Interview der Woche

Suchtberater Alfred Lindenbaum: „Prävention fängt bei der Werbung an“

Suchtberater Alfred Lindenbaum ist Suchtberater im Diakonischen Werk. Foto: Roland Keusch
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Alfred Lindenbaum ist Suchtberater im Diakonischen Werk.

Suchtberater Alfred Lindenbaum spricht im Interview über Drogen, Drogenkonsum und Prävention

Das Gespräch führte Alexandra Dulinski

Herr Lindenbaum, Sie sind Suchtberater. Haben Sie schon mal einen Joint geraucht?
Alfred Lindenbaum: Ja, drei Mal. Da muss ich 18 gewesen sein. Beim dritten Mal habe ich ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht. Ich habe mich in einem Sarg liegen sehen und Angstzustände bekommen. Da habe ich mir gesagt: Das ist nichts für Dich.
Die möglichen Koalitionspartner wollen Cannabis legalisieren. Ein Schritt in die richtige Richtung?
Lindenbaum: Ja, das macht Sinn. Es ist nicht gerechtfertigt, den Umgang mit Cannabis für Erwachsene zu kriminalisieren. Gerade nicht im Vergleich mit Alkohol, der viele Schäden anrichtet. Den Umgang unter bestimmten Bedingungen zu legalisieren, ist zeitgemäß.
Wie müssen diese Bedingungen aussehen?
Lindenbaum: Dass klar geregelt ist, dass nur Erwachsene Cannabis erwerben dürfen. Dass der Verkauf in Fachgeschäften stattfindet, dass die Menge geregelt ist, die jeder erwerben darf, und dass der Stoff auf Qualität und Reinheit kontrolliert wird. Gelder, die der Staat durch den Verkauf verdient, sollten in den Jugendschutz fließen. Denn das ist unsere größte Sorge: Das Gesetz löst das Problem der Jugendlichen nicht. Wir haben hier Jugendliche, die mit elf Jahren angefangen haben, Cannabis zu konsumieren. Wer mit 15 Jahren einsteigt, ist schon alt. Die eigentlichen Probleme werden von der Legalisierung überhaupt nicht berührt. Wir hoffen, dass Cannabis kritisch ins Bewusstsein kommt. Fatal wäre zu denken, dass Cannabis legal wird, weil es eine harmlose Droge ist. Cannabis ist keine harmlose Droge, auch nicht für Erwachsene. Genau so wenig wie Alkohol eine harmlose Droge ist.

Es ist gut, dass Menschen weniger Heroin konsumieren, aber nicht gut, dass Cannabis so stark geworden ist, dass es Heroin fast ersetzen kann.

Suchtberater Alfred Lindenbaum
Was löst es bei Ihnen als Berater aus, dass schon Kinder zu Cannabis greifen?
Lindenbaum: Zu meiner Jugendzeit war das Einstiegsalter bei 17/18, heute bei 13. Manche haben bereits mit 15 Jahren ihre Drogenkarriere beendet. Diese frühe Bereitschaft bei Jugendlichen erschreckt mich. Insbesondere vor dem Hintergrund der Gehirnentwicklung und einer noch fehlenden psychischen Stabilität der Jugendlichen. Cannabis kann die Entwicklung beschädigen.
Warum greifen immer mehr Jugendliche zu einer Droge?
Lindenbaum: Immer mehr kann man gar nicht so sagen. Immer weniger Jugendliche rauchen. Es gibt immer mehr Jugendliche, die gar keinen Alkohol trinken. Aber die Bereitschaft, nach Cannabis und anderen Drogen wie Amphetaminen zu greifen, steigt. Ein neues Phänomen sind opiathaltige Schmerzmittel wie Tilidin. Das ist durch die Deutsch-Rap-Szene publik gemacht worden. In den Songs machen die Rapper massiv Werbung für das Medikament. Junge Leute, die früher niemals auf die Idee gekommen wären, so etwas zu konsumieren, fangen damit an.
Wie hat sich der Konsum in den letzten Jahren verändert?
Lindenbaum: Die reinen Kiffer werden immer weniger. In den letzten fünf bis zehn Jahren hat es sich etabliert, dass mehr Kiffer parallel zu chemischen Drogen wie Amphetaminen oder Ecstasy greifen. Der Mischkonsum hat zugenommen. Jetzt kommen die opiathaltigen Schmerzmittel hinzu. Dafür wird weniger Heroin konsumiert. Es hat ein schlechtes Image. Drogenkonsum hat zudem eine Funktion: problematische Gefühle zu regulieren. Vor 20 Jahren war Cannabis noch nicht stark genug, um seelischen Schmerz zu lindern. Der THC-Gehalt ist von zwei bis vier Prozent auf mittlerweile mindestens 15 Prozent gestiegen. Cannabis ist wirksamer geworden. Deswegen kann es diese Funktion erfüllen, gerade in Kombination mit Amphetaminen. Es ist gut, dass Menschen weniger Heroin konsumieren, aber nicht gut, dass Cannabis so stark geworden ist, dass es Heroin fast ersetzen kann. Die Drogen sind gefährlicher geworden.
Was sind Ihre einschneidendsten Erfahrungen, die Sie in der Suchtberatung gemacht haben?
Lindenbaum: Ganz zu Anfang hatte ich als Straßensozialarbeiter viel mit Heroinabhängigen zu tun. Das war geprägt davon, dass im Laufe des Jahres viele Menschen an Überdosen starben, durchschnittlich sechs pro Jahr, die ich kannte. Das mitzuerleben, ist nicht einfach. Das ging bis 1996 so, ab da gab es die Methadonvergabe, die Substitution, bei den Ärzten. Ein anderer Einschnitt ist, dass wir seit zehn Jahren deutlicher die Kinder von Suchtkranken in den Blick nehmen. Sie sind die einzigen, die unter Suchtmitteln leiden, ohne selbst zu konsumieren. Ein Drittel der Kinder wird selbst süchtig, ein Drittel bekommt psychische Störungen, nur ein Drittel übersteht eine solche Kindheit unbeschadet.

Ich höre ganz häufig, dass Drogen die Lebendigkeit töten.

Suchtberater Alfred Lindenbaum
Was tun Sie, um Abhängigen zu helfen?
Lindenbaum: Wir machen uns ein Bild von dem Spektrum an Problemen, die der Mensch hat, schauen uns die juristische Situation, Schulden, familiäre Umstände und die Wohnsituation an. Im Diakonischen Werk versuchen wir mit unserer Schuldnerberatung und unserem ambulant betreuten Wohnen zu helfen. Wir haben den Bereich Arbeitsmarktintegration, können bei der Berufsfindung unterstützen. Wir helfen dabei, eine Klinik im Fall einer stationären Langzeittherapie zu suchen, beantragen die Kosten und bereiten auf die Therapie vor. Der erste Schritt ist, dass jemand sagt: ,Ich muss weg von der Droge, weil ich sonst meinen Arbeitsplatz verliere oder mit den Eltern Stress habe‘. Weg von der Substanz allein reicht als Perspektive nicht. Meine Arbeit ist das Hin zu mehr Lebensqualität, beispielsweise durch Ziele, die man sich setzt: Den Führerschein machen oder eine Ausbildung beginnen. Ich höre ganz häufig, dass Drogen die Lebendigkeit töten. Sport und Bewegung sind dabei ganz wichtig. Sie haben ganz viel mit Biochemie zu tun. Drogen wirken im Kopf und greifen in die Biochemie unseres Körpers ein. Die gesündeste Art, unser Belohnungssystem und unsere Biochemie zu aktivieren, ist tatsächlich Sport, die Alternative Nummer Eins zu Drogen.
Wie muss sich die Prävention verändern?
Lindenbaum: Das ist ein Kapitel, das in Deutschland viel zu kurz kommt. Man muss mit Jugendlichen detailliert darüber reden, wieso Cannabis keine harmlose Droge ist, wie Cannabis unser Denken, unser Fühlen und unser Wollen beeinflusst. Das sind unsere Ich-Funktionen, das, was uns ausmacht. Die optimale Prävention wäre, wenn es viele Freizeitangebote geben würde und wenn es für jeden ein geeignetes Sportangebot gäbe. Das muss dann auch nicht am Geld scheitern. Da muss der Staat handeln. Familien müssten mehr gefördert werden, mit ihren Kindern gemeinsam etwas zu unternehmen, so dass kein Jugendlicher auf der Straße abhängen muss.

Ein Problem der jetzigen Suchtpolitik ist fehlende Glaubwürdigkeit.

Suchtberater Alfred Lindenbaum
Ist die momentane Drogenpolitik der Regierung gescheitert?
Lindenbaum: Ich würde das Wort Suchtpolitik benutzen. Die Suchtpolitik ist insofern gescheitert, als dass sie inkonsequent ist. Suchtpolitik müsste auch die Probleme, die wir mit den legalen Suchtmitteln haben, viel mehr in den Blick nehmen. Alkohol oder Medikamente dürfen nicht außen vor gelassen werden. Prävention fängt bei der Werbung an. Cannabis soll, wenn es legalisiert wird, nicht beworben werden. Aber wieso wird weiterhin Werbung für Alkohol gemacht? Das ist schlicht inkonsequent. Ein Problem der jetzigen Suchtpolitik ist fehlende Glaubwürdigkeit.

Zur Person

Alfred Lindenbaum ist Suchtberater im Diakonischen Werk des Evangelischen Kirchenkreises Lennep und berät überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene. In Osnabrück studierte Alfred Lindenbaum Sozialwissenschaften, daran schloss sich eine Ausbildungen als integrativer Suchttherapeut und als Psychotherapeut an. 1986 kam Alfred Lindenbaum nach Remscheid, arbeitete zunächst als Straßensozialarbeiter. Seit 1990 ist er beim Diakonischen Werk. Nach 35 Jahren Suchtberatung ist der 63-Jährige nun noch bis zum Ende des Jahres dort tätig. Danach will er sich seiner Arbeit in seiner Privatpraxis für Psychotherapie und Coaching widmen. Er ist zudem Teil der Sprechstunde für seelische Gesundheit des Arbeitsamtes und des Jobcenters. Alfred Lindenbaum lebt mit seiner Frau in Lennep und hat zwei erwachsene Töchter.

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