Interview der Woche

„Herr Lukas, wie entstehen Angsträume?“

Dr. Tim Lukas forscht an der Bergischen Universität zu Kriminalprävention. Er findet, dass Sicherheit in der Stadtplanung oft vernachlässigt wird.
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Dr. Tim Lukas forscht an der Bergischen Universität zu Kriminalprävention. Er findet, dass Sicherheit in der Stadtplanung oft vernachlässigt wird.

Soziologe Dr. Tim Lukas erklärt im RGA-Gespräch, warum Kriminalpräventionen für Kommunen wichtiger wird - und warum uns unser Sicherheitsgefühl ausgerechnet in Innenstädten trügt.

Von Kristin Dowe

Herr Dr. Lukas, Sie sind Soziologe und forschen an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Stadtentwicklung, Kriminalgeografie und -prävention sowie Krisenmanagement. Was muss man sich darunter genau vorstellen?

Dr. Tim Lukas: Unter Kriminalgeografie verstehen wir die Verteilung von Kriminalität im Raum. Kriminalität ist ja nicht gleich verteilt und manche Stadtteile sind mehr davon belastet als andere. Wir untersuchen das Ausmaß der Kriminalität an bestimmten Orten und die jeweiligen Ursachen dafür.

Krisenmanagement ist im Bereich des Bevölkerungsschutzes angesiedelt und ist mein anderes Forschungsfeld. Da geht es beispielsweise um Fragen, wie Nachbarschaftshilfe in der Krise funktioniert und welche sozialräumlichen Bedingungen das ermöglichen oder begünstigen.

Zum einen bin ich also eher mit kriminologischen Fragestellungen betraut, bei denen es unter anderem um die Prävention von Kriminalität geht. Zum anderen befasse ich mit Fragen des Katastrophenschutzes.

Hat das Thema Kriminalprävention in der Stadtplanung der Kommunen an Bedeutung gewonnen?

Lukas: Ich glaube schon. Zumindest sieht man, dass viele Städte sich auf den Weg gemacht haben, im Bereich der städtebaulichen Kriminalprävention etwas zu unternehmen. Tatsächlich ist es aber immer noch schwierig. Das hat vielleicht ein Stück weit mit der Profession zu tun, dass Architektinnen und Architekten und Planende dem Thema nicht die notwendige Bedeutung beimessen.

Häufig steht noch sehr die Frage im Vordergrund, wie ein Gebäude aussieht, und ästhetischen Gesichtspunkten wird ein höherer Stellenwert eingeräumt als dem Thema Sicherheit. Da sind noch dicke Bretter zu bohren.

Auch hier gibt es bestimmte Orte, an denen sich Bürgerinnen und Bürger unwohl fühlen. Wie entsteht ein Angstraum?

Lukas: Angsträume entstehen einerseits durch die Gestaltung dieser Orte. So wird beispielsweise nicht darauf geachtet, ob eine bestimmte Ecke hell genug beleuchtet ist, so dass ich nicht sehen kann, was mich dort erwartet. Der Raum wirkt dann nicht besonders überschaubar und übersichtlich.

Angsträume entstehen aber auch durch Unbelebtheit und mangelnde Pflege dieser Orte. Wenn sich niemand darum kümmert, dass ein Ort sauber und gepflegt ist, sondern etwa überall Dreck und Müll herumliegt, fühlen Menschen sich verunsichert. Es entsteht für sie der Eindruck, dass sich niemand um sie kümmern würde, wenn ihnen dort etwas passiert.

In hier begegnet uns das Phänomen, dass viele Menschen in der Innenstadt ein Unsicherheitsgefühl haben, obwohl sich dort laut Angaben der Polizei nicht ungewöhnlich viele Straftaten ereignen. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären?

Lukas: Zunächst ist es ein wesentliches Merkmal von Angsträumen, dass sich das persönliche Gefühl der Menschen dort nicht mit den objektiven Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik deckt. Wie Sie es beschreiben, haben wir in Solingen einen Spezialfall, weil die Menschen sich in der Innenstadt eigentlich immer besonders sicher fühlen. Gerade tagsüber sind dort Geschäfte geöffnet und man geht einkaufen. Eigentlich sind Innenstädte aber tatsächlich die Orte, an denen am meisten passiert, etwa im Hinblick auf Taschendiebstahl. Die registrierte Kriminalität ist dort besonders hoch. Wenn Sie mal an die Düsseldorfer Altstadt denken, ist dort die Zahl der verzeichneten Straftaten wie zum Beispiel Körperverletzungsdelikte relativ hoch. Aber die Menschen gehen trotzdem gerne dorthin. Das Sicherheitsgefühl speist sich zum großen Teil aus anderen Faktoren als aus der eigentlichen Kriminalität.

Innenstädte sind also tatsächlich „gefährlicher“ als periphere Stadtbezirke?

Lukas: Ja, das kann man so sagen. Es gibt das sogenannte Gesetz der Kriminalitätskonzentration, nach dem 50 Prozent aller Straftaten in nur fünf Prozent aller Straßenabschnitte passieren. Und diese Straßenabschnitte liegen in aller Regel in den Innenstadtbereichen. Dort haben wir eine Häufung der Straftaten zu verzeichnen, dagegen finden Kriminelle in den äußeren Bezirken einer Stadt oft bessere Gelegenheitsstrukturen etwa für Einbrüche vor.

Was können die Städte tun, um die tatsächliche Sicherheit, aber auch das Sicherheitsgefühl der Menschen zu verbessern?

Lukas: Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Sicherlich kommt es auf die genuin zuständigen Akteure an wie etwa die Polizei oder Mitarbeitende des Ordnungsamtes, die durch ihre Präsenz auch zum Sicherheitsgefühl beitragen können. Aber es gibt wie gesagt auch andere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen.

Ich denke da zum Beispiel an Mitarbeitende der Stadtreinigung oder des Grünflächenamtes, um Sträucher zurückzuschneiden und Transparenz an einem Ort herzustellen. Die Stadtwerke sind für eine ausreichende Straßenbeleuchtung gefragt.

So sind es ganz unterschiedliche Akteure, die für Sicherheit und das Sicherheitsgefühl Verantwortung übernehmen müssen. Auch wenn diese Beteiligten nicht auf den ersten Blick miteinander in Verbindung stehen, können sie bei diesem Ziel einen erheblichen Beitrag leisten.

Investitionen in die Sicherheitsinfrastruktur einer Stadt kosten aber auch Geld. Welche Rolle spielt die Kostenfrage angesichts der aktuellen Energiekrise?

Lukas: Natürlich eine sehr große. Es gibt aufgrund der Energiekrise eine neue Verordnung, die das teilweise Abschalten oder Dimmen der öffentlichen Beleuchtung vorsieht und die Kommunen auf diese Weise finanziell entlasten soll. Allerdings sollten die Städte und Gemeinden sich meiner Meinung nach sehr gut überlegen, wo sie die Beleuchtung herunterfahren. An Unterführungen, menschenleeren Ecken und Parks rate ich dringend davon ab. Gerade Orte, die ohnehin schnell als Angsträume empfunden werden, sollten weiterhin eine gute Beleuchtungssituation aufweisen. Da sollte man nicht am falschen Ende sparen.

Stichwort Videoüberwachung: Müssen die Menschen für mehr Sicherheit Abstriche bei der Privatsphäre machen?

Lukas: Das sehe ich eher kritisch. Die Evaluationsstudien, die es bislang zu Videoüberwachung gegeben hat, zeigen weder einen nennenswerten Einfluss auf das Sicherheitsgefühl noch auf die tatsächliche Sicherheit. Es kommt immer darauf an, wie diese Videoüberwachung gestaltet ist. Wenn tatsächlich irgendwo jemand am Monitor sitzt und kurzfristig reagieren oder die Polizei gleich einen Streifenwagen schicken kann, dann hat das sicherlich einen Effekt. Dann lässt sich eine Straftat nicht unbedingt verhindern, aber vielleicht schneller aufklären. Nennenswerte Auswirkungen gibt es laut Studienlage aber nicht.

Haben wir heutzutage ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis?

Lukas: Das ist schwierig zu beantworten. Sicherheit nimmt einen hohen gesellschaftlichen Wert ein und es werden immer mehr Maßnahmen getroffen, um sie zu gewährleisten. Sicherheit ist wie ein Fass ohne Boden – man könnte immer noch mehr tun. Zudem ist das Sicherheitsgefühl sehr individuell und verschiedene Menschen haben unterschiedliche Sicherheitserwartungen. Auch nehmen wir bestimmte soziale Phänomene heute stärker als Sicherheitsprobleme wahr. Der Bettler auf der Straße, der früher eher ein Adressat des Mitgefühls war und dem wir vielleicht einen Euro zugesteckt haben, wird heute als eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung betrachtet. Das halte ich für ein Problem. Wir müssen uns gelegentlich fragen, wo eine Grenze erreicht ist. Denn klar ist auch: Hundertprozentige Sicherheit werden wir nie erreichen können.

Lesen Sie zu dem Thema auch einen Text aus unserem Archiv: Wie sicher ist die Remscheider Innenstadt?

Zur Person

Der Diplom-Soziologe Dr. Tim Lukas forscht an der Fakultät für Maschinenbau und Sicherheitstechnik der Bergischen Universität zu Fragen der Kriminalprävention in Städten. Er leitet zudem eine Forschungsgruppe zum Thema „Räumliche Kontexte von Sicherheit und Risiko“.

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