Es ist, wie es ist. Der 26-Jährige ist ein lösungsorientierter Mensch und glaubt fest daran, dass sich alles wieder einrenken wird. Während Mama und Papa ihre eigenen Ansichten zu Putin, Krieg und Gräueln vertreten, setzt ihr Sohn alles daran, den 750 ukrainischen Flüchtlingen in Remscheid den Start zu erleichtern. Sieben Tage die Woche ist der stellvertretende Leiter der städtischen Impfstelle an der Rosenhügeler Straße Ansprechpartner für die Neuankömmlinge in der fremden Welt.

Einen Titel hat er nicht, gleichwohl ist Zakharchenko das lokale Gesicht des Krisenmanagements. Noch ist er inoffizieller Leiter des „Ukraine-Zentrums“ im alten evangelischen Gemeindezentrum in Hackenberg. Wenn Ivan gefragt wird, warum er seit über zwei Monaten jede freie Minute in die Bedürftigen investiert, schießt ihm eine Antwort in den Kopf: „Gleiche Chancen für alle — dafür habe ich Deutschland geliebt, als ich mit meinen Eltern hierhin gekommen bin.“ Der russische Junge wanderte als Sechsjähriger mit seinen Eltern von Wolgadonsk, einer Großstadt am Don nach Remscheid aus. Der Vater ging zurück in die Heimat, weil er sich mit der deutschen Sprache nicht anfreunden konnte, Mutter und Sohn aber blieben im Bergischen.

„Ich werde den Flüchtlingen helfen, bis der Krieg vorbei ist.“

Ivan Zakharchenko

Nach seiner Schulausbildung an der AES lernte Ivan Zakharchenko Grafiker. Als seine Patenmutter in Russland in Covid-Zeiten einen Schlaganfall erlitt und um ihr Leben kämpfte, änderte die Hiobsbotschaft sein Leben. Er nutzte die berufliche Zwangspause, um beim Impfzentrum in der Halle West anzuheuern. Er wollte Menschen helfen. Egal wie. „Ich scheue mich vor keiner Arbeit, kann Böden aufwischen oder Lager auffüllen.“ Angestellt über eine Zeitarbeitsfirma, erhielt er in Reinshagen einen Administratoren-Job. Als das Impfzentrum Ende September 2021 schloss, hatte sich der patente junge Mann mit dem Talent zum Netzwerken einen Namen gemacht. Die Stadt beschäftigt ihn mit einer befristeten Stelle weiter im Gesundheitsdienst. „Wenn ich meine Arbeit richtig mache, habe ich am Ende keine Arbeit mehr“, sagt Zakharchenko trocken. Noch beschäftigt ihn Covid. Seit dem 24. Februar ist der Krieg in der Ukraine dazu gekommen. „Weder Russen noch Ukrainer hier in Remscheid haben daran geglaubt, dass es passieren würde.“ Er ist Russe, hat aber Verwandte und Freunde in der Ukraine. „Wir haben jedes Jahr zwei, dreimal die Ur-Oma und den Opa in Luhansk besucht.“

Der 26-Jährige spricht Russisch fließend, Ukrainisch versteht er gut. Als Dolmetscher ist er prädestiniert. Seine Hilfsbereitschaft und sein offenes Wesen überraschen manchen Flüchtling: „Du bist Russe, warum hilfst Du uns?“ Die Antwort liegt für ihn auf der Hand: „Ich habe Freunde, die in der Ukraine in Sneakern und Jeans an die Front marschieren. Da kann ich nicht zu Hause untätig sitzen.“

Während die Stadt offizielle Strukturen aufbaute, war Ivan Zakharchenko unter dem Radar unterwegs, sammelte Spenden, tat Wohnungen auf, schuf quer über die Stadt Lager in freien Garagen für all die Güter des täglichen Lebens, die Flüchtlinge brauchen. Von Tag 1 an war er gewappnet. „Anfangs habe ich vieles aus der eigenen Tasche bezahlt und jede Menge Geld ausgegeben. Aber das ist mir egal.“ Immer weiter für die Ukrainer.

Sein Handy ist permanent auf Empfang. Ein Wochenende zwischendurch nahm er sich für die Hochzeit eines Freundes frei, ansonsten ist er 24/7 dabei. Obwohl ihm die Schicksale abends oft schwer einschlafen lassen, hat er den Dauerdruck bislang verkraftet. Viel Muskelkater gehört zur ehrenamtlichen Hilfe dazu. Denn neben seinem Hauptgeschäft, dem Übersetzen, sind jetzt Lieferung und Aufbau von Mobiliar an die Bedürftigen seine Wochenendbeschäftigung. „In der Woche machen wir die Second-Hand-Sachen ausfindig, Freitagnachmittag oder Samstagmorgen bauen wir sie beim alten Besitzer ab, Samstagnachmittag und Sonntag anderswo auf.“ Unterstützt wird er von wechselnden Helfern. Ivan ist immer dabei. Wie lange noch? „Bis der Krieg vorbei ist“, kommt es ohne Zögern zurück.

Das Ukraine-Zentrum in Lennep

Das Ukraine-Zentrum der Diakonie befindet sich in Lennep in der Max-von-Laue-Straße 1a. Das alte Gemeindehaus der evangelischen Kirche hat ein Warenlager für dringend benötigten Hausrat, soll zu einer Begegnungsstätte werden mit einem Spielbereich für Kinder, einem Coworking-Space mit Arbeitsplätzen und Anlaufstelle bei Fragen zu Arbeit und Beschäftigung;

Tel.: 0 21 91 - 59 160 66.

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