Interview der Woche

THW-Chef Christoph Rühl: „Wir sind keine Gefahren mehr gewohnt“

Christoph Rühl steht an der Spitze der 80 Einsatzkräfte, die im Bedarfsfall bundesweit ausrücken. Sie sind Spezialisten, wenn es um einsturzgefährdete Gebäude und die Menschenrettung geht. Foto: Elias El Ghorchi
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Christoph Rühl steht an der Spitze der 80 Einsatzkräfte, die im Bedarfsfall bundesweit ausrücken. Sie sind Spezialisten, wenn es um einsturzgefährdete Gebäude und die Menschenrettung geht.
  • Axel Richter
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Sie gehen rein, wo andere rausrennen: Das Technische Hilfswerk ist nach wie vor im Katastropheneinsatz

Remscheid. Wo andere rauslaufen, gehen sie rein: Die Männer und Frauen des Technischen Hilfswerks (THW) in Remscheid sichern Gebäude vor dem Einstürzen, überwachen Talsperrenmauern vor dem Bersten und bergen Menschen aus Trümmern. In der Flutkatastrophe registrierten sie mit ihrer Hightech-Ausrüstung die Bewegungen der riesigen Abrutschkante in Erftstadt-Blessem. Und mit ihrem Schreitbagger, der Rettungsspinne, räumen sie derzeit wieder die Flusstäler in den Hochwassergebieten. Der RGA sprach mit Christoph Rühl, Chef der 80 Einsatzkräfte, die sich nach wie vor in wechselnden Teams im Katastropheneinsatz befinden.

Herr Rühl, wann haben Ihre Männer zuletzt durchgeschlafen?
Christoph Rühl: Die schlafen generell gut, die Teams sind ja nicht rund um die Uhr im Einsatz. Aber die ersten Tage waren schon hart. Die Flutkatastrophe sorgte für den größten Einsatz von Mensch und Material, den Deutschland nach dem Krieg erlebt hat. Auch bei den Elbefluten 2002 und 2013 ist es nicht zu solchen Zerstörungen gekommen.
Auf wie viele Einsatzstunden kommen Ihre Leute?
Rühl: Aktuell auf 4000. Aber der Einsatz dauert ja an. Wir bereiten gerade die nächste Phase vor. Unser Schreitbagger ist bereits wieder in den Tälern unterwegs und räumt zum Beispiel mit Treibgut verstopfte Brücken.
Wie hat die Katastrophe für Sie begonnen?
Rühl: Wir wussten ja, dass da was kommt. Also haben wir uns vorbereitet und am Dienstag vor dem Starkregen zum Beispiel 14 Tonnen Sand in Sandsäcke gefüllt. Am Tag selber waren wir zunächst in Remscheid im Einsatz, vor allem im Morsbachtal. Als Baufachberater musste ich nach Wuppertal und Hagen, um beschädigte Gebäude auf ihre Standsicherheit zu überprüfen. Danach ging es für uns nach Erftstadt, in die Eifel, nach Bad Münstereifel.
Das THW in Remscheid wusste, dass das was kommt. In den Katastrophengebieten erklärten viele Bürger, sie seien nicht gewarnt worden.
Rühl: Das kann ich im Einzelfall nicht beurteilen. Ich habe aber den Eindruck, dass auch Sirenenalarm, über dessen Einführung ja jetzt wieder diskutiert wird, die Folgen der Katastrophe nicht gemindert hätten. Was passiert denn, wenn jetzt und hier die Sirene angeht? Wie reagieren die Menschen, was meinen Sie?
Gar nicht.
Rühl: Ja, genau. Gar nicht. Die Sensibilität gegenüber Gefahren ist nicht besonders ausgeprägt. Das liegt auch daran, dass wir zurückliegend alle in relativer Sicherheit gelebt haben. Wir sind es nicht mehr gewohnt, uns mit existenziellen Bedrohungen auseinanderzusetzen.
Was ist Ihnen bei Ihren Einsätzen nachdrücklich in Erinnerung geblieben?
Rühl: Hagen war schon brutal. Und Blessem war eine Geisterstadt. Dort drohte zwischenzeitlich ja, der ganze Stadtteil in das Loch zu wandern. Parallel dazu war unsere Bergungsgruppe damit beschäftigte, Fahrzeuge aus den Fluten zu holen – ohne zu wissen, ob da noch jemand darin saß. Zum Glück war das nicht der Fall.
Warum ist das THW aus Remscheid im Katastrophenfall so gefragt?
Rühl: Weil wir über spezielles technisches Gerät und über besondere Kenntnisse verfügen. Unser Schreitbagger ist dafür ein gutes Beispiel. Den haben wir zusammen mit dem THW aus Berchtesgaden entwickelt, um Menschen aus Trümmern zu retten, ohne dass sie von dem schweren Bergungsgerät erdrückt werden. Dazu verfügen wir über unser Einsatzstellen-Sicherungssystem. Damit waren wir zum Beispiel an der Steinbachtalsperre und an der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem im Einsatz. Wir können damit Bewegungen im Erdreich im Bereich von Zehntelmillimeter nachweisen. So etwas gibt es nur drei Mal in NRW. Innerhalb von 20 Minuten können wir damit an jeden anderen Ort ausrücken. Und jedem, der dabei ist, muss klar sein, dass er für die nächsten zwölf Stunden nicht wieder nach Hause kommt.
Und die Arbeitgeber machen das mit?
Rühl: Das funktioniert in Remscheid sehr gut. Die Arbeitgeber stellen ihre Mitarbeiter für die Zeit frei. Viele Arbeitgeber verzichten sogar darauf, sich den ausbezahlten Lohn vom THW erstatten zu lassen. Wir sind sehr froh über das große Verständnis der Unternehmen.
Sie verfügen über neueste Technik, Ihnen stehen genug Helfer bereit, die Arbeitgeber zeigen Verständnis, wenn die Mitarbeiter mal fehlen. Dennoch gab es in den Flutgebieten Kritik am Katastrophenschutz. Warum?
Rühl: Wir sind in der Tat gut aufgestellt. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Wir haben in Deutschland rund 1,3 Millionen Feuerwehrleute. In den gesamten USA sind es 1,1 Millionen. Es fehlt also weder an Menschen noch an technischem Gerät. Es fehlt eine Schnittstelle, die die Einsatzkräfte koordiniert und es fehlt an Kommunikation. Das gilt insbesondere für unseren Einsatz im Ahrtal. Dort kam es leider zu einigen Reibungsverlusten, auch aufgrund von Kompetenzrangeleien.
Am Samstag hatten Sie einige Remscheider auf Ihrer Wache zu Gast. Die interessieren sich für die Mitarbeit im THW. Was muss ich dazu mitbringen?
Rühl: Die Grundvoraussetzung ist, dass einem unsere Gesellschaft nicht egal ist. Alle unsere Mitglieder interessieren sich für ihre Heimatstadt und die Umwelt, in der wir alle leben. Dann sollte man sich für Technik interessieren. Viele unserer Mitglieder sind in technischen oder handwerklichen Berufen tätig. Wir haben aber auch Krankenschwestern, Kaufmänner, Akademiker in unseren Reihen. Dann sollte man eine gewisse körperliche Ertüchtigung aufweisen. Das Alter spielt dagegen keine Rolle. Mit acht Jahren kann man bei uns in der Jugendgruppe anfangen.

Vita und THW

Zur Person: Christoph Rühl (50) ist der Ortsbeauftragte des Technischen Hilfswerkes (THW) in Remscheid. Er koordiniert den Einsatz von 80 Ehrenämtlern, die von Remscheid ausrücken, wenn im Katastrophenfall innerhalb oder außerhalb der Stadt technische Hilfe gebraucht wird. Rühl, heute Projektleiter bei dem Remscheider Automobilzulieferer Winning BLW, kam 1987 als Ersatzdienstleistender zum THW. Der Flugzeugabsturz vom 8. Dezember 1988 war sein erster Einsatz.

Organisation: Das Technische Hilfswerk ist die Zivil- und Katastrophenschutzorganisation des Bundes mit annähernd 84 000 ehrenamtlichen Helfern und hauptamtlichen Mitarbeitern. Ihr oberster Chef ist der Bundesinnenminister. Der Ortsverband Remscheid zählt 80 Helfer. Sie haben im Gewerbegebiet Überfeld ihren Sitz und sind spezialisiert im Bereich der Einsatzstellensicherung. 2022 soll eine weitere Spezialisierung im Bereich Tauchen hinzukommen.

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